"Sie schreiben Weltuntergänge herbei, weil Ihnen nur noch wichtig ist, was gut klickt"

Jörg Kachelmann im Interview: "Warum schreibt ihr so einen Scheiß?"

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#Vollpfostenjournalismus ist sein Lieblings-Hashtag: Meteorologe und Dauer-Twitterer Jörg Kachelmann.

Jörg Kachelmann kritisiert jeden - zuletzt auch uns sowie einen Politiker aus der Region. Warum wurde aus Deutschlands populärstem TV-Meteorologen ein Twitter-Wüterich? Wir haben ihn gefragt.

Wer mit Jörg Kachelmann ein Interview verabredet, weiß sofort, dass der Meteorologe nicht viel von einem hält. "Ich verstehe nicht, warum ihr immer so einen Scheiß schreibt, wenn ihr mir doch auf Twitter folgt", sagt der 60-Jährige ins Telefon und klingt dabei doch wie ein Kumpel, dem man so etwas nicht krummnimmt.

Das Problem bei Kachelmann ist, dass er der Welt auf Twitter ständig mitteilt, was er von ihr hält. Da klingt er nicht mehr wie ein Bekannter, der einen womöglich zu Recht auf Fehler hinweist, sondern wie ein verbitterter alter Mann, der alles besser weiß und für den Journalisten "Klickschlampen" sind.

Gerade hat Kachelmann dem grünen Europaabgeordneten Martin Häusling aus Bad Zwesten im Kurznachrichtendienst eine Nachhilfestunde erteilt. Der Landwirt hatte ein Foto aus dem Kellerwald getwittert und zum Hashtag #Hitzesommer geschrieben: "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass der Bach, der durch unsere Wiesen fließt, fast ausgetrocknet ist." Kachelmanns Antwort: "Jetzt muss man dem Biobauern nur noch erklären, dass das nicht mit ein paar Tagen Hitze, sondern mit der monatelangen Dürre zu tun hat. Was die Großmutter noch wusste."

In diesem "Sommer der Hölle", wie "Bild"-Kolumnist Franz-Josef Wagner die lang anhaltende Trockenheit reißerisch bezeichnete, hatte der Schweizer besonders viel richtigzustellen. In den vergangenen Wochen schien er eine Art Feldzug gegen den in Deutschland gefürchteten Durchzug zu führen, der angeblich krank macht statt abzukühlen. "Die meisten Medien verbreiten durch Dummheit, Ignoranz und Zynismus Aberglauben aus dem Mittelalter und sind mitschuldig, wenn alte Menschen durch Hitze sterben", folgerte Kachelmann, dessen Lieblingshashtag #Vollpfostenjournalismus heißt.

Große Unterscheidungen bei den Vollpfosten macht er nicht. "95 Prozent der deutschen Medien" hätten in diesem Sommer die "kurze Hitzewelle für die Probleme in Feld, Wald und Fluss verantwortlich gemacht", wie er in unserem Interview vorrechnet: "Es beelendet sehr, wenn es schon nicht zu gesundem Menschenverstand, dann auch nicht mal zu minimaler Recherche reicht".

Kachelmann weiß, wie Journalisten arbeiten, er war selbst mal einer. Nach dem Geografie-, Mathe-, Physik- und Meteorologiestudium in Zürich volontierte der gebürtige Lörracher beim Schweizer Boulevardblatt "Sonntagsblick", ehe er seine Wettervorhersagen beim Südwestfunk begann. In den 90er-Jahren wurde er mit "Das Wetter im Ersten" Deutschlands populärster TV-Meteorologe und moderierte Talkshows - bis er 2010 verhaftet wurde. Kachelmann sollte seine damalige Geliebte vergewaltigt haben. Er wurde freigesprochen. Seine TV-Karriere war trotzdem am Ende.

Fragt man Kachelmann, ob der Prozess und die Berichterstattung darüber sein Bild von den Medien verändert hätten, antwortet er: "Ich bin nicht verbittert, auch wenn Journalisten mir bis heute nicht verzeihen, dass ich ein Verbrechensopfer bin." Seine Ex-Geliebte, die mittlerweile wegen Falschaussage verurteilt worden ist, nennt er nur "Falschbeschuldigerin".

Kachelmann, der sich auf Twitter "Vater/Mann/Meteorologe/Unternehmer" nennt, ist ein Freund klarer Worte. Seiner Ansicht nach liegt das auch daran, dass er mit Politikern wie Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß aufgewachsen ist, die ebenfalls Meister im Pöbeln waren.

Die hätten ihre Freude daran, wenn Kachelmann über die Medien herzieht und dabei den Interviewer direkt anspricht: "Sie schreiben andauernd Weltuntergänge und Russenpeitschen herbei, weil Ihnen nur noch wichtig ist, dass es gut klickt. Sie bekommen viel Geld und den besten Platz bei Ihrem Lieblingsitaliener, weil Sie wichtig sind, und dies auch gerne sind. Sie machen sich gern mal über lokale Politiker und Unternehmer lustig, wenn sie die falsche Krawatte tragen, und sind selbst so empfindlich bis kritikunfähig". Man würde gern seinen Lieblingsitaliener fragen, der nie einen Platz für einen hat, was er davon hält.

Kachelmann teilt nicht nur gegen die Medien aus, sondern auch gegen seine Kollegen und die meisten Wetter-Apps: "Wie jeder inzwischen bemerkt haben dürfte, sind sie bei sommerlichen Gewitterlagen völlig unbrauchbar." Nur über Sven Plöger und Claudia Kleinert, seine Nachfolger im Ersten, sagt er nichts, was dann aber auch nicht unbedingt gut ist: "Ich kann sie schlecht beurteilen, weil ich sie nie sehe."

Mit den zwölf Mitarbeitern seiner Firma und dem Portal kachelmannwetter.com will er die besseren Vorhersagen machen. Für seine 114.000 Follower hat er mehr als 167.000 Tweets versendet - rund um die Uhr: "Das gehört zu meiner Arbeit. Wir können uns nicht wie die HNA leisten, dass nachts alles schläft." Und wo er schon einmal dabei ist, macht er unsere Zeitung für Waldbrände mitverantwortlich. 

Im Zusammenhang mit der Dürre hatten wir das Wort "Hitzewelle" verwendet, es war ja zuletzt nicht nur trocken, sondern tatsächlich auch sehr heiß. Kachelmann aber findet: "Das Dummschreiben auch Ihrer Zeitung, dass das Problem die Hitzewelle und nicht die Dürre sei, kann dazu führen, dass die Menschen jetzt bei tieferen Temperaturen wieder sorgloser ihre Kippen durch die Gegend werfen und deshalb ein Bauernhof niederbrennt."

Zum Abschluss fasst er noch einmal sehr präzise zusammen, was er von einem hält: "Ihnen geht es nur um Ihr Seelchen, mir um das, was passieren kann, wenn man Unsinn schreibt." Falls es einen Wettergott gibt, wünscht man sich nach diesem Interview, dass es bitte nicht Jörg Kachelmann sein möge. Sonst wird es für einen im Fegefeuer sehr viel heißer werden als diesen Sommer. Und trockener sicher auch.

Unsere ausführliche Wettervorhersage für die Region gibt es hier.

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