Eltern klagen Schulleitung an

Jahrelanges Mobbing in der Schule: 10-Jähriger will in den Tod springen

Über Jahre leidet ein Kind in Hessen unter Mobbing-Attacken seiner Mitschüler. Dann will er sich umbringen. Die Eltern erheben schwere Vorwürfe gegen die Schule.

Kassel - Der zehnjährige Lukas** soll sich in der Schule im Landkreis Kassel (Hessen) so sehr gemobbt gefühlt haben, dass er versuchte, vom Balkon zu springen. Sein Vater konnte ihn in letzter Sekunde am Bein fassen. Inzwischen befindet sich das Kind in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kassel.

Der Vorfall hat sich Ende Juli im Altkreis Kassel (Wolfhager Land) ereignet. Laut der Mutter ist ihr Sohn, der psychische Probleme hat, über drei Jahre von Mitschülern schwer gemobbt worden und habe auch schon früher einen Selbstmordversuch unternommen. „Er ist geschlagen worden und kam immer wieder mit Hämatomen am ganzen Körper nach Hause“, so die Mutter.

Obwohl die Mutter bereits 2017 einen Schulwechsel beim Schulamt beantragt hatte und eine Psychiaterin aus Kassel sowie der Kinderarzt 2018 unabhängig voneinander den Wechsel des Kindes an eine Förderschule dringend empfehlen, bleibt das Kind an der Grundschule. Die Mutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Schule und hat bei der Polizei Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung gestellt.

Schule im Kreis Kassel äußerte sich bisher nicht zum Mobbing-Vorfall um das betroffene Kind

Die Schule äußerte sich auf Anfrage der HNA zu dem Fall bisher nicht. Es gehe es um erhebliche Vorwürfe, die sorgfältig geprüft werden müssten, sagt die Leiterin des Schulamtes in Kassel, Annette Knieling.

Laut einer Studie fühlt sich in Deutschland jeder sechste Schüler physischer oder seelischer Gewalt durch Mitschüler ausgesetzt - Haupttatort: das Inernet.

„Es liegt in meiner dienstlichen Zuständigkeit, aber auch in meinem persönlichen Interesse als Pädagogin, mir zunächst ein umfassendes Bild von der Situation zu machen, um die im Raum stehenden Vorwürfe zu klären und nach Möglichkeit auszuräumen.“ Sie habe gute Erfahrungen damit gemacht, wenn die Beteiligten aus der Familie und der Schule am Runden Tisch und im geschützten Raum miteinander redeten.

Laut Sabine Scherer, Leiterin des Jugendamtes, seien bei dem Fall alle Helfersysteme involviert und würden an einer guten Lösung für das Kind arbeiten. Bei Mobbing-Fällen seien der zuständige Schulsozialarbeiter und die Familienberatung des Landkreises erste Ansprechpartner. „Bei diesem niederschwelligen Angebot sind auch anonyme Beratungen möglich“, betont Scherer.

Kind leidet Qualen: „An jeder Schule wird gemobbt“

„Es wird an jeder Schule in Deutschland gemobbt“, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Da könne sich keine Schule herausnehmen.

Die Förderung der sozialen Kompetenz und erhöhte Sensibilität seiner Kollegen seien enorm wichtig, um gegenzusteuern. Hauptinstrument des Mobbing bei größeren Kindern seien mittlerweile Soziale Netzwerke und WhatsApp-Gruppen. „Da geht auch vieles an den Lehrern vorbei.“ 

Kind wird in Schule im Kreis Kassel gehänselt: „Du bist gar kein richtiger Junge“

Der Leidensweg von Lukas beginnt mit der Einschulung. Weil sich an seiner Situation jahrelang nichts verbessert, versucht das Kind sich das Leben zu nehmen.

Lukas ist klein, schmal, sensibel und besonders. Jemand, der bei anderen Jungs als Weichei gilt. Als ihm die anderen immer wieder sagen: „Du bist gar kein richtiger Junge“, ist Lukas schwer getroffen. Die Hänseleien der Mitschüler sind laut seiner Mutter nur eines der Puzzleteile, die ihn letztendlich zu dem Suizidversuch gebracht haben.

Nach ihrer Schilderung zeigt sich bei Lukas schon eine Entwicklungsverzögerung in der Kleinkindphase. Er läuft erstmals mit drei Jahren und kann erst mit fünf Jahren richtig sprechen. Hinzu kommt ein Mangel an Sozialkompetenz. „Er war Integrationskind im Kindergarten“, schildert seine Mutter die Vorgeschichte.

Kinderarzt in Kassel diagnostiziert bei betroffenem Kind ADS

Die Mutter macht sich zwar Sorgen, als er ganz normal eingeschult wird, zunächst scheint er jedoch mit dem Schulstoff gut zurechtzukommen. Doch in der ersten Klasse beginnen die Probleme. „Durch mangelnde Konzentration hat er andere Kinder abgelenkt“, berichtet die Mutter.

Seine Leistungen fallen ab. Ein Kinderarzt in Kassel diagnostiziert ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), Lukas wird medikamentös eingestellt. Zu dieser Zeit kommt Lukas das erste Mal mit blauen Flecken an Beinen, Armen und Oberkörper nach Hause. „Er wurde autoaggressiv, schlug sich mit der Faust ins Gesicht und mit dem Kopf gegen die Wand“, so die Mutter. Das Medikament wird wieder abgesetzt.

Es gab nach Aussage der Mutter in der Schule daraufhin Unterstützungsprogramme und einen Sitzkreis. Dort sei ihrem Sohn allerdings gesagt worden, er solle sich ändern. Lukas will wegen Mobbing nicht mehr in die Schule. Zu diesem Zeitpunkt erhält das Kind auch einen Pflegegrad, der Medizinische Dienst stellt eine „mangelnde Alltagskompetenz“ fest.

Großer Rückschlag für das Kind: Schulamt Kassel lehnt Antrag auf Förderbedarf trotz Mobbing ab

Es gibt Klassenwechsel, die die Mobbing-Situation für das Kind nicht verbessern. Die Eltern von Lukas nehmen schließlich mit der Jean-Paul-Förderschule in Kassel Kontakt auf und bitten im Oktober 2017 das Staatliche Schulamt um Überweisung ihres Sohnes an eine Förderschule. Der Antrag wird laut der Mutter nach einer Überprüfung auf sonderpädagogischen Förderbedarf abgelehnt.

2018 schreibt ein Kinderarzt in seinem Bericht: „Aus kinderärztlicher Sicht sollte Lukas schnellstmöglich ein Wechsel in die Förderschule ermöglicht werden, wo er entsprechend seiner Leistungsfähigkeit gefördert werden kann und wo auf seine emotionale Situation in kleinen Klassen entsprechend eingegangen werden kann.

Er wurde autoaggressiv, schlug sich mit der Faust ins Gesicht und mit dem Kopf gegen die Wand.

Mutter von Lukas

Aufgrund der zunehmenden Somatisierungsprobleme (psychische Probleme, die zu einem körperlichem Symptom werden), die aus unserer Sicht mit der aktuellen schulischen Überbelastung zusammenhängen, sehen wir eine Gefährdung des Kindeswohls.“

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin aus Kassel bestätigt später diese Einschätzung: Bei Lukas drohe die Entwicklung einer seelischen Behinderung. „Wir empfehlen den Wechsel auf die Jean-Paul-Schule, um ihn angemessen schulisch fördern zu können und psychisch zu stabilisieren.“

Kurz nach Schulstart will Kind wegen Mobbing vom Balkon zu springen

Die Situation eskaliert weiter, es folgen neue Gespräche mit Lehrern und Schulleitung. Zu dieser Zeit habe ihr Sohn versucht, sich das erste Mal mit einem Küchenmesser das Leben zu nehmen. Sie kommt rechtzeitig dazu. Einmal spricht die verzweifelte Mutter bei einem Elternabend zu den anderen Eltern und bittet darum, dass sie auf ihre Kinder einwirken, damit das Mobbing aufhört.

Im Corona-Lockdown und den damit verbundenen Schulschließungen sei es ihrem Sohn viel besser gegangen, berichtet die Mutter. Er habe mal wieder gelacht. Nach der Schulöffnung fällt Lukas in sich zusammen. Kurz danach versucht er, vom Balkon zu springen.

Die Mutter bringt ihr Kind zur Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz nach Kassel. Im Bericht steht später: „Der Junge bestätigt, dass er in der Schule gemobbt und gelegentlich auch geschlagen wird. Er wurde bei den Erzählungen zunehmend trauriger und kam häufig ins Stocken. Zudem sagt er, dass er sich häufig frage, warum er eigentlich geboren worden sei.“

Mutter aus Kassel wendet sich an Fernseh-Aktivist: Kind erzählt Mobbing-Erlebnisse öffentlich

Die Mutter hat sich inzwischen an den bundesweit agierenden Anti-Mobbing-Aktivisten Carsten Stahl gewendet. Der ehemalige RTL2-Privatdetektiv hat sich des Falls im Wolfhager Land angenommen und berichtet darüber auf seinem Facebook-Kanal Campstahl.

Außerdem haben sich zwei weitere Mütter bei der HNA gemeldet, deren Kinder die Schule besucht haben oder besuchen. Beide berichten unabhängig voneinander ebenfalls von Mobbing gegen ihre Kinder. Sie wollen jedoch anonym bleiben.

Skandal um Mobbing im Kreis Kassel kein Einzelfall: Doch viele Lehrer wollen auch helfen

Die große Mehrheit der Lehrer schaut bei Mobbing nicht weg, sondern versucht mit pädagogischen Mitteln einzugreifen und Mobbing in der Schule zu beenden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Lehrer- und Schülerbefragung der Universität Potsdam.

Dass Lehrer aber auch nicht alles erfahren, ist wenig überraschend. Immerhin jeder dritte bis vierte Gewalt- beziehungsweise Mobbingfall bei einem Kind kommt ihnen gar nicht erst zu Ohren.

Aber es wurde auch festgestellt: Jede zehnte Lehrkraft hat nichts unternommen und das Geschehen nicht weiter beachtet, selbst wenn sie von dem Vorfall gehört hat.

Mobbing in der Schule: Das sagt der Landkreis Kassel

Statistiken über Mobbing-Fälle an Schulen existieren beim Landkreis Kassel nicht. Das sagt Kreissprecher Harald Kühlborn auf Anfrage unserer Zeitung: Das Thema Mobbing sei zu komplex, um es in einer Statistik abzubilden – diese Statistik könne keine Aussagekraft entwickeln.

Unter anderen sind Schulsozialarbeiter Ansprechpartner bei Mobbing. Die Schulsozialarbeiter an den Schulen seien jedoch davon abhängig, welche Informationen sie erhielten.

„Wir haben bisher die Erfahrung machen können, dass Schulleitungen, aber auch einzelne Lehrkräfte die Beratung der Schulsozialarbeit auch bei ersten Anzeichen von Problemen ohne Vorbehalte nutzen und dass es eine gute Kooperation zwischen Schule und Schulsozialarbeit gibt.“

Das sagt der Lehrerverband zu dem Mobbing-Fall im Kreis Kassel

Bei Mobbing-Fälle sollten Schulen den Fall offen, transparent konsequent aufarbeiten und künftig Präventionsarbeit betreiben. Das sagt auf Anfrage der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger.

Gegen Mobbing helfe ein gutes Klima in der Schule, Gemeinschaftsveranstaltungen und eine Schulstunde, in der soziale Kompetenz trainiert werde. Bei höheren Klassen, in denen die Kinder viele Lehrerwechsel hätten, sei es enorm wichtig, dass sich die Lehrer austauschten, um Mobbingfällen auf die Spur zu kommen.

Kind von Behörden allein gelassen: Carsten Stahl zu dem Mobbing-Fall im Kreis Kassel

Jeder Verantwortliche einer Schule, in einem zuständigen Schulamt, oder in einer politischen Position des Schul- und Bildungssystems, der den Ruf einer Schule und seine eigene Position über das Wohl von Kindern und Schutzbefohlenen stellt, ist aus Sicht von Carsten Stahl eine Gefährdung für den Schutz der Kinder und müsse mit personellen oder strafrechtlichen Konsequenzen für sein Fehlverhalten rechnen.

„Wenn Mobbing, Gewalt, Hass, Rassismus und Vorurteile unter den Kindern bundesweit in unseren Schulen legitim wird, und aus Angst vor der Wahrheit und dem Ruf der Schule die Missstände und Probleme immer wieder von den Verantwortlichen lieber vertuscht, totgeschwiegen, geleugnet und verharmlost werden, dann sind unsere Kinder, unsere Werte, und die Zukunft und die Demokratie in unserer Gesellschaft in Gefahr“, erklärt der Anti-Mobbing-Aktivist, der bundesweit Mobbing-Fälle öffentlich macht.

Diese Hilfsangebote für Opfer von Mobbing und deren Familien gibt es in der Region Kassel

Mobbing hat viele Gesichter – insbesondere unter Kinder und Jugendlichen. Mobbing Opfer leiden oft unter langfristigen Folgen der Ausgrenzung. Beratung und Hilfe ist deshalb unabdingbar, aber an wen können sich Betroffene oder Angehörige wenden? Die Bundesregierung unterstützt Initiativen und Beratungsangebote, die Hilfe leisten.

  • Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon (116111, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr), Elterntelefon 0800/111 0 550, montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich von 17 bis 19 Uhr). nummergegenkummer.de
  • Online-Hilfe per Chat bietet für Jugendliche und Eltern die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung an. bke-beratung.de
  • Beim Beratungsprojekt „Juuuport“ helfen sich Jugendliche gegenseitig, vor allem in Fällen von Cybermobbing.

Darüber hinaus setzen sich auch viele andere Organisationen und Vereine für Mobbingopfer und ihre Familien ein. Dazu gehört zum Beispiel die gemeinnützige Organisation schueler-gegen-mobbing.de, die 2006 in Hamburg von einem ehemaligen Mobbingopfer als Schülerinitiative gegründet wurde.

Eine Broschüre des „Netzwerks gegen Gewalt“ der Hessischen Landesregierung mit dem Titel „Ein Wegweiser zur Mobbingprävention und Mobbingintervention in Hessen“ mit vielen Tipps und Adressen für Hilfesuchende kann heruntergeladen werden.

Mobbing im Kreis Kassel: In vielen Schulen wird gequält

Auch Politikerin Vanessa Gronemann aus Kassel litt als Kind unter Mobbing in der Schule* : Mitschüler hänselten sie wegen ihrer Homosexualität.

In Deutschland fühlt sich laut einer OECD-Studie jeder sechste Schüler physischer oder seelischer Gewalt ausgesetzt. Auch an Schulen in Kassel ist das Thema Mobbing unter Kindern* omnipräsent. (Bea Ricken) *hna.de ist teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

**Um die Persönlichkeitsrechte des Opfers zu schützen hat sich hna.de entschieden, den Namen des Kindes zu ändern. In verlinkten Medieninhalten könnte der Klarname des Opfers allerdings genannt werden.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg/dpa

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