Versuche in der Nachkriegszeit

Kranke als Versuchskaninchen: Kinder starben in Hessen an Tests mit Medikamenten

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Kinder-Patienten beim Sonnenbad: In der Landesheilanstalt Mammolshöhe in Königstein im Hochtaunuskreis wurden tuberkulosekranke Kinder behandelt. Dabei soll es nach dem Zweiten Weltkrieg auch zu tödlichen Medikamententests an den jungen Patienten gekommen sein.

Königstein. In der Tuberkulose-Kinderheilstätte Mammolshöhe in Königstein sollen in der Nachkriegszeit Medikamente an Kindern getestet worden sein – mit tödlichen Folgen.

Mehrere Kinder sollen die Experimente im Hochtaunuskreis das Leben gekostet haben.

Das geht aus Recherchen der Frankfurter Rundschau (FR) hervor. Demnach hat der damalige Anstaltsleiter, der Arzt Werner Catel, in den 1940er-Jahren ein damals nicht zugelassenes Medikament gegen Tuberkulose namens „TB I/698“ (Thiosemicarbazon) an kranken Heimkindern getestet. Berichte über zwei Todesfälle finden sich in einem Fachartikel in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ von 1949. Neuere Recherchen des Historikers Thomas Gerst legen sogar den Tod von vier Kindern nahe.

Werner Catel war während der Nazizeit als Kinderarzt an der Ermordung behinderter Kinder beteiligt. 1947 wurde er aber als „unbelastet“ eingestuft und von der Gesundheitsabteilung des hessischen Innenministeriums als Leiter der Heilanstalt Mammolshöhe berufen. Die Heilstätte gehörte damals zu einer Vorgängerorganisation des heutigen Landeswohlfahrtsverbands Hessen (LWV) mit Sitz in Kassel.

Jüngste Versuchspersonen waren Babys

In dem Artikel aus dem Jahr 1949 berichteten zwei Mitarbeiter Catels von Medikamententests an 61 Patienten im Alter von neun Monaten bis 22 Jahren. Die Ärzte hätten „bedenkliche, zu größter Vorsicht mahnende toxische Wirkungen“ bemerkt, heißt es darin. Bei zwei Patienten habe man „trotz Beachtung aller Sorgfaltspflichten“, den tödlichen Ausgang leider nicht abwenden können.

Den Recherchen des Historikers und Medizinjournalisten Thomas Gerst zufolge starben mindestens zwei weitere Kinder an den Folgen der Experimente. In der sozialgeschichtlichen Fachzeitschrift „1999“ beschrieb er, Werner Catel habe erst nach dem vierten Todesfall eines zehnjährigen Mädchens eingesehen, dass das Tuberkulose-Medikament „nur in besonderen klinischen Situationen“ bei Kindern unter zwölf Jahren und bei Kindern unter sechs Jahren gar nicht angewendet werden dürfte.

Keine Krankenakten vorhanden

Aus Gersts Forschungsarbeit geht zudem hervor, dass sowohl das hessische Innenministerium als auch die Frankfurter Ärztekammer über die Arzneitests informiert waren. Eine auf der Mammolshöhe tätige Oberärztin und ihr Ehemann sollen sich bei den Behörden über Catels Vorgehen beschwert haben. Die Institutionen schritten aber nicht ein. Der Landeswohlfahrtsverbands Hessen zeigte sich entsetzt über die Enthüllungen. Der Verband habe zuvor nichts von den tödlichen Experimenten gewusst, sagte Sprecherin Elke Bockhorst. 

Es gebe aus der fraglichen Zeit keine Krankenakten, lediglich die Personalakte von Catel liege vor. Aus ihr hätten sich aber keine Anknüpfungspunkte ergeben. „Wir werden die Vorfälle nun gemeinsam mit dem Hessischen Sozialministerium aufarbeiten“, kündigte Bockhorst an. Mit den Nachforschungen werde jetzt ein Historiker beauftragt.

Werner Catel begann mit Kindereuthanasie

Werner Catel lebte von 1894 bis 1981 und war Professor für Kinderheilkunde. Er leitete von 1947 bis 1954 die Heilanstalt Mammolshöhe. In der NS-Zeit war er Gutachter im „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ und an der Ermordung von mehr als 5000 Kindern beteiligt, die von den Nationalsozialisten als „nicht lebenswert“ eingestuft wurden. Zusammen mit zwei Kollegen entschied Catel, ob die meist mit einer Erbkrankheit oder einer Behinderung geborenen Kinder weiter leben sollten oder nicht. 

Laut Aktenlage soll Catel am 25. Juli 1939 in Abstimmung mit Adolf Hitler und auf Wunsch des Vaters das erste behinderte Kind „eingeschläfert“ haben. Der Fall gilt als Ausgangspunkt für die Kindereuthanasie in Deutschland. 1947 entnazifizierten ihn die Behörden als „Entlasteten“.

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