"Jetzt muss gehandelt werden"

Kontrolleure fordern Lebensmittel-Europol

Berlin - Tonnenweise vergifteter Futtermais - wieder ein Lebensmittelskandal. Und schon mehren sich wieder die Rufe nach besseren länderübergreifenden Tests. Wer ist schuld?

Die Politik droht der Industrie im Skandal um verseuchtes Tierfutter mit Kontrollgebühren in Millionenhöhe. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) brachten am Samstag die Gebühren für stärkere Kontrollen ins Gespräch. Wenn die Kosten der Wirtschaft in Rechnung gestellt würden, könne der Staat 30 bis 50 Millionen Euro im Jahr sparen, sagte Meyer dem Magazin „Focus“. Aigner warf den Herstellern Versagen bei den Eigenkontrollen vor. Nach dem Fund von Tausenden Tonnen verseuchten Futters läuft die Suche nach den Schuldigen. Experten sehen derzeit keine Gefahr für Verbraucher.

Zu den Kontrollen sagte Aigner: „Es gab frühzeitig Hinweise von verschiedenen Seiten, doch diese wurden offenbar ignoriert.“ Die zuständigen Länderbehörden müssten „deutlich schärfer als bisher“ überwachen, ob die Unternehmen ihre Pflichten einhielten. „Wenn die Bundesländer ausreichende Kontrollen nicht leisten können, liegt es auf der Hand, die amtlichen Kontrollen in Zukunft stärker als bisher durch Gebühren zu finanzieren.“

Der Bundesrechnungshof habe festgestellt, dass die finanzielle und personelle Ausstattung der zuständigen Stellen in den Ländern oft unzureichend sei, sagte Aigner. „Kontrolle nach Kassenlage, das darf nicht sein.“ Aigners Kollege aus Niedersachsen forderte im „Focus“: „Wir brauchen mehr staatliche Kontrollen und mehr Personal.“ Meyer ergänzte am Rande eines Besuches bei Jägern in Bergen im Landkreis Celle: „Wir müssen schauen, wo wir bundes- und europaweit rechtlich nachsteuern müssen, um dem Verbraucherschutz auch wirklich die höchste Priorität zu geben.“

Foodwatch-Sprecher Martin Rücker sagte der Nachrichtenagentur dpa, der Bund habe es gescheut, die Futtermittelindustrie zu systematischen Kontrollen zu verpflichten. „Wir haben bei Futtermittelkontrollen erhebliche Schwachstellen, die eigentlich auch bekannt sind.“

Am Freitag war bekanntgeworden, dass aus Serbien importierter Mais mit einem krebserregenden Schimmelpilz vergiftet ist. Der Mais wurde auch an Rinder verfüttert. Das Pilzgift Aflatoxin gelangte so in Milch. Besonders betroffen ist Niedersachsen, wo Hunderte Milchbetriebe vorsorglich gesperrt wurden. Erste Laborergebnisse aus gezielten Untersuchungen in Niedersachsen sollten möglicherweise noch am Samstagabend vorliegen. Futtermittel mit verseuchtem Mais wurden auch an wenige Höfe und Betriebe in andere Bundesländer geliefert. Bio-Betriebe sind nach ersten Erkenntnissen nicht betroffen.

Der Verband der Milchindustrie erklärte Milch und Milchprodukte in Deutschland für unbedenklich. Das hätten Proben im Januar und Februar ergeben, teilte der Verband am Samstag mit. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht keinen Grund, vor dem Verzehr bestimmter Produkte zu warnen.

Der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, sieht die Schuld im gegenwärtigen Schimmelpilz-Skandal beim Importeur. „Schuld ist in Lebensmittel-Skandalen immer derjenige, der unmittelbar für das Produkt Verantwortung trägt“, sagte Born der dpa am Samstag. Im Fall des verseuchten Futtermaises habe ein großer Getreideimporteur offenbar eine große Charge Mais mit zu hohen Werten Aflatoxin in Serbien gekauft. Diese habe er an Futtermittelwerke weitergeliefert. „Das durfte er nicht. Das ist schlicht und einfach gesetzeswidrig.“ Damit sei die Schuldfrage eindeutig geklärt. Rechtliche Konsequenzen ließ Born offen. Bauernpräsident Rukwied sagte der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Samstag): „Um einen Befall mit Schimmelpilzen auszuschließen, erwarte ich, dass das Futtermittelmischwerk entsprechende Kontrollen durchführt, beispielsweise Eingangskontrollen der Rohprodukte.“ Der Landwirt müsse sich darauf verlassen können, dass geliefertes Futter einwandfrei sei. Für den Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure ist es Zeit, den Bundesländern die Verantwortung für Lebensmittelkontrollen abzunehmen und die Kräfte zu bündeln, um die Probleme zentral angehen zu können. Der Verbandsvorsitzende Martin Müller forderte in der „Passauer Neuen Presse“ (Samstag) europaweit intensivere Kontrollen von Lebensmitteln: „Wir brauchen eine Art Lebensmittel-Europol.“

In Niedersachsen wurden 3500 Höfe mit dem vergifteten Mais beliefert. Nach dem Alarm eines Milchbauern aus dem Kreis Leer vom 5. Februar dauerte die Recherche nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums noch gut 14 Tage, bis eine Schiffsladung aus Brake an der Weser als Gefahrenquelle feststand. Am 22. Februar lagen demnach die Ergebnisse der amtlichen Tests vor, die eine Belastung der Sendung aus Serbien mit Aflatoxinen über der Höchstmenge belegten.

„Die Aflatoxinergebnisse in der Milch sind derzeit unseres Wissens unauffällig. Bisher sind keine Überschreitungen des Höchstwertes in verarbeiteten Produkten bekannt und werden auch nicht erwartet“, teilte der Verband der Milchindustrie mit. Bei Routinekontrollen im Januar und Februar seien etwa 300 Proben aus Milchpools auf das Schimmelpilzgift Aflatoxin untersucht worden.

Michael Kühne von der niedersächsischen Kontrollbehörde Laves sagte, die bisher entdeckten Werte in dem verschimmelten und damit giftigem Futter seien viel zu gering, als dass daraus über den Umweg der Kuh am Ende in einer Milchtüte eine Krebsgefahr für die Verbraucher entstehe.

dpa

Lebensmittelskandale in Deutschland

Vergammelt, verseucht, falsch deklariert - Lebensmittelskandale haben Verbraucher in Deutschland schon mehrfach verunsichert. © dpa
März 2013: 10 000 Tonnen vergifteter Mais wurden zu Tierfutter verarbeitet. Allein in Niedersachsen sind mehr als 3500 Bauernhöfe beliefert worden. © dpa
Februar 2013: Millionen Eier aus Freiland- und Bodenhaltung sowie von Bio-Betrieben wurden als angebliche Bio-Eier verkauft, obwohl die Legehennen nicht vorschriftsgemäß gehalten. © dpa
Januar 2013: In mehreren europäischen Ländern wird in Supermarktprodukten neben dem angegebenen Rindfleisch auch Pferdefleisch gefunden. Mitte Februar tauchen auch in Deutschland Fertiggerichte mit falsch deklariertem Fleisch auf. © dpa
2012: Nach dem von Behörden verhängten Produktionsstopp in einer Brotfabrik bei München meldet die Bäckereikette Müller-Brot Insolvenz an. Kontrolleure fanden wiederholt Mäusekot und Speisereste von früheren Produktionen in Maschinen der Bäckerei. © dpa
2011: In Deutschland sterben rund 40 Menschen an den Folgen des gefährlichen EHEC-Darmkeims. Die Behörden warnen vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate. Später stellt sich heraus: EHEC war von belasteten Sprossen aus Ägypten ausgelöst worden. © dpa
2010: Mit Dioxin belastetes Bio-Futtermittel eines niederländischen Herstellers wird in elf Bundesländer geliefert. Vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden viele Biohöfe gesperrt. © dpa
2008: Vergammelter Mozzarella aus Italien landet auch auf deutschen Käsetheken. Insgesamt sollen rund 11 000 Tonnen des mit Würmern und Mäusekot verunreinigten Käses europaweit als frische Ware in Supermärkten angeboten worden sein. © dpa
Lebensmittelskandale in Deutschland
2005: Mindestens 50 Betriebe und Lager in mehreren Bundesländern sind in Geschäfte mit verdorbenem Fleisch verwickelt. Große Mengen wurden zu Döner, Bratwurst und Geflügelnuggets verarbeitet. Besonderes Aufsehen erregte ein Unternehmer aus dem bayerischen Deggendorf: Er importierte tonnenweise Schlachtabfälle aus der Schweiz, deklarierte sie um und verkaufte sie an Lebensmittelproduzenten im In- und Ausland. © dpa
2005: In zwei Filialen einer Supermarktkette werden bei Hannover Mitarbeiter beim Manipulieren von Fleischverpackungen ertappt. Sie hatten Hackfleisch mit abgelaufenem Verbrauchsdatum neu verpackt und so das Verfallsdatum verlängert. Mitarbeiter und Kunden anderer Supermärkte melden sich mit ähnlichen Vorwürfen. © dpa
2001: Mit dem in der EU verbotenen Antibiotikum Chloramphenicol belastete Shrimps aus Asien gelangen über die Niederlande nach Deutschland. Die EU beschließt, die Einfuhr von Shrimps, Geflügel, Honig und Kaninchenfleisch aus China zu verbieten. © dpa
1997: Ein Skandal um illegale Rindfleisch-Importe aus Großbritannien verunsichert die Verbraucher. Aus Angst vor der Rinderseuche BSE werden in Deutschland Tausende Tiere getötet, der Konsum von Rindfleisch geht drastisch zurück. Als Auslöser der Krankheit gilt die Verfütterung von Tiermehl und Tierfett, die 2001 europaweit verboten wird. © dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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