Start der Kolumne

Wenn Jungs Mädchenelektro hören und Mädchen zuschlagen: Die Mädchentexte

"Wer hat denn hier dieses Mädchenbier mitgebracht?" Auf einer Party inmitten blutjunger Musiker erkennt unsere Autorin: Bei diesem Frauenbild braucht es eine neue Kolumne: die Mädchentexte.

Mädchenbier, Mädchenauto, Mädchenelektro – häufig wird der Zusatz „Mädchen“ dazu genutzt, etwas abzuwerten oder abzuschwächen. Diese Kolumne soll einen Gegenpol bilden: In den Mädchentexten steht der Zusatz „Mädchen“ für Stärke. Die Texte richten sich dabei an alle Menschen, ganz egal welchen Geschlechts.

Die Idee für diese Kolumne wird auf einer WG-Party in Hamburg inmitten von studierten Profi-Musikern geboren. Sie alle sind jünger als 25, sagen Sachen wie „Das ist auf jeden Fall nice, so“, „Es ist krass, wie der Junge groovt“ - und „Wer hört denn hier eigentlich diesen Mädchenelektro?“ Dann lachen sie über die Beats und Texte, die im Hintergrund laufen. Sie trinken Bier, kein Radler, und fragen, wer ernsthaft dieses „Mädchenbier“ mitgebracht hat. „Ich nicht“, beeilt sich das Mädchen neben mir zu sagen. „Ich auch nicht“, sage ich. Stolz nippe ich an meinem Jungsbier – und frage ich mich dann, was den Zusatz „Mädchen“ eigentlich zur Abwertung macht.

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Elektro ist einfach eine Musikrichtung. Mädchenelektro hingegen eine weiche, niedliche Musik, die hier als peinlich eingestuft wird. Bier ist einfach ein Getränk. Mädchenbier ein abgeschwächtes, süßes Gemisch, das hier ebenfalls als peinlich gilt. Man setze „Mädchen“ vor ein Wort und schon wird es schwach, süß und, vor allem, peinlich. Möglich ist das nur dann, wenn „Mädchen“ grundsätzlich als etwas Schwaches gilt. Andernfalls würde niemand verstehen, was ein „Mädchenbier“ oder dieser „Mädchenelektro“ überhaupt sein soll – und warum alle darüber grinsen. Wer sich verhält wie ein Mädchen – vor allem als Junge – sollte sich schämen. Doch wie verhält sich eigentlich ein Mädchen? Die Mädchen auf der Hamburger WG-Party lachen laut und trinken herbes, klares Bier. Oder? Kann es überhaupt noch herb und klar sein, wenn ein Mädchen es in der Hand hält? Oder wird alles schwach, was wir Mädchen so berühren?

So klingt "Mädchenelektro" - jedenfalls laut diesem Video:

Ich esse Mädchenflips und starre auf meine Mädchensocken. Und muss an das denken, was mein Boxtrainer in der letzten Stunde gebrüllt hat: „Raus aus der Ecke, raus da. Geh mehr nach vorn!“ Ich straffe die Schultern. Was würde wohl passieren, wenn wir Mädchen alles in diesem Raum berühren würden? Wie schwach kann diese Party noch werden? Ich gehe rüber zum Mädchen-PC und drehe die Mädchenmusik lauter. Es wummert in den Wänden. Ein Mädchenwummern in Mädchenwänden. Alle stehen auf und tanzen. Das Parkett wird zum Mädchenparkett, die Profimusiker zu Mädchenmusikern, die Party zur Mädchenparty. Die Leute trinken Bier und Mädchenbier und mit jedem Schluck vergessen sie ein wenig schneller, dass Mädchen schwach und Jungs stark sein sollen. Sie tanzen einfach, all die Mädchenjungs und Jungsmädchen und rufen laut: „Das ist auf jeden Fall nice, so!“ Hach, schön.

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Ok, ich gebs zu, das Ende dieser Geschichte ist frei erfunden. In Wahrheit blieben alle Jungs Jungs und alle Mädchen Mädchen. Schade eigentlich. Ich persönlich glaube ja nicht, dass Mädchen und Jungs grunsätzlich verschieden sind. Schon allein, weil ich gern boxe, während einige Männer in meinem Bekanntenkreis lieber shoppen gehen. Weil mich rosa Überraschungseier genauso abstoßen wie blaue. Wenn ich davon neuen Leuten, Bekannten oder Freunden erzähle, zucken viele mit den Schultern. „Naja, die Geschlechter sind schon verschieden“, sagen sie dann. Das mag sein – weil jeder Mensch verschieden ist. Ich kenne so viele Mädchen, die richtig stark sind. Manche könnten einen Menschen mit einem gezielten Boxschlag ausknocken. Andere stehen immer wieder auf, obwohl sie schon oft am Boden lagen. Ich kenne rülpsende, whiskeytrinkende, schreinernde Frauen. Wenn sie hinter dem Zusatz „Mädchen“ stehen, kann „Mädchenelektro“ nur eine kraftvolle Musikrichtung sein.

Das erste, an das ich jetzt ein „Mädchen“ hänge, ist dieser Text. In unregelmäßigen Abständen wird hier ein Mädchentext veröffentlicht. „Mädchen“ soll dabei nicht für etwas Schwaches stehen, es wird zur Kampfansage. In Mädchentexten soll es um klare Ungerechtigkeiten, herbe Klischees und schäumende Wut gehen – und darum, wie bitter nötig es nach wie vor ist, zu diskutieren: Was verbinden wir mit Geschlecht und Gerechtigkeit, wer steckt in welchen Schubladen fest und welches Mädchen- und Frauenbild haben – gerade junge Leute – heute? In diesen Texten dürfen Jungs süß und vermischt sein und Mädchen herb und stark. „Raus aus der Ecke!“, hat mein Boxtrainer gebrüllt – und die Mädchen haben ihre Fäuste ganz genauso schnell gehoben wie die Jungs. „Und los!“

Rubriklistenbild: © Pixabay

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