Auf der Pirsch (4)

Die vier Jahreszeiten in der Natur: Was in einem Jagdjahr bei Wild und Jäger passiert

Mitte Mai auf der Suche nach Rehkitzen im hohen Gras: Jägerin und HNA-Volontärin Carolin Eberth mit Jagdhund Janosch.
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Mitte Mai auf der Suche nach Rehkitzen im hohen Gras: Jägerin und HNA-Volontärin Carolin Eberth mit Jagdhund Janosch.

Über kaum eine Leidenschaft wird so intensiv diskutiert wie über die Jagd. In unserer Serie „Auf der Pirsch“ klären wir über das Waidwerk auf. Fakt ist: Es geht um mehr als Schießen.

Werra-Meißner-Kreis – Mit jedem Jahr fängt in der Natur der Kreislauf des Lebens aufs Neue an. Im Verlauf der Jahreszeiten ändert sich die Vegetation, das Verhalten des Wildes und damit auch die Aufgaben und Herausforderungen der Jäger. Das Jagdjahr beginnt am 1. April und endet am 31. März. Es startet nicht wie das Kalenderjahr im Januar, sondern orientiert sich an den Vegetations- und Wachstumsperioden, die ebenfalls im Frühjahr einsetzen.

Was in einem Jagdjahr von April bis Juni bei Wild und Jäger passiert

Zum Jagdjahresbeginn im April haben viele Wildtiere Schonzeit und dürfen nicht bejagt werden. Grund dafür ist, dass die Waldbewohner, beispielsweise Waschbären und Wildschweine, mit ihren Nachkommen beschäftigt sind. Andere Tierarten bereiten sich auf die Zeit des Setzens vor wie Rehwild, das im Mai die Kitze zur Welt bringt.

Doch pünktlich zur Setz- und Brutzeit steht bei den Landwirten die erste Wiesenmahd an. Daher suchen Jäger mit ihren Jagdhunden das hohe Gras nach Jungtieren und Gelegen ab, damit diese nicht von den Mähmaschinen verstümmelt oder getötet werden.

Bei den Jägern stehen im Frühjahr Arten- und Naturschutzmaßnahmen auf dem Programm, und allerlei Revierarbeiten müssen erledigt werden. So werden beispielsweise Vogelhäuschen gebaut und gesäubert, Wildäcker und Blühstreifen angelegt, Salzlecksteine ausgebracht, Obstbäume gepflanzt, Hochsitze gebaut und erneuert und Pirschwege erstellt. Je nach Bundesland wird im April oder Mai die Jagd auf Reh- und Rotwild eröffnet.

Was in einem Jagdjahr von Juli bis September bei Wild und Jäger passiert

Wenn an lauen Abenden leuchtende Glühwürmchen um die Hochsitze schwirren und zirpende Heuschrecken die Abendansitze der Jäger abrunden, ist der Sommer im Revier angekommen. An schwülwarmen Tagen hält sich das Wild gerne im Schatten des Waldes auf. Nachts sucht es Deckung und Nahrung im heranwachsenden Getreide.

Ein fahrbarer Hochsitz steht vor einem Maisfeld.

Damit beginnt eine der Hauptaufgaben der Jäger: die Verhinderung von Wildschäden. Dafür werden an gefährdeten Feldern Hochsitze aufgebaut, auf denen die Jäger teils nächtelang sitzen, Elektrozäune gespannt und auch Mittel der Vergrämung angewendet. Und wer zahlt den Landwirten ihren Verlust, wenn doch Wildschaden entsteht? Dann sind es ebenfalls meistens die Jäger, die tief in die Tasche greifen müssen.

Mitte Juli beginnt die Paarungszeit der Rehe, die Blattzeit, und für das Rotwild beginnt die Feistzeit. Während der Feistzeit bereiten sich die Hirsche auf die kräftezehrende Brunft (Paarungszeit bei Rotwild) vor: Sie fressen sich Fettreserven an und gönnen sich ausgiebige Ruhezeiten. Anfang/Mitte September, wenn die Nächte kühl werden, vielleicht sogar der erste Frost kommt, beginnt die Rotwildbrunft.

Ein röhrender Hirsch in der Brunftzeit.

Die Hirsche röhren bis tief in die Nacht. Auch früh morgens, wenn die Sonne aufsteigt, kann man sie noch hören. Diese Zeit der Brunft, wenn nachts der Nebel aufsteigt und die Tauperlen glitzern, stellt für Jäger einen ganz besonderen Höhepunkt im Jahr dar.

Was in einem Jagdjahr von Oktober bis Dezember bei Wild und Jäger passiert

Die Getreideernte sorgt jedes Jahr für einen „Ernteschock“ beim Wild. Monatelang hatten die Tiere sichere Deckung auf Feld und Flur, die nun plötzlich verschwunden ist. Das Wild ist jetzt besonders heimlich, das heißt, es zieht sich zurück und benötigt ein wenig Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Jäger beim Legen der Strecke: Nach einer Gesellschaftsjagd wird das erlegte Wild in Reihe gelegt und alle Waidmänner kommen zusammen. Dieser Brauch wird als Ehrerbietung vor den erlegten Tieren ausgeführt.

Im Oktober geht die Hauptjagdsaison los und dauert bis Ende des Jahres an. Dies ist die Zeit der Gesellschaftsjagden, bei denen Jäger, Treiber und Hunde gemeinsam jagen. Ziel ist es, die letzten gesetzlich vorgeschriebenen Abschüsse zu erfüllen, bevor die meisten Wildarten gegen Ende des Kalenderjahres wieder unter die Schonzeit fallen.

Was in einem Jagdjahr von Januar bis März bei Wild und Jäger passiert

Anfang des Jahres ist es dann wieder etwas ruhiger im Jagdrevier, und die meisten Wildtiere fallen ab Januar oder Februar unter die Schonzeit. Daher wird die Zeit genutzt, das neue Jagdjahr zu planen und den Tieren Ruhe zu gönnen. Wenn der Boden dauerhaft gefroren ist und hoher Schnee den Waldboden bedeckt, wird das Nahrungsangebot für die Waldbewohner geringer. Dann stehen die Futterstellen im Vordergrund, die von Jägern bestückt werden. Wer dabei achtsam im Revier unterwegs ist, kann viel entdecken. Vor allem: jede Menge Fährten.

Im März erwachen Natur und Tierwelt langsam zu neuem Leben. Die letzten Schnee-Inseln schmelzen, die Sonne gewinnt an Kraft, die Tage werden länger, erste Blumen blühen – und ein Hauch von Frühling liegt in der Luft, wenn das Jagdjahr am 31. März endet. (Carolin Eberth)

Unsere Jagdserie „Auf der Pirsch“:

In der ersten Folge unserer Serie „Auf der Pirsch“ nennen wir Gründe, weshalb das Waidwerk auch heute noch notwendig ist.

In der zweiten Folge klären wir die meist gestellten Fragen von Nichtjägern zur Jagd.

Die dritte Folge unserer Serie „Auf der Pirsch“ erläutert den Weg bis zum Jagdschein. Was muss ein Jäger für das „Grüne Abitur“ überhaupt alles wissen?

Die fünfte Folge ist eine Zeitreise durch das Waidwerk: Die Entwicklung der Jagd im Laufe der Jahrhunderte.

In der sechsten Folge geht es um Sitten, Bräuche bei der Jagd und Jagdhunde.

In der siebten Folge nehmen wir Sie mit auf einen Ansitz auf dem Hochsitz.

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