Ähnliche Attacken wohl auch in Hamburg und Stuttgart

Dutzende Frauen in Köln umzingelt und massiv sexuell belästigt

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Rund um den Hauptbahnhof in der Nähe des Kölner Doms waren Frauen in der Neujahrsnacht von Männern umzingelt und unsittlich berührt worden. Von 1000 Personen ist die Rede, von einer neuen Dimension der Gewalt.

Sie wollen ausgelassen Silvester feiern - und werden massiv sexuell belästigt und ausgeraubt. Dutzende Frauen werden in Köln rund um den Bahnhof Opfer einer riesigen Gruppe von Tätern. Die Polizei zeigt sich schockiert über das Ausmaß.

Es sollen ungeheuerliche Szenen gewesen sein, die sich in der Silvesternacht im Schatten des Kölner Doms abgespielt haben. Unzählige Menschen sind nach Köln gekommen, um hier ins neue Jahr zu feiern. Reisende und Feiernde strömen über den Bahnhofsvorplatz in die Stadt. Dann werden Feuerwerkskörper in die Menge abgefeuert. Völlig unkontrolliert, so schildert es Michael Temme, Leitender Polizeidirektor.

Eine Gruppe von rund 1000 stark alkoholisierten Männern - so beschreibt es die Polizei - verhält sich völlig enthemmt, aggressiv und gänzlich unbeeindruckt von der Anwesenheit der Polizisten. Auf Nachfrage hin betonen die Ermittler am Montag: Ja, auf geschätzt 1000 Menschen sei die Gruppe angewachsen. Die Einsatzleitung fordert Verstärkung an. Um eine drohende Massenpanik zu verhindern, räumt die Polizei zeitweise den Platz.

Zuletzt aktualisiert um 10.30 Uhr. 

Erst im Laufe der Nacht und in den Folgetagen wird das Ausmaß der Gewalt deutlich, die von der Gruppe ausgegangen sein soll. Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers spricht am Montag von "Straftaten einer völlig neuen Dimension" und "Sexualdelikten in sehr massiver Form". "Es ist ein unerträglicher Zustand, dass mitten in der Stadt solche Straftaten begangen werden", so Albers. Frauen seien begrapscht, belästigt und ausgeraubt worden, auch von einer Vergewaltigung ist die Rede.

Bei den Tätern solle es sich dem Polizeipräsidenten zufolge um Männer handeln, die "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen, so hätten es Zeugen übereinstimmend beschrieben. Die Männer sollen zwischen 15 und 35 Jahre alt sein. Konkreteres weiß die Polizei am Montag nach eigenen Angaben nicht.

Massive Polizei-Ermittlungen

Bei der Polizei melden sich 80 Menschen, die angeben, Opfer von Straftaten geworden zu sein. 60 Anzeigen wegen Sexualdelikten und Diebstählen liegen vor. "Wir gehen von weiteren Taten aus, die uns noch nicht angezeigt wurden", sagt Albers. Die Ermittlungsgruppe "Neujahr" wird aufgestockt, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Unter anderem werten sie Handyvideos und Material aus Überwachungskameras aus.

Polizeidirektor Temmes Angaben zufolge waren "alle Einsatzkräfte, die wir zur Verfügung hatten", vor Ort. Doch die Beamten bemerkten anscheinend nichts von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen. "Wir haben erst durch die Anzeigen davon erfahren", sagt Wolfgang Wurm, Präsident der zuständigen Bundespolizeistation Sankt Augustin.

Wie schon nach den schweren Ausschreitungen von Hooligans im Oktober 2014 auf dem Bahnhofsvorplatz, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatten, muss sich der Polizeipräsident rechtfertigen: "Es gibt in Köln keinen rechtsfreien Raum. Wir waren mit starken Kräften im Einsatz", betont er.

"Das ist eine völlig neue Dimension der Gewalt. So etwas kennen wir bisher nicht", sagt der NRW-Landesvorsitzende der GdP, Arnold Plickert. "Ein Täter hat einer Zivilpolizistin in die Hose gefasst", so Plickert. Bei den am Einsatz beteiligten Polizeibeamten herrsche eine "tiefe Betroffenheit".  Die Vorfälle hätten eine neue Qualität.

"Das ist im Prinzip ein organisiertes Vorgehen, was wir da festgestellt haben", sagte Plickert. Es müsse ermittelt werden, wie es eigentlich möglich gewesen sei, "dass diese Tausend nach Köln gekommen sind und sich da getroffen haben". 

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) reagierte scharf auf die Ereignisse. "Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen", zitierten der Kölner Express und der Kölner Stadt-Anzeiger (Dienstag) den Minister. "Deshalb ist es notwendig, dass die Kölner Polizei konsequent ermittelt und zur Abschreckung Präsenz zeigt."

Nicht nur in Köln soll es zu Übergriffen gekommen sein. Sechs junge Frauen gaben in Hamburg nach Angaben der Polizei Anzeigen auf, nach denen sie in der Silvesternacht im Gedränge auf der Reeperbahn sexuell belästigt worden sein. Dabei wurden ihnen nach eigener Aussage Geld, Papiere oder das Handy gestohlen. Die Zeugenaussagen weichen jedoch stark von einander ab, eine genaue Täterbeschreibung gibt es bislang noch nicht, berichtet der Sender NDR 90,3.

In Stuttgart sollen zwei 18-jährige Frauen von einer Gruppe von etwa 15 Männern erst bedrängt und dann ausgeraubt worden sein, schreibt die "Stuttgarter Zeitung".

Krisentreffen angesetzt

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) bezeichnet die Vorfälle als "ungeheuerlich". Es könne nicht sein, dass Besucher, die nach Köln kommen, Angst haben müssten, überfallen zu werden, sagte Reker dem Kölner Stadt-Anzeiger (Dienstag). Sie hat für diesen Dienstag ein Krisentreffen zu den Übergriffen angesetzt. Daran sollen unter anderem die Kölner Polizei, die Bundespolizei und Stadtdirektor Guido Kahlen teilnehmen, wie eine Stadtsprecherin sagte. Dabei soll es auch darum gehen, ob die Video-Überwachung im Hauptbahnhof ausgeweitet werden soll.

Im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt Polizeipräsident Albers an: "Wir werden alles dafür tun, damit sich so etwas nicht wiederholt."

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