Schweigeminute für Flüchtlinge: "Fernsehgeschichte bei Jauch trotz Jauch"

Günther Jauch bot in seinem Polittalk eine hitzige Diskussion über die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. Denkwürdig wurde die Sendung jedoch erst durch eine Schweigeminute.

Die größte Überraschung am Sonntag im Polittalk von Günther Jauch war, dass sogar Roger Köppel am Ende für eine Schweigeminute aufstand. Wenn man den konservativen Schweizer Journalisten in den knapp 55 Minuten zuvor richtig verstanden hatte, hat die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit wahrscheinlich 900 Toten auch etwas Gutes, weil sie weitere Migranten aus dem Süden abschrecke. Doch dann folgte ein Moment, mit dem nach einer hitzigen Diskussion niemand mehr gerechnet hatte.

Moderator Jauch setzte sich zu dem Brandenburger Geschäftsmann und Familienvater Harald Höppner ins Publikum, der demnächst mit einem Kutter ins Mittelmeer aufbrechen will, um Flüchtlinge zu retten. Jauch fragte, was sein Projekt mit dem Mauerfall zu tun habe. Doch der 42-Jährige stand auf, sagte, dass das mit dem Mauerfall „jetzt nicht die Frage sei“ und forderte eine Gedenkminute für die Opfer im Mittelmeer. Jauch wehrte sich erst hilflos, doch da standen alle im Saal bereits auf, selbst der Populist Köppel. Und dann kam das große Schweigen, bis Jauch etwas dazwischen brabbelte und selbst diesen großen Moment zerstörte.

Auch zuvor hatte der Gastgeber nicht den besten Eindruck hinterlassen. Maya Alkhechen, eine in Deutschland aufgewachsene Frau, die später nach Syrien abgeschoben wurde, ehe sie der Kriegshölle dort über das Mittelmeer entkam, ließ er einige Male nicht zu Wort kommen, während Klöppel ausreden durfte.

Während der ehemalige CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich die Schleuserbanden Verbrecher nannte, machte Alkhechen eindrucksvoll deutlich, dass diese Menschen für sie die letzte Hoffnung waren. Sie hätte sonst in Syrien sterben oder in Libyen auf der Straße leben müssen. 5000 Dollar bezahlte sie mit ihrer Familie für die Überfahrt auf einem völlig überfüllten Boot. „Sie wissen nicht, wie man sich fühlt, wenn man keine andere Wahl hat“, sagte sie.

Heribert Prantl („Süddeutsche Zeitung“) warf der Europäischen Union vor, durch „unterlassene Hilfeleistung zu töten“, weil die Landesgrenzen schon vor Jahren dicht gemacht wurden. Sein Schweizer Kollege Köppel nannte diese Sichtweise verantwortungslos, weil immer mehr illegale Flüchtlinge nach Europa kommen würden, wenn die EU den Menschen auf dem Meer helfe. Er tat dies rhetorisch gewandt, aber wer ein Mensch ist und dies hörte, musste sich trotzdem für ihn schämen.

Am Ende einer Sendung, in der auch noch ein pensionierter Maschinenbauer zur Wort kam, der gegen die Erweiterung eines Flüchtlingsheimes in Bautzen kämpft, war man ratlos. Bis der Flüchtlingshelfer Höppner kam, der nicht nur einfach redet, sondern handelt. Der Journalist Bernd Ulrich („Die Zeit“) twitterte nach der Gedenkminute:; „Fernsehgeschichte bei Jauch trotz Jauch.“

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