Kampusch wehrt sich: "Da wird mir schlecht"

+

Wien - Sechs Jahre nach der Flucht von Natascha Kampusch aus ihrem unterirdischen Verlies diskutiert halb Österreich erneut über Spekulationen zu dem Fall. Nun wehrt sich Kampusch.

Sie lächelt nicht. Der Blick von Natascha Kampusch ist ernst, aber gefasst. Nur in wenigen Momenten scheint so etwas wie Wut durch, wenn sie sich jetzt in einem ausführlichen Interview des österreichischen Fernsehens gegen wiederkehrende Vorwürfe verteidigt und Verschwörungstheorien Punkt für Punkt zurückweist. Die hübsche 24-Jährige, die 2006 aus ihrer achtjährigen Gefangenschaft floh, steht erneut im Mittelpunkt von Talkshows, Berichten und Kommentaren. Ende März will ein Parlamentsausschuss einen Bericht vorlegen. In Österreich kommt Kampusch so schnell nicht zur Ruhe.

Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern

Die neunjährige Corinna wurde am 29.07.2009 tot in einem Seitenarm des Flusses Mulde unweit ihres Elternhauses in Eilenburg gefunden. Sie fiel vermutlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Die Ermittlungen dauern noch an. © ap
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der neunjährige Dennis aus Scharmbeckstotel wurde am 05. September 2001 aus dem Schullandheim Wulsbüttel entführt. Am 19.09.2001 wurde die Leiche von Dennis in einem Waldstück bei Kirchtimke entdeckt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die achtjährige Michelle aus Leipzig wurde am 17. August 2008 auf dem Heimweg entführt. Am 21. August wurde ihre Leiche in einem Teich gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der heute 73-Jährige Josef Fritzl hielt seine Tochter Elisabeth Jahrzehnte in einem Kellerverlies unter seinem Haus gefangen. Immer wieder vergewaltigte er sie und zeugte in der Zeit mit ihr sieben Kinder. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In diesem Kellerverlies wurden die Opfer von Fritzl gefangen gehalten. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Im Jahr 2006 gelang Natascha Kampusch die Flucht von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil. Er begann daraufhin Selbstmord. © dpa
Die 6-jaehrige Ayla aus Zwickau wurde 17. Mai 2005 in der Naehe ihrer Wohnung von einem Mann in ein Auto gezogen worden.
Die sechsjährige Ayla aus Zwickau wurde am 17. Mai 2005 in der Naehe ihrer Wohnung von einem Mann in ein Auto gezogen, sexuell missbraucht und ermordet.. © dpa
Der Mörder von Ayla, Michael L. hat die Tat wenig später gestanden.
Der Mörder von Ayla, Michael L. hat die Tat wenig später gestanden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der jüngste traurige Fall: Die achtjährige Kardelen aus Paderborn wurde seit 12. Januar 2009 vermisst. Vier Tage später die traurige Gewissheit. Kardelen wurde sexuell missbraucht und getötet. © dpa
Die zehnjährige Adelina aus Bremen verschwand am 26. Juni 2001 nach dem Besuch beim Ur-Großvater. Ihre Leiche wurde später in einem Wald gefunden.
Die zehnjährige Adelina aus Bremen verschwand am 26. Juni 2001 nach dem Besuch beim Ur-Großvater. Ihre Leiche wurde später in einem Wald gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die achtjährige Levke aus Cuxhaven wurde seit dem 6. Mai 2004 vermisst. Dreieinhalb Monate später wird ihre Leiche in einem Waldstück in Attendorn gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die vier Jahre alte Madeleine McCann war am 3. Mai 2007 spurlos aus einer Ferienwohnung in Südportugal verschwunden. Bis heute ist der Fall ungelöst. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Gestanden hat der Mörder des neunjährigen Mitja vor Gericht in Leipzig. Der damals 43-Jährige hat den neunjährigen Buben mit in seine Wohnung genommen, vergewaltigt und erdrosselt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Immer noch auf freiem Fuß sind die Täter, die das Leben des damals fünfjährigen Pascal auf dem Gewissen haben. Der Bub wurde 2001 in einer Kneipe in Saarbrücken vergewaltigt und erstickt. Seine Leiche wurde nie gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In Riekofen im Landkreis Regensburg wird 2007 bekannt, dass der örtliche Pfarrer sich an einem Kind vergangen haben soll. Wie sich herausstellte war es nicht der erste Fall: Der Geistliche war bereits wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft. Das Ordinariat schweigt zu den Vorwürfen. © dpa
Am 15. September 1981 wird die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt.
Am 15. September 1981 wurde die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In dieser Kiste wurde sie von dem Täter gesteckt, in der sie qualvoll erstickte. © dpa

Die seit Jahren schwelenden Debatten wurden jetzt angeheizt, weil der Vorsitzende des Ausschusses in Wien, Werner Amon, nicht an einen Einzeltäter glaubt und das auch vor Ende der Untersuchung öffentlich verkündet hatte. Kampusch habe “ihre subjektive Wahrheit“, sagte er der dpa. Die junge Frau “wird Gründe haben, das so darzustellen, wie sie es darstellt“. Laut Zeitungsberichten will der Ausschuss in einem 600 Seiten umfassenden Bericht empfehlen, den Fall wegen der zahlreichen Ungereimtheiten noch einmal komplett aufzurollen.

Neben der These von einem zweiten Täter wuchern weitere wilde Spekulationen: Der Entführer soll sich 2006 nicht selbst getötet haben. Natascha Kampusch soll in der Gefangenschaft von ihm ein Kind bekommen haben und es nicht zugeben. Sie decke - bewusst oder unwissend - einen Pädophilenring, der hinter ihrer Entführung stecke. Es gebe einen Pornofilm. Und Ähnliches mehr.

Das führt zu absurden Vorfällen. Ein Polizist tauchte in einer Grundschule auf und versuchte, von einem Mädchen DNA-Proben zu nehmen, um zu beweisen, dass sei die Tochter von Kampusch sei. Der Polizist, gleichzeitig Kommunalpolitiker der rechtspopulistischen FPÖ, traf sich vorher mit dem Ex-Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, Johann Rzeszut, der 2008 eine Untersuchungskommission zu dem Fall Kampusch leitete und seitdem die Version der Behörden bezweifelt.

Kampusch wurde als Zehnjährige von dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt und verbrachte ihre gesamte Jugend in einem Kellerverlies. Im ORF-Interview am Montagabend zeigte sie sich unglücklich und verletzt. “Ich wollte genau das verhindern, was jetzt eingetroffen ist, dass die Leute ihre Sache daraus machen“, sagt sie. “Ich wollte verhindern, dass irgendjemand das ganze abtut und verfälscht.“

Sie habe nie Mittäter gesehen, betont die 24-Jährige, die ihre blonden Haare jetzt sehr lang trägt. “Ich hatte immer Angst, dass jemand anderes durch die Tür kommt. Aber das ist Gott sei Dank nie passiert.“ Die Aussage eines damals zwölfjährigen Mädchens, das die Entführung beobachtete und später von zwei Männern sprach, erklärt sich Kampusch mit einer Einbildung im Schockzustand.

Auch sei sie nie von Priklopil schwanger gewesen. Die immer wieder als Beweis angeführte Haarlocke stamme nicht von einem Baby sondern von ihr.

Bei der Frage, es gebe Behauptungen, ein ganzer Pädophilen-Ring habe sie missbraucht, schluckt Natascha Kampusch und erwidert: “Das ist unfassbar, das ist unglaublich.“ Solche Vorhaltungen seien “demütigend und verletzend“. Sie könne nicht mehr sagen als das, was sie erlebt habe.

Unterstellungen, sie habe eine Liebesbeziehung zu dem Mann gehabt, den sie auch im Interview immer nur “den Täter“ oder “den Entführer“ nennt, weist Kampusch fast wütend zurück: “Bei der Vorstellung, dass es Menschen gibt, die solche Fantasien haben, da wird mir so richtig schlecht.“

Die österreichischen Ermittler reagieren verständnislos. “Intensiver kann man einen Fall nicht ausermitteln“, hieß es. Der Wiener Oberstaatsanwalt Werner Pleischl argumentiert, ermittelt hätten die Polizei Wien, die Sonderkommission Burgenland, das Bundeskriminalamt sowie die Staatsanwaltschaften Wien, Graz und Innsbruck. “Und es ist immer das gleiche herausgekommen.“

Die Gegenseite um den Ex-Richter Rzeszut moniert zahllose Ermittlungspannen, fehlende Zeugenaussagen und geschönte Akten. Anfeindungen und polemische Debatten im Fernsehen brachten bislang keine Annäherung an die Wahrheit. Weil sie den Behörden nicht mehr trauen, rufen die selbst ernannten Aufklärer nach vermeintlich übergeordneten Instanzen als Retter. Genannt werden das deutsche BKA und das amerikanische FBI.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.