Kritikpreis "Verschlossene Auster" an katholische Kirche

zollitsch
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Reden ist Silber, Schweigen ist Gold: der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch.

Hamburg - Die katholische Kirche erhält in diesem Jahr den Kritikpreis “Verschlossene Auster“. Die Journalistenvereinigung “Netzwerk Recherche“ verlieh die Skulptur stellvertretend an die Deutsche Bischofskonferenz.

Die Kirche respektiere den Anspruch der Öffentlichkeit auf frühzeitige und vollständige Informationen nicht und widerspreche damit eigenen Wertevorgaben nach Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, erklärte die Jury. Die Journalisten bemängelten die Bereitschaft der Kirche an der Aufklärung der Missbrauchsfälle: “Es wurde vertuscht, verleugnet und verheimlicht.“

Für die Bischofskonferenz nahm deren Sprecher Matthias Kopp die “Auszeichnung“ entgegen, die zum neunten Mal verliehen wurde. Der Sprecher der Bischofskonferenz räumte ein, dass es in der kirchlichen Kommunikationsarbeit Verbesserungsbedarf gebe. “Ja, wir haben als katholische Kirche die größte Krise seit 1945. Ja, wir haben uns zu lange vor die Täter gestellt und nicht auf die Opfer geschaut. Ja, wir haben Kommunikationsfehler gemacht“, resümierte Kopp. Den Bischöfen sei aber klar geworden, dass sie sich drängenden Fragen stellen müssten. Eine Kirche, die den Menschen nahe sein wolle, könne sich nicht verschließen, sagte Kopp. Im Umgang miteinander, erwarte die Kirche von den Medien aber auch “Fairness“.

Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

Der katholischen Kirche las Laudator Heribert Prantl, Leiter der Innenpolitik der “Süddeutschen Zeitung“, die Leviten. “Eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt wie keine andere, hat die Sprache verloren. Sie ist sprach- und sprechunfähig geworden, nicht nur, aber vor allem, wenn es um ihr Verhältnis zur Sexualität geht“, sagte Prantl. Wenn es so viele Tabus wie Zölibat, Verhütung und katholische Sexuallehre gebe, “gibt es keine Wahrhaftigkeit mehr“, meinte der Journalist. Die Kirche schade sich am meisten selbst, wenn sie sich der Diskussion verschließe und versperre.

Die Vereinigung vergibt ihren Preis an Menschen oder Organisationen, die sich weigern, Journalisten Auskünfte zu erteilen. In früheren Jahren waren der Lebensmittelkonzern Aldi und in der Finanzkrise 2009 der Bundesverband Deutscher Banken Preisträger.

dpa

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