Das iPhone unter den Küchengeräten

Kochen mit dem Thermomix: Braucht man das Teil wirklich?

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Die Revolution in der Küche kostet mehr als 1100 Euro und kommt aus Wuppertal. Der Thermomix des Herstellers Vorwerk gilt als iPhone unter den Küchengeräten.

Alle 30 Sekunden wird irgendwo auf der Welt eine der Multifunktionsmaschinen verkauft. Der Thermomix soll das Kochen revolutionieren. Aber braucht man das Teil wirklich?

DAS GERÄT

Der Thermomix, so liest man, ist für Leute, die nicht kochen können. Tatsächlich ist es mit der neuesten Generation des Trendprodukts kinderleicht, ein Menü zuzubereiten. „Guided Cooking“ („Geführtes Kochen“) nennt Vorwerk das Prinzip des TM 5, der rühren, mixen, vermischen, zerkleinern, kochen, dampfgaren, wiegen, mahlen, kneten, schlagen, erhitzen und emulgieren kann – also alles außer backen und braten.

Der Thermomix besitzt einen Chip mit 200 Rezepten. Per Display wählt man ein Gericht aus dem digitalen Kochbuch. Anschließend leitet einen das Gerät Schritt für Schritt bis zum fertigen Menü – ob Tomatensuppe, Auberginen-Lachsröllchen oder Erdbeer-Raffaello-Eis. „Die Rezepte sind mit Gelinggarantie“, sagt Heike Heer aus Bad Zwesten, eine von bundesweit 16.000 Repräsentantinnen, die den Thermomix bei privaten Vorführungen verkaufen.

DER VERTRIEB

Noch ungewöhnlicher als das Gerät ist der Weg, wie der Thermomix in die Küchen kommt. Es gibt ihn nicht bei Saturn oder Amazon, sondern ausschließlich bei Thermomix-Partys, die Frauen wie Heer veranstalten. Das funktioniert wie bei Tupper-Partys, nur das der „Thermi“ ein bisschen teurer ist als eine Plastikdose.

Heer kocht mit den Gästen und verweist auf die Zeitersparnis: „Sie können zwischendurch Duschen gehen.“ Ihren ersten Thermomix hat die 50-Jährige vor einem Vierteljahrhundert gekauft. Selbst in den Urlaub nimmt sie die Maschine mit: „Der Thermomix ist eher im Auto als mein Mann.“ Auch ihr vierjähriger Enkel kann ihn bedienen. Seit zwei Jahren ist Heer Thermomix-Repräsentantin. Allein im ersten Jahr hat sie 68 Maschinen verkauft.

DIE FIRMA

Im vorigen Jahr machte Vorwerk mit dem Thermomix zum ersten Mal mehr Umsatz als mit seinen Staubsaugern, die Vertreter jahrzehntelang an den Haustüren der Republik verkauften. Allein in Deutschland verzeichnete das 1883 gegründete Unternehmen mit der Multifunktionsmaschine ein Zuwachsplus von 70 Prozent. Um die Produktionskapazität in den nächsten beiden Jahren zu verdoppeln, werden in Wuppertal und Frankreich neue Fabriken gebaut. In Portugal, wo das Gerät „Bimby“ heißt, werden bereits jetzt mehr Thermomix-Geräte als iPads verkauft.

DIE NUTZERINNEN

In Zeiten gesunder Ernährung ersetzt der Thermomix den Mercedes. Laut einer Umfrage wünschen sich 57 Prozent aller Deutschen lieber eine tolle Küche als ein tolles Auto. Wer es sich leisten kann, bezahlt dann eben 1109 Euro für einen Mixer mit Heizung. Selbst acht von elf Drei-Sterne-Köchen arbeiten angeblich mit dem Thermomix.

Die 1700 Mitglieder der Facebook-Gruppe „Zur Hölle mit dem Thermomix“ kann das nicht überzeugen. Sie warnen vor einer „Industrialisierung des Kochens“. Wie die aussieht, kann man auf dem Youtube-Kanal der „Thermifee“ sehen. Unter diesem Namen bereitet Stefanie Holtz aus der Nähe von Soest Gerichte zu. Ihre Videos wie „Der wirklich allerbeste Kartoffelbrei aus dem Thermomix“ werden bis zu 225.000 Mal angeklickt. Wer dabei Appetit bekommt, muss Geduld haben. Die Wartezeit für einen Thermomix beträgt derzeit zehn Wochen.

DIE ALTERNATIVEN

Die günstigste Alternative ist die von Aldi vertriebene Quigg-Küchenmaschine „Gourmet“ für 179 Euro. Sie besitzt zwar keine Kochanleitung per Display, bietet aber sonst fast alles außer dem Linkslauf zum Mischen mit der stumpfen Seite des Schneidesystems. Nicht ständig im Angebot.

Weitere Alternativen (Auswahl):

Die Koch- und Mixmaschine Rosenstein & Söhne KM2513 kostet rund 340 Euro. Keine Waage und keine Mischfunktion ohne scharfe Messer.

Die Severin KM 3895 kostet rund 450 Euro. Vier Wärmestufen, aber keine Temperaturanzeige und Waage. Die Krups HP5031 Prep & Cook bietet viele Funktionen, hat unter anderem einen stumpfen Mischeinsatz - aber keine Waage. Preis: rund 800 Euro.

WISSENSWERTES

Markteinführung: 1961

Preis für das aktuelle Modell TM 5: 1109 Euro (seit September 2014 wurden mehr als eine Million Geräte verkauft)

Der Motor: schafft bis zu 10 700 Umdrehungen pro Minute

Angemeldete Patente: 42

Im Test: Die Stiftung Warentest gab dem Vorgängermodell TM 31 vor fünf Jahren nur die Note „befriedigend“ (3,2) – wegen seiner lauten Geräusche.

Rezepte: Gibt es auch auf der Seite www.rezeptwelt.de – aktuell sind mehr als 41.000.

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