Katz und Maus in Miami: Auf Patrouille mit der Polizei

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Streifenpolizisten John-Peter Kocur

Miami. Latoya setzt ihr schönstes Lächeln auf. Einen Zahn haben Crack, Kokain und andere Drogen ihr gelassen. Von der Bushaltestelle läuft sie auf den Polizeiwagen zu. Sie kennt den Streifenpolizisten John-Peter Kocur. Er patrouilliert seit fünf Jahren im „Swamp“ in der Nähe von Overtown Miami.

Swamp heißt so viel wie Sumpf. „Die Menschen, die hier leben, werden in ihn hineingezogen und kommen nicht mehr raus“, sagt Kocur. Latoya lehnt sich auf den Türrahmen. Verschämt grinst sie durch das halb geöffnete Fenster. Sie legt ihren Kopf auf die Seite. Ihre Haare sind kurz und kraus. Die Haut von der Sonne faltig. Die Kamera klickt. “Er macht Fotos“, sagt sie mit großem, leerem Mund. „Gib mir einen Dollar“, sagt die 28-Jährige. Sie schiebt die Hände vor ihr Gesicht. Kocur gibt ihr ein paar Cents. Nicht nur für Fotos nimmt sie Geld. Auch für Sex. Latoya nimmt die Hände runter, stemmt einen Arm in die Hüfte und grinst – wie ein Model. Wie ein Model mit einem Zahn.

Ab und an gibt er den Obdachlosen etwas Kleingeld oder kauft ihnen einen Cheeseburger. „Das sind die besten Informanten“, sagt Kocur. In Overtown gibt es viele dieser Informanten. Sie liegen mitten auf dem Bürgersteig im Schatten der Häuser – über Stunden bewegen sie sich nicht. Nur wenn ein Auto vorbeifährt, ein Mensch an ihnen vorübergeht, wird das Weiß in ihren Augen sichtbar.

Die Fahrt geht weiter. Latoya bleibt zurück. „Sie hat Aids und jede andere Krankheit, die man sich vorstellen kann“, sagt Kocur. Trotzdem kommen die Freier. Die Krankheiten verbreiten sich. Latoya hat eine Zwillingsschwester. „Die ist bildhübsch, das kannst du dir nicht vorstellen“, sagt Kocur. Doch Latoya will sich nicht helfen lassen. „Sie hat sich für dieses Leben entschieden.“

Latoya

Langsam fährt Kocur die Straße entlang. An einer Häuserwand sind mehrere Einschusslöcher zu sehen. Nicht weit entfernt ist ein weißer Teddybär mit pinkem Herz in der Hand an einem Strommast befestigt. „Hier hat es eine Schießerei mit Toten gegeben“, sagt Kocur. Er fährt an ein Haus mit mehreren Apartments heran. Ein Brennpunkt. Den Arm hat er entspannt auf das geöffnete Fenster gelehnt. Die Klimaanlage im Ford Crown läuft. Durch das Funkgerät rauschen Stimmen der Polizeizentrale. Im Schatten einer Außentreppe spielen schwarze Jugendliche Karten. Kocur streckt seinen Kopf mit den zurückgegelten Haaren zum Fenster raus. An den Seiten sind die Haare kurz rasiert. Der 33-Jährige schaut nicht – er stiert. Seine blauen Augen fixieren die Jugendlichen. „Du musst die Menschen lesen können“, sagt er. Sie könnten immer eine Waffe bei sich haben. Immer wieder fixiert Kocur an diesem Tag die Menschen auf der Straße. Und seine Blicke werden erwidert. Es ist ein Spiel. Es geht um Macht, Angst, Stärke, Flucht. Die Polizei hat längst verloren.

Die Jungs, die dort um ein paar Dollar spielen, reagieren nicht auf seinen Blick. „Das gibt’s doch nicht“, flucht der 33-Jährige. Er greift zu seinem Mikrofon. „Wollt ihr mich verarschen?“ dröhnt es aus dem Lautsprecher auf dem Dach. „Muss ich wirklich erst rauskommen, damit ihr aufhört? Ich kann euch alle verhaften.“ Sie erheben sich langsam und ziehen ab. Kocur öffnet die Tür und steigt aus.

Der Autor, Max Holscher, 29, ist seit September 2011 HNA-Volontär und arbeitet derzeit als „Arthur F. Burns“-Stipendiat zwei Monate lang für den Miami Herald. Der gebürtige Witzenhäuser berichtet von dort auch für die HNA.

An seinem rechten Ellenbogen ist eine Narbe zu sehen. Nicht von einem Polizeieinsatz, sondern vom Baseball. Am College hatte er mehrere Angebote, professionell zu spielen. „Eine Verletzung hat mich gestoppt.“ Er winkelt den Arm an und tippt auf die Stelle, an der er operiert wurde. Danach kellnerte er in Restaurants, bis ihn seine Freunde auf die Polizeiakademie aufmerksam machten. Nach sechsmonatiger Ausbildung ging es auf die Straße.

Das Gelände, auf dem das dreistöckige Haus steht, ist wie ein U aufgebaut. In der Mitte befindet sich ein betonierter Platz. Die Anlage sieht aus wie ein Motel, wie man sie überall in Florida finden kann. Die Sonne brennt seitlich auf den Hof. Es riecht nach Urin und süßlich nach Marihuana. Einige Wohnungstüren stehen offen, Männer in Unterhemden und kurzen Hosen lehnen an der Hauswand. Einige haben die weißen Strümpfe bis über die Knöchel gezogen. Sie beobachten. Auf dem Boden liegen kleine Plastiktüten. „Da waren Drogen drin“, sagt Kocur. Gedealt werde hier überall. „Früher haben die Dealer auf kleinen Milchkästen gesessen und ihr Zeug verkauft“, sagt Kocur. Deshalb könnten Personen, die auf Milchkästen sitzen, in Miami jetzt einfach verhaftet werden.

Crack gehört hier zu den beliebtesten Drogen. „Ich habe Abhängige gesehen, die vier bis fünf „Crackrocks“ pro Stunde geraucht haben“, sagt Kocur. So ein kleines Stück kostet wenige Dollar. Der Polizist formt mit Daumen und Zeigefinger ein imaginäres Stückchen Crack. Auf der Straße erkennt er die Süchtigen sofort. „Siehst du den, was der für aufgerissene Augen hat und wie der schwitzt“, zeigt Kocur auf einen Mann, der über die Straße läuft.

Kocur guckt in jedes Loch – in der Hauswand, im betonierten Boden, in Gullis. Mit dem Fuß drückt er Grasbüschel weg. Kein Ort, wo er nicht schon mal Drogen entdeckt hat. Aus seinem Gürtel mit dem Elektroschocker, Schlagstock, Pfefferspray und seiner Pistole zieht er eine Taschenlampe. Es geht in eine Kammer mit Stromzählern. Dunkel ist es hier. Das Licht der Lampe erfasst weitere Plastiktüten und abgestellte Fahrräder. „Hier habe ich schon mal Waffen gefunden.“

Heute findet er keine Drogen und Waffen. Es bleibt ruhig während seiner Patrouille Wenn nichts passiert, wende er manchmal einen Trick an. „Ich renne auf eine Gruppe von Jugendlichen zu. Wenn Sie flüchten, haben sie etwas zu verbergen“, sagt er und grinst. Es ist ein tägliches Katz- und Maus-Spiel. „Ich liebe das.“

Von Max Holscher

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