Donnergrollen und gleißendes Licht

Brocken aus dem All - der Meteorit von Treysa stürzte vor 100 Jahren auf die Erde

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Eisen & Mineralien: Die angeschnittene Seite des Treysaer Meteoriten offenbart, wie sich seine Bestandteile zusammensetzen. 

Schwalm-Eder. Als am 3. April 1916 ein gleißendes Licht über den Nachmittagshimmel zog und kurz darauf ein Donnergrollen das Geschirr in den Schränken klirren ließ, glaubten viele Menschen, dass eine Fliegerbombe auf sie niederging.

Das wahre Flugobjekt war weniger gefährlich, dafür umso spektakulärer: Ein Meteorit war in der Nähe von Treysa (heute Schwalmstadt) niedergefallen, der auch 100 Jahre nach seinem Fund die Wissenschaft bewegen sollte.

„Der Meteorit von Treysa ist der größte Meteorit Deutschlands, dessen Fall beobachtet wurde“, berichtet Peter Masberg. Als Leiter des Mineralogischen Museums Marburg verwahrt er den Himmelskörper heute.

Der Absturz

Von seinem Absturz bis zur Glasvitrine hatte der Treysaer Meteorit einen weiten Weg zurückgelegt: Mit kosmischer Geschwindigkeit raste er mehrere hundert Kilometer durch die Atmosphäre. Fast 90 Prozent seiner Masse verdampften dabei durch die Reibungshitze. Nur noch 36 Zentimeter im Durchmesser und 63 Kilo schwer streifte er in einem Waldstück nahe des Schwalmstädter Ortsteils Rommershausen eine Buche und grub sich eineinhalb Meter tief in die Erde.

Die Suche

Die zahlreichen Berichte weckten das Interesse des Wissenschaftlers Alfred Wegener. Durch Aufrufe in mehreren Tageszeitungen bat er die Augenzeugen, ihre Beobachtungen aufzuschreiben und ihm zukommen zu lassen. Die Zuschriften zogen sich vom Teutoburger Wald im Norden, Erfurt im Osten sowie im Süden bis zum Main und Rhein. Sie alle deuteten auf die Gegend um Treysa herum hin.

„Wegener kombinierte die Licht- und Donner-Beobachtungen der Augenzeugen - und hat allein damit die Fallstelle erstaunlich genau berechnet“, erzählt Masberg.

Nur acht Kilometer lag der Wissenschaftler daneben mit seiner Prognose, was jedoch ausreichte, dass der Meteorit lange unentdeckt blieb.

Der Fund

Nur durch Zufall entdeckte ein Förster namens Huppmann im Sommer 1916 in seinem Wald eine Grube mit einem metallischen Gegenstand. Nicht sicher, ob es tatsächlich der gesuchte Meteorit war, behielt er den Fund zunächst für sich. Erst als 300 Reichsmark als Belohnung für das Auffinden des Meteoriten ausgeschrieben wurden, benachrichtigte er im März 1917 die Wissenschaftler.

Die waren euphorisch angesichts des Brockens: „Wir haben ihn! Reines Eisen! Unzweifelhaft in jeder Beziehung!“, schrieben Wegeners Kollegen Franz Richards und Emanuel Kayser in einer Karte.

Die Forschungen

Ein Dutzend Scheiben trennten spätere Forschergenerationen von dem Meteoriten für Untersuchungen ab, sie befinden sich in Laboren in Berlin, den USA, und einigen anderen Ländern.

„Eine gemeinsame Arbeitsgruppe gibt es bislang nicht“, sagt Masberg. Angesichts der 100-Jahr-Feier hofft er jedoch, dass sich das ändern wird.

Ein Blick in unseren Erdkern

Metallkunde, Gefügekunde, Geophysik - das sind nur einige der Wissenschaftsrichtungen, die sich mit dem Treysaer Meteoriten beschäftigen. Was die Forschung von ihm lernen kann, erklärt sein Hüter Peter Masberg.

Wo hat der Meteorit seinen Ursprung?

Der Treysaer Meteorit stammt aus unserem Sonnensystem und zog vor seinem Absturz seine Bahnen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Er war einst Teil eines größeren Asteroiden, welcher zeitgleich mit unserem Sonnensystem vor etwa 4,5 Milliarden Jahren entstanden ist.

Messungen der kosmischen Strahlung haben ergeben, dass sich der Treysaer Meteorit vor etwa 650 Millionen Jahren von seinem Mutterkörper abspaltete - vermutlich aufgrund einer Kollision mit einem anderen großen Asteroiden.

Weitere Kollisionen brachten ihn Millionen Jahre später auf einen Kurs, der sich im Jahre 1916 mit der Erde kreuzte.

Aus welchen Materialien besteht er?

Die Hauptbestandteile des Meteorits sind Eisen und Nickel. Hinzu kommen noch Phosphorminerale, Kobalt, sowie die Elemente Gallium, Germanium und Iridium. Außerdem zeigt der Treysaer Meteorit seltene eiförmige Einschlüsse des Eisensulfids Troilit. Die vielen näpfchenförmigen Vertiefungen in der Außenhülle sind auf die Reibungshitze beim Eintritt in die Atmosphäre zurückzuführen: Dort schmolz der Meteorit ungleichmäßig ab.

Warum ist er für die Wissenschaft so bedeutend?

Seitdem der Mutterasteroid vor 4,5 Milliarden erstarrt ist, hat sich seine stoffliche Zusammensetzung kaum verändert.

Der Treysaer Meteorit gibt daher einen Einblick, wie die ersten festen Stoffe unseres Sonnensystems aussahen.

Als Eisenmeteorit besteht er zudem aus denselben Materialien wie der Erdkern, sodass wir durch seine Untersuchung auch mehr über unseren eigenen Planeten erfahren.

Peter Masberg ist 1954 geboren und Professor für Mineralogie an der Universität Marburg. Seit 2004 leitet er das Mineralogische Museum

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