Kunst erobert die Kasseler Südstadt

Wo vor einiger Zeit viele Geschäfte leer standen, reiht sich jetzt Galerie an Galerie, dazwischen gibt es Ateliers und Produkte von jungen Designern. Manche haben langfristig einen Standort gefunden, andere werden nach dem documenta-Jahr wieder gehen. Es bewegt sich was in der Szene.

Kunst erobert die Kasseler Südstadt

Hätte man Tobias Rasch vor drei Jahren gesagt, dass er einen Trend setzt, hätte er es wahrscheinlich nicht geglaubt. Der 29-Jährige eröffnete 2009 eine kleine Galerie an der Frankfurter Straße. Aus ganz praktischen Überlegungen, denn er wohnte damals nicht weit entfernt. Auch die Nähe zur Kunsthochschule dürfte bei der Standort-Suche eine Rolle gespielt haben. Denn einige der jungen Künstler, die er vertritt, studieren dort. „Am Anfang kamen nur ein paar Neugierige. Die Besucherzahlen waren überschaubar“, sagt Rasch. Ausstellungen in der Südstadt waren eben bis dato eine Seltenheit, die Nachbarn zwar aufgeschlossen, aber zurückhaltend.

Trio mit Zielen: Melanie Vogel (von links), Tobias Rasch und Ulrike Petschelt wollen die Galerie-Szene in der Südstadt weiterentwickeln. Dafür arbeiten sie zusammen, legen zum Beispiel Ausstellungseröffnungen auf dasselbe Datum.

Heute ist das anders. Zwischen Weinberg und Auestadion hat sich innerhalb kurzer Zeit eine lebhafte Kunstszene entwickelt – mit Galerien, Ateliers, Kunsthandwerk- und Designläden. Die Resonanz der Kasseler ist positiv, die Ausstellungseröffnungen für viele Pflichttermine. Eine Tatsache, die vor allem der hervorragenden Zusammenarbeit der Kunstbetriebe zu verdanken ist. Und dem Willen, etwas gemeinsam zu erreichen. 2010 eröffnete Melanie Vogel am Weinberg ihre Warte für Kunst, einen Ausstellungsraum für junge Künstler, der gleichzeitig auch Experimentierfeld ist. Ein Jahr später bezog Galeristin Ulrike Petschelt, die lange Zeit in Paris lebte, Räume an der lebhaften Frankfurter Straße. „Ich habe gezielt nach einem Standort in der Nähe der anderen Galerien gesucht“, sagt sie. Die Vorstellung, Teil einer Kunstmeile zu sein, sei sehr reizvoll gewesen.

Zwischen den beiden Frauen und Tobias Rasch entstand schnell die Idee zu gemeinsamen Aktionen. Die Eröffnung ihrer Ausstellungen legen sie seitdem auf dieselben Abende. „Viele Besucher machen dann einen Galerie-Rundgang, begeben sich auf eine Entdeckungsreise“, berichtet Ulrike Petschelt. Eine Dreier-Vernissage habe inzwischen Event-Charakter. Das liegt auch an den Gastronomiebetrieben in der Nachbarschaft, die sich aktiv am Kunst-Konzept beteiligen. Kaffee Kunst und Weinbergkrug sorgen bei Veranstaltungen für die Bewirtung. „Es gibt eine enge Kooperation, von der beide Seiten profitieren“, sagt Tobias Rasch. Wie eng die Zusammenarbeit sein kann, zeigt ein Blick in die Warte für Kunst. Dort gibt es inzwischen ein Fenster zum benachbarten Weinbergkrug. So kann das Publikum Getränke bestellen, ohne den Galerieraum zu verlassen. Überhaupt wollen die jungen Galeristen weg vom steifen, elitären Ruf, den Ausstellungseröffnungen oft haben: „Wir wollen den Kunstbegriff auflockern und jedes Publikum ansprechen“, sagt Melanie Vogel. Denn oft seien die Diskussionen mit zufälligen Besuchern die spannendsten.

Auch die Kunstwerkstatt Kassel, die auf der Marbachshöhe und an der Heckerstraße Standorte hat, ist seit April mit ihrer Südstadtgalerie an der Frankfurter Straße vertreten. Die Besucherzahlen seien gut, aber noch verbesserungsfähig, sagt Thomas Hofer von der Kunstwerkstatt. „Wir hoffen, dass sich die Südstadt noch mehr als Kunstviertel profilieren wird.“ Dann kämen mehr Menschen gezielt zur Frankfurter Straße, um sich Ausstellungen anzuschauen.

Mit dem handlichen Galerie-Führer, den Tobias Rasch, Ulrike Petschelt und Melanie Vogel vor einigen Monaten herausgegeben haben, könnte das gelingen. Das ansprechend gestaltete, rosa Heft informiert über die Galerien und Kunstprojekte der Südstadt – stellt jeweils Konzept und Ausrichtung vor. Auch das gastronomische Angebot wird präsentiert. Eben all das, was einen Besuch in Kassels neuem Kunstquartier lohnenswert macht.

Temporäre Projekte

Das hat im documenta-Jahr übrigens besonders viel Zuwachs bekommen. Die meisten Läden, so wie der Design-, Architektur- und Kunstgewerbe-Treffpunkt Wikullil, sind jedoch als temporäre Projekte konzipiert. Schon bald werden sie wieder verschwunden sein. Andere sehen die Kunstbegeisterung rund um die Großausstellung als Test, ob der Standort für ein dauerhaftes Domizil infrage kommt. Keramiker Heiko Schulze mietete zum Beispiel für die Zeit der documenta einen Laden an der Ecke Frankfurter Straße/Tischbeinstraße. Die großen Schaufenster sind ideal zur Präsentation seiner Skulpturen, und auch die Größe des Geschäfts sprach ihn an. „Die Lage ist gut, aber leider ist es sehr laut“, sagt Schulze, der zuvor ein kleines, aber idyllisch gelegenes Atelier an der Fulda hatte. Er habe den Fluss gegen den Verkehrsfluss eingetauscht. Ob er an der Frankfurter Straße bleiben wird, weiß der Künstler noch nicht. Die Nähe zu den anderen Galerien wäre jedenfalls ein Argument: „Es ist ganz erstaunlich, dass hier innerhalb kurzer Zeit so viel entstanden ist.“

Text: Pamela De Filippo

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