Nach 33 Jahren endgültig Schluss?

Clubsterben in Kassel geht weiter: Jetzt macht das Musiktheater zu

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Historischer Moment: Das Konzert der Kasseler Hardcore-Band Ryker’s am Montag war nach 33 Jahren die letzte Veranstaltung im Musiktheater.

Im Kasseler Musiktheater traten Stars wie Kollegah, Tocotronic und Casper auf. Nun macht das MT für immer zu und wird eine Lagerhalle. Das Club-Sterben geht damit weiter.

  • Schon wieder schließt ein Club in Kassel
  • Das Musiktheater (MT) wird eine Lagerhalle
  • Damit endet eine Ära nach 33 Jahren

Kassel - An Silvester war der einstige Lieblingsclub von André Bluhm plötzlich verschwunden. Der 36-Jährige, der sich als DJ Andy Depressivum einen Namen in der heimischen Musikszene gemacht hat, wollte schauen, welche Veranstaltungen im Musiktheater (MT) demnächst stattfinden, aber die Webseite war nicht erreichbar und der Facebook-Auftritt bereits gelöscht. Seit Silvester weiß er: Auch das MT in Kassel selbst gibt es nicht mehr.

Musiktheater in Kassel wird eine Lagerhalle

Besitzer Joachim Batke hat den Club in Rothenditmold an einen Kasseler Unternehmer verkauft, der den Bau als Lagerhalle nutzen will. Damit endet nach 33 Jahren eine Ära. 

Mit seinem 1986 eröffneten Club hat Batke die Kasseler Konzert- und Partyszene geprägt. Stars wie Tocotronic und Kollegah traten in der ehemaligen Lagerhalle der Post auf. Wer Metal, Indie und andere Musik jenseits des Mainstreams hörte, ging in Hessen hier auf Partys.

Club-Aus in Hessen: „Traurig, dass das MT nie wieder existieren wird“

Auch Batke selbst ist „traurig, dass das MT nie wieder existieren wird“, wie er sagt: „Aber ich bin auch froh, dass es nun ein Ende hat.“ 

Seit Monaten war der 62-Jährige auf der Suche nach einem Nachfolger. Einmal war er sich schon einig mit einem potenziellen Käufer, der sogar noch mehr Konzerte veranstalten wollte. Doch die Finanzierung klappte nicht. Laut Informationen der Redaktion ist die Infrastruktur des Clubs nicht im besten Zustand. „Die Bude ist ziemlich runtergekommen. Man hätte sehr viel Geld investieren müssen“, sagt ein Kenner.

MT schließt: Es hatte einen Interessenten gegeben

Den Kaufpreis und den Namen des neuen Besitzers will Batke nicht verraten. Dafür sagt er über seine Zeit als MT-Macher: „Das Wichtigste waren immer die Leute.“ Batke blieb immer lieber im Hintergrund. Im Sommer hatte er alte MT-Fans noch jubeln lassen. 

Joachim Batke

Nach vier Jahren als Techno-Club 130 BPM tauften Batke und seine 25 Mitarbeiter den Laden wieder in MT um. Rockmusik und Konzerte sollten wieder im Mittelpunkt stehen.

In Kassel gibt es jetzt keine mittelgroßen Hallen mehr

Doch im Herbst zog sich der externe Konzertveranstalter Bodo Steinbrecher wegen finanzieller Probleme zurück. Er hatte Acts wie Casper und Jennifer Rostock ins MT geholt. Nun fehlen in Kassel nicht nur attraktive Namen, die Musik-Fans anlocken. Es gibt auch keine mittelgroße Halle mehr, wo die Stars auftreten könnten. „Das Club-Sterben hat in Kassel seinen Zenith erreicht“, sagt DJ Andy Depressivum.

Neu-Rentner Batke wird trotzdem nicht depressiv und freut sich, mehr Zeit für Konzerte im Schlachthof sowie Theaterstübchen zu haben. Und er hat einen kleinen Trost für MT-Fans, die ihren Lieblingsclub mit nach Hause nehmen wollen: Für einen symbolischen Preis überlässt er ihnen Barhocker, Schriftzüge und Kühlschränke. Interessenten können sich unter 0561/84044 melden.

MT-Aus in Kassel: Reaktionen

Bernhard Weiß (44, Mitbetreiber des Kulturzelts): Das MT war ein Kultladen und hat viele Leute beim Erwachsenwerden begleitet. Mich auch. Der Besuch war an jedem Wochenende ein Highlight für uns. Wir sind vor neun hin und haben uns einen Stempel geholt. Denn dann war der Eintritt noch kostenlos. Danach sind wir erst einmal an die Tanke. Um elf kamen wir wieder und haben gefeiert, bis wir am Morgen rausgeworfen wurden. Der Laden war immer brechend voll. Später habe ich dort fünf Jahre an der Theke gearbeitet. Einmal bin ich auch mit meiner Death-Metal-Band My Cold Embrace vor 700 Leuten aufgetreten. So einen Laden wie das MT wird es nicht mehr geben. Die Feierkultur hat sich einfach verändert. Das Aus zeigt einmal mehr, dass es Kassel als Standort für junge Kultur sehr schwer hat.

Christian Luft (50, Bassist der Hardcore-Band Ryker’s): Ich bin traurig. Haben wir nicht genügend Lagerhallen? Ich bin im MT quasi aufgewachsen. In den 80ern habe ich dort Bands wie Slayer gesehen. Von da an dachte ich: Hier will ich auch mal mit einer Band als Headliner auftreten. Zweimal haben wir tatsächlich mit Ryker’s dort gespielt. Zuletzt an diesem Montag vor 700 Leuten. Bis dahin gab es nur Gerüchte um die Zukunft des MT. Jetzt gibt es in Kassel nichts mehr an Veranstaltungsorten mit einem Fassungsvermögen von 1000 Leuten. Für Kassel ist das in meinen Augen eine mittelschwere Katastrophe. Im Rathaus hat man die Entwicklung nach der Wende komplett verschlafen. Wir waren gerade in Eindhoven. Da gibt es drei perfekt ausgestattete Clubs. In Marburg wurde für das KFZ ein neues Veranstaltungszentrum hingebaut. Von Klassik bis Punk kann da alles stattfinden. In Kassel ist Geld für alternative Kultur nur dann vorhanden, wenn die documenta stattfindet. In den Jahren dazwischen liegt alles brach.

Patrick Simon Maiberger (25, Steinbildhauer und Kunstschmied): Seitdem ich vor zwei Jahren nach Kassel gezogen bin, war das MT mein Lieblingsclub. Tanzen ist für mich das Wichtigste. In der Dark Area des MT lief Metal, meine Musik. Ich habe hier jede Menge Freundschaften geknüpft. Als Mitte Dezember die Dark Area geschlossen wurde, war mir klar, dass es hier nicht weitergehen würde. Darum habe ich mir einen anderen Club gesucht. Jetzt fahre ich alle zwei Wochen ins Exil nach Göttingen. Ich kann es leider nicht ändern, dass Clubs sterben. Die Leute gehen einfach nicht mehr so oft aus, weil sie lieber Serien auf Netflix schauen. Aber irgendwann wird ihnen zuhause langweilig werden. Dann werden wieder neue Clubs aufmachen.

Auch für die Diskothek „Soda“ in Kassel gingen im vergangenen Jahr die Lichter aus.

Gut ausgegangen war es für den Kultclub "A.R.M." in Kassel. Er bleibt und wird kleiner und feiner, wie hna.de* berichtet. 

In Kassel herrscht weiterhin die Angst: Club-Sterben ist das heiße Thema, auch in 2020. Kann man nur noch auf der Kreuzfahrt* Party machen?

Karl Börries, der Betreiber von York und Club 22, ist der Meinung, dass es kein Club-Sterben in Kassel gibt.

Gestört aber Geil in Kassel: Warum haben es Music-Acts in Nordhessen so schwer?

hna.de* ist ein Teil des bundesweiten Ippen-Netzwerks. 

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