Auf der Pirsch (1)

Jagd ist mehr als Schießen: Gründe, weshalb das Waidwerk auch heute noch notwendig ist

Im Jagdrevier nach dem Rechten sehen: Jägerin und HNA-Volontärin Carolin Eberth mit Jagdhund Janosch in einem Wald im Werra-Meißner-Kreis.
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Im Jagdrevier nach dem Rechten sehen: Jägerin und HNA-Volontärin Carolin Eberth mit Jagdhund Janosch in einem Wald im Werra-Meißner-Kreis.

Über kaum eine Leidenschaft wird so intensiv diskutiert wie über die Jagd. In unserer Serie „Auf der Pirsch“ klären wir über das Waidwerk auf. Fakt ist: Es geht um mehr als Schießen.

Werra-Meißner-Kreis – Immer mehr Menschen in Deutschland machen ihren Jagdschein. Und trotzdem ernte ich noch oft Unverständnis, wenn ich erzähle, dass ich einen Jagdschein habe. „Warum erlegst du Tiere?” ist mit Abstand die häufigste Frage, die mir gestellt wird.

In einer so dicht besiedelten Kulturlandschaft wie Deutschland hat die Jagd ganz andere Aufgaben als noch vor vielen Jahrzehnten. Die intensive Bewirtschaftung unseres Landes hat sich auf die heimische Tierwelt ausgewirkt. Es gibt hier keine unberührte Natur mehr. Die Folgen, die sich für die Wildtiere hieraus ergeben, versuchen wir Jäger zu regulieren, unter anderem auch mit dem Mittel der Jagd.

Aktuell wird mit dem Mittel der Jagd die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest eingedämmt

Das bedeutet im Einzelnen, dass Jäger diejenigen Tiere bejagen, von denen es viele oder sogar zu viele gibt (siehe Hintergrundkasten), um einen ausgewogenen Wildbestand zu erhalten, wirtschaftliche Schäden vom Hab und Gut der Landwirte und Waldbauern abzuwenden und vom Aussterben bedrohten Tierarten eine Chance zum Überleben zu geben.

Außerdem wird durch Bejagung die Populationsdichte derjenigen Tierarten verringert, bei denen sich sonst schwere Krankheiten seuchenhaft ausbreiten können. Aktuell wird zum Beispiel die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP), eine schwere Virusinfektion, die Haus- und Wildschweine befällt, mit der Bejagung von Wildschweinen eingedämmt.

Natur genießen und schützen: Immer mehr Menschen gehen auf die Jagd. Bundesweit gibt es aktuell fast 400.000 Jäger. 1980 waren noch 260.000.

Jagd: Wildfleisch macht nachhaltigen Fleischkonsum möglich

Aber was hat mich persönlich so fasziniert, dass ich mich vor fünf Jahren, im Alter von 16, dazu entschlossen habe, einen Jagdschein zu machen?

Seit ich laufen kann, haben mich mein Opa und Vater mit in den Wald genommen und mir unter anderem beigebracht, dass, wenn man Fleisch essen möchte, dafür Tiere sterben müssen. Hierfür beobachten wir die Tiere zunächst, warten geduldig auf die richtige Gelegenheit zum Schuss. Wir sehen das Tier lebendig vor uns, treffen die Entscheidung, es zu töten. Damit übernehmen wir die volle Verantwortung dafür, wann, wie und wo ein Tier stirbt. Klingt brutal? Dann sollten wir uns mal vor Augen führen, dass all dies verdrängt wird, wenn man im Supermarkt sein Fleisch kauft. Hier nimmt man nur noch eine sauber verpackte Plastikschale mit Grillsteaks aus dem Kühlregal.

Nichts hier erinnert daran, dass das mal ein lebendiges Wesen war. Außerdem bietet die Jagd für mich die schönste Möglichkeit, vor dem Alltagsstress zu flüchten und in der Natur Erholung zu schöpfen.

Unsere Jagdserie „Auf der Pirsch“:

In der zweiten Folge klären wir die meist gestellten Fragen von Nichtjägern zur Jagd.

Die dritte Folge unserer Serie „Auf der Pirsch“ erläutert den Weg bis zum Jagdschein. Was muss ein Jäger für das „Grüne Abitur“ überhaupt alles wissen?

Die vierte Folge dreht sich um die vier Jahreszeiten in der Natur. Was in einem Jagdjahr bei Wild und Jäger passiert.

Die fünfte Folge ist eine Zeitreise durch das Waidwerk: Die Entwicklung der Jagd im Laufe der Jahrhunderte.

In der sechsten Folge geht es um Sitten, Bräuche bei der Jagd und Jagdhunde.

In der siebten Folge nehmen wir Sie mit auf einen Ansitz auf dem Hochsitz.

Jagd ist mehr als Schießen, zum Beispiel Freude an der Natur

Ich glaube, ich kann recht sicher sagen, dass jeder Jäger sich mit der Natur verbunden fühlt. Sonst würde er nicht mehrere Stunden unbeweglich an derselben Stelle sitzen bleiben und still beobachten, was rings um einen herum passiert. Tatsächlich ist der kleinere Teil der Jagd das tatsächliche Erlegen von Wild. Viel mehr Zeit verbringt man draußen, um im Wald nach dem Rechten zu sehen oder einfach nur zu beobachten.

Und wenn ich einem Reh mit ihren Kitzen über Stunden beim Äsen und Spielen zusehen kann, freut mich das genauso, als hätte ich einen Bock erlegen können. Selbst, wenn kein Fuchs auf den Wiesen maust, wenn der Hirsch lieber im Dickicht bleibt und auch der Dachs unter der Erde zu tun hat, dann ist da diese einzigartige Ruhe, die atemberaubende Schönheit der aufgehenden Sonne, die Rufe, das Werben und Warnen der Vögel.

Die Notwendigkeit der Jagd: Hintergrundwissen zu den Wildschweinbeständen

In ganz Europa steigt die Zahl der Wildschweine seit Jahrzehnten nahezu kontinuierlich an. In Deutschland wurden in der vergangenen Jagdsaison über 880.000 Wildschweine erlegt. Vor zehn Jahren waren es noch rund 400.000. Trotz der viel höheren Abschusszahlen steigt die Population der Wildschweine weiter. Gründe sind unter anderem mildere Winter, einige Jahre mit reichlichen Erträgen von Eichen- und Bucheckern, eine frühere Geschlechtsreife und der Boom beim Getreide- und Maisanbau.

Abhängig vom Alter der Bache (Mutter), ist pro Wurf mit zwei bis acht Frischlingen zu rechnen. Sie können jährlich bei optimalen Bedingungen sogar zwei Würfe zur Welt bringen. Die Reproduktionsrate liegt bei etwa 250 Prozent: Wo heute 100 Wildschweine leben, wären es ohne Jagd im Folgejahr 350 Tiere. Nach Angaben der Tierärztlichen Hochschule Hannover benötigen Jäger im Schnitt mindestens 20 Stunden, um ein Schwein zu erlegen. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der erlegten Tiere im vergangenen Jagdjahr haben Deutschlands Jäger also mindestens 17,6 Millionen Stunden in die Wildschweinbejagung investiert.

Unsere Autorin:

Carolin Eberth (21) wurde 2000 in Hamburg geboren und lebt seit 12 Jahren im Werra-Meißner-Kreis. Mit 16 Jahren machte sie ihren Jagdschein und geht seither bei ihrem Vater im Revier mit zur Jagd. Seit 2020 macht sie bei der HNA ein Volontariat. 

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