„Jede Frau ist besonders“

Brigitte ohne Models

Inzwischen sind es 20 000 Frauen. Die Jüngste war unter 16, die Älteste über 60 Jahre alt. Sie alle wollen ihr Gesicht gern in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ sehen. Die hat seit Anfang Januar die Initiative „ohne Models“ gestartet.

 Für die eigenen Foto- und Beautystrecken kommen nur noch „normale“ Frauen ins Blatt. Darüber haben wir mit einer der Chefredakteurinnen, Brigitte Huber, gesprochen.

 Frau Huber, wissen Sie, dass Sie die Frauen in unserer Redaktion ziemlich deprimiert haben?

Brigitte Huber: O je, wieso das denn?

In der „Brigitte“ sind seit ein paar Wochen keine Models mehr zu sehen. Aber die normalen Frauen im Heft sind genauso schön.

Zur Person

Brigitte Huber (44) wurde in Trostberg am Chiemsee geboren und hat ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München absolviert. Nach mehreren Jahren Arbeit als freie Autorin wurde sie 1998 stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Freundin“. 2003 wechselte sie in gleicher Funktion zur „Brigitte“. Heute betreut sie als Chefredakteurin Neue Medien zusätzlich den Internetauftritt der „Brigitte-Verlagsgruppe“. Brigitte Huber lebt mit ihrem Sohn in Hamburg. Sie trägt Kleidergröße 38. (str)

Huber: Viele Leute sind überrascht, dass es so viele gut aussehende Frauen gibt, die keine Models sind. Das wundert uns. Denn attraktive Frauen haben ja nicht nur Modeln im Kopf. Die andere Sache ist, dass man die Kraft der Fotografie, des Lichts und des Make-ups nicht unterschätzen darf.

Also doch wieder nur schöner Schein?

Huber: Nein, im Gegenteil. Wir zeigen, dass in nahezu jeder Frau etwas steckt, das man mit der Kamera so herauslocken kann, dass Sie und ich davon begeistert sind.

Haben Sie das Gefühl, dass sich Ihre Leserinnen mit den Architektinnen und Studentinnen im Heft identifizieren können?

Huber: Ich glaube schon, das hören wir auch von vielen Leserinnen. Letztendlich bekommen Sie auf den Mode- und Beautyseiten einer Zeitschrift ein Frauenbild vermittelt. Und ich bin zuversichtlich, dass wir eine Vielfalt abbilden können, bei der sich jede Frau irgendwo wiederfindet.

Die deutsche Durchschnittsfrau hat Größe 42, weder Giraffenbeine noch Schmollmund. Hätte sie trotzdem eine Chance, ins Heft zu kommen?

Huber: Ja, weil jede Frau etwas Besonderes hat. Eine tolle Ausstrahlung hat nichts mit Giraffenbeinen oder Schmollmund zu tun. Wir werden jetzt kein Magazin für Übergrößen und Sie werden eher keine Frau über Mitte 30 auf dem Titel von Brigitte sehen. Aber ich bin mir sicher, dass man auch viele Ihrer Nachbarinnen wunderbar fotografieren könnte. Aber sie müssen auch Lust dazu haben. Ich werde Sie das nächste Mal beim Postholen fragen.

Wie war eigentlich die Resonanz auf Ihre Initiative?

Huber: Auf der Fashion Week in Berlin habe ich viele Leute aus den unterschiedlichsten Branchen getroffen. Da war die Stimmung gegenüber dem Projekt ganz großartig. Es wurde als Signal gesehen, um von dem eindimensionalen Schönheitsideal wegzukommen, das in den letzten Jahren präsentiert wurde.

Auf den Berliner Laufstegen sind trotzdem nur makellose Models mit Kindergrößen zu sehen. Wird sich daran irgendwann etwas ändern?

Huber: Eine einzige Frauenzeitschrift hat nicht die Macht, das zu ändern. Wir tun unseren Teil, aber deshalb werden die Models in Mailand oder New York nicht automatisch dicker. Immerhin wurde nun wieder eine Debatte angestoßen. Diese Entwicklung hin zu Size zero findet außer ein paar Designern ja keiner gut. Das hat sich dahin bewegt, weil Designer die Frau mehr als Kleiderständer als einen Menschen sehen.

Wenn nun meine Nachbarin in den Kleidern steckt: Geht damit auch ein Stück der Glitzerwelt Mode verloren, in die man sich hineinträumen will?

Huber: Ich bin mir sicher, dass das nicht der Fall ist. Mode ist etwas, das uns zum Träumen verführen soll, aber das funktioniert nicht nur mit austauschbaren Gesichtern und Körpern. Ich finde, eine 30-jährige Architektin, die frech einen Schuh im Mund hat, ist viel näher am zeitgemäßen Frauenbild.

Haben wir denn verlernt, das Normale schön zu finden? Huber: Wir müssen zumindest wieder lernen, normale Maße schön zu finden. Es geht nicht um Normalität im Sinn von Durchschnittlichkeit. Aber ich finde einen gesunden Körper einfach schöner als einen abgemagerten. Da hat sich in der Wahrnehmung etwas verschoben.

Warum lag dann gleich in der ersten Brigitte ohne Models ein Diätheft? Huber:

Ich verstehe, dass Sie das irritiert, aber wir können unseren Leserinnen ja nicht sagen, dass sie nichts für sich tun dürfen. Jede Frau hat das Recht, sich zu verändern, wenn sie sich dadurch besser fühlt. Und die Brigitte-Diät ist alles andere als eine Anleitung zur Magersucht.

Von Sakia Trebing

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