Kleider als Therapie: Style-Psychologin hilft bei Selbstfindung

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Kleider machen Leute - eine uralte Erkenntnis. Schon immer machen sich Stil-Berater die Wirkung von Mode zunutze. Eine Psychologin in London geht das Ganze von der anderen Seite an.

Ob man will oder nicht - was man anhat, das sitzt, und hat seine Wirkung. In Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ wird ein armer Schneiderbursche dank seiner schmucken Montur zum Grafen. Im Schmachtfilm „Vom Winde verweht“ näht sich die hungernde Heldin Scarlett O''Hara aus alten Vorhängen ein prachtvolles Kleid. Die Suche nach dem Outfit für die richtige Wirkung hat eine millionenschwere Stilberater-Industrie hervorgebracht.

In London gibt es nun eine Form mit einem anderen Blickwinkel. Die Style-Psychologin Kate Nightingale sieht sich in Großbritannien als Pionierin und pfeift auf Trends. Sie will die Wirkung von Kleidung nutzen, um die Selbstfindung ihrer Kunden zu befördern.

„Es geht nicht einfach darum, gut auszusehen“, erklärt Nightingale ihre Strategie. „Wie man sich anzieht, das beeinflusst die eigenen Emotionen, das Selbstbewusstsein, und sogar die kognitive Wahrnehmung.“ Als Psychologin hat sich Nightingale wissenschaftlich mit Wirkung und non-verbaler Kommunikation auseinandergesetzt. Zwar gibt sie zu, dass die meisten Stilberater sich solche Erkenntnisse zunutze machen. „Ich aber benutze wissenschaftliche Beweise, und kein generisch angesammeltes Wissen“, betont sie. Auf der Insel hat sie damit schon Schlagzeilen gemacht.

Die meisten Kunden kommen am Anfang mit dem Ziel zu ihr, ihre Wirkung auf andere und nach Außen zu verbessern. Im Falle von Frauen geht es oft um einen neuen Job, bei Männern um die Suche nach einer Partnerin. „Egal, ob man das nun gut findet oder nicht, Menschen werden danach beurteilt, was sie anhaben“, sagt Nightingale. „Sorry, aber so funktioniert nun mal das Gehirn.“ Der erste Eindruck, den man von einem Menschen hat, bilde sich in gerade mal in drei Sekunden.

Nightingale geht es darum, was dieser Mechanismus für das Innenleben des Bekleideten bedeutet. Wie würde ich gern aussehen und wirken, welche Formen, Farben und Schnitte wirken wie auf mich? Und was sagt das darüber aus, wer ich bin, welche psychologischen Problemstellen ich habe und wo ich innerlich noch an mir arbeiten, meine Potenziale entfalten kann? Ihr Anfangspunkt sind daher auch nicht Augenfarbe, Körperform oder Hauttyp der Person.

Zu ihrer ersten Sitzung bringen ihre Kunden Bilder mit von Kleidung, die ihnen gefällt, die sie sich aber meistens nicht trauen würden, anzuziehen. Schritt für Schritt arbeitet Nightingale dann über Monate mit ihnen, sich mehr so zu kleiden, wie sie wollen, und dabei zum Beispiel mehr Selbstbewusstsein auszustrahlen, mehr Kreativität, mehr Weiblichkeit oder mehr Eigenwilligkeit. Ihrer Theorie zufolge ändert sich darüber das Innenleben - ihre Klienten werden selbstbewusster, besinnen sich mehr auf ihre persönlichen Stärken, lernen sich besser kennen. „Ich lese die Zeichen hinter dem, was die Kunden mir in unseren Gesprächen erzählen. Welche Probleme haben sie in ihrem Leben? Was verstecken sie? Was wollen sie eigentlich wirklich?“ Darauf baut sie ihre Beratung auf, die sich je nach Wunsch der Kunden über Monate hinziehen kann. Sobald sie feststellt, dass ernsthaftere Sorgen da sind - etwa Essstörungen oder schwere Selbstwert-Probleme - empfiehlt sie eine therapeutische Behandlung, erklärt sie.

Das Ganze ist natürlich nicht billig. Ein komplettes, eintägiges „Makeover“ inklusive Haar- und Schminkberatung kostet um die 700 Pfund (863 Euro). Nicht jeder allerdings braucht eine Rundumberatung, manchmal tut es auch ein kleiner Anstoß. Eine Kundin erzählt etwa, dass sie nach der Beratung ihren eigenen Kleiderschrank mit neuen Augen sah. „Ich ziehe mich jetzt besser an, mit Kleidern, die ich schon hatte.“ Autorin Harriet Walker von der Zeitung „The Independent“ findet, sie wusste durchaus schon, wer sie war - nämlich eine lockere, lustige Person. Ihre Erkenntnis: „Ich sende irgendwie die falsche Nachricht aus, wenn ich immer nur schwarz trage.“ (dpa)

Von Britta Gürke

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