1. Startseite
  2. Welt

Beziehungsexperte ist überzeugt: „Wer gerne küsst, lebt fünf Jahre länger“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Max Müller

Kommentare

Kirsten Dunst küsst Tobey Maguire, der als Spider-Man kopfüber im Bild hängt.
Einer der bekanntesten Küsse der Filmgeschichte: Tobey Maguire und Kirsten Dunst 2002 in „Spider-Man“. © Columbia Pictures/Imago

Küssen ist wichtiger als Sex, sagt Psychotherapeut Wolfgang Krüger und erklärt, wie Paare verhindern, sich nur noch aus Routine nahezukommen.

Köln – Wenn es um „das Eine“ geht, dann geht es nie ums Küssen. Warum eigentlich? Immerhin ist der Kuss in aller Regel der Moment, in dem zwei Menschen sich erstmals nahekommen. Psychotherapeut und Buchautor („So gelingt die Liebe“) Wolfgang Krüger erklärt im Interview mit Fr.de von IPPEN.MEDIA das Problem mit Hollywood-Vorlagen und wann ausbleibende Küsse in einer langen Partnerschaft zum Knackpunkt werden.

Herr Krüger, heute ist der internationale Tag des Kusses…

 … und leider reden wir nur dann über das Küssen. Wir sprechen viel zu selten darüber. Küssen wird unendlich unterschätzt. Wir denken immer, Küssen sei die kleine Schwester von Sex. Dabei ist es viel wichtiger für eine Liebesbeziehung.

Warum?

Küssen ist die leidenschaftlichste Form, seine Liebe auszudrücken. Schmusen kann man auch mit den Geschwistern. Sex geht auch sehr mechanisch, ohne Nähe. Bei einem Kuss sind alle fünf Sinne involviert. 34 Gesichtsmuskeln sind beteiligt. Es werden Kalorien verbrannt und haufenweise Glückshormone ausgeschüttet. Forschungen zeigen: Wer gerne küsst, lebt fünf Jahre länger.

In Beziehungen werden Küsse seltener und weniger intensiv. Ist das ein Problem?

Ja. Küssen wird versachlicht. Man sagt, wir küssen uns dreimal am Tag. Leider wird es mit der Zeit geschwisterlich. Die Leidenschaft geht verloren.

Was können Paare tun?

Die Voraussetzung ist, dass Paare sich vertrauen und grundsätzlich einen Wunsch nach Nähe verspüren. Es ist ganz wichtig, Rituale zu erneuern. Sonst gibt es irgendwann nur noch den gewohnheitsmäßigen Gute-Nacht-Kuss. Tanzen Sie mit Ihrer Partnerin oder mit Ihrem Partner mal durch die Küche und küssen sich danach für drei Minuten. Das Ergebnis kann überwältigend sein.

 Küssen planen? Das klingt ja schrecklich.

Mit der Zeit geht die Spontanität verloren, das ist ganz normal. Dann muss man sich Küssen vornehmen, insbesondere in einer längeren Partnerschaft. Das mag am Anfang komisch sein. Das Ergebnis wird aber für sich sprechen.

Zwei Frauen küssen sich unter einer riesigen Fahne.
„Frauen spüren besser, was bei einem Kuss passiert“, sagt Experte Krüger. © Christophe Simon/afp

Warum küssen wir? „Bis heute streiten sich Psychologen und Biologen“

Was erleben Sie in Ihrem therapeutischen Alltag?

Wenn ein Paar zu mir kommt, frage ich nie als Erstes nach dem Sexleben. Ich will wissen: Wie küssen die beiden sich? Das lässt viel tiefer blicken. Denn Küssen wird in einer Partnerschaft vor dem Sex eingestellt. Man muss sich dazu nämlich mit dem Gesicht nahe kommen, viel näher als beim Sex. Insofern sind ausbleibende Küsse ein Frühwarnsystem in einer Partnerschaft. 

Wovor wird gewarnt?

Ausbleibende Nähe. Das muss nicht unbedingt dramatisch sein, viele Paare kommen auch ohne Nähe sehr gut miteinander aus. Mein Punkt ist: Ob eine Beziehung leidenschaftlich ist, wird leider immer an der sexuellen Aktivität festgemacht. Das greift zu kurz.

Warum küssen wir uns überhaupt?

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Bis heute streiten sich Psychologen und Biologen. Die Haupttheorie geht so: Früher gab es noch keine Mixer. Deswegen haben Frauen ihren Säuglingen das Essen vorgekaut und den Brei durch gespitzten Lippen verabreicht. Mit der Zeit wurde dann aus der Nahrungsaufnahme eine Liebesbekundung. 

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Merkur.de, fr.de und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Wolfgang Krüger zum Tag des Kusses: „Die meisten Männer würden auch ohne guten Kuss ins Bett gehen“

Was macht einen guten Kuss aus?

Küssen ist eine persönliche Begegnung, es ist ein intimes, körperliches Gespräch. Es gibt ja nicht umsonst den Spruch: Man kann sich nicht riechen. Ein Kuss hilft, das Gegenüber besser kennenzulernen. Wenn es passt, passt es. Küssen ist eine soziale Fähigkeit. Dazu gehören zwei Dinge: Ich muss gut zuhören können und verstehen, was der andere möchte. Und ich muss meiner Leidenschaft Ausdruck verleihen. Insofern ist Küssen eine Form der Kommunikation. Wer ein Teamplayer ist und eine hohe Sozialkompetenz hat, der wird in der Regel besser küssen. 

Das klingt ja fast so, als ob man beim Bewerbungsgespräch lieber küssen statt reden sollte.

(lacht) Warum nicht? Für das Unternehmen wäre es allerdings wichtig, dass eine Frau das Gespräch führt. Denn Frauen spüren wesentlich besser, was bei einem Kuss passiert. 80 Prozent aller Frauen würde keine Partnerschaft eingehen, wenn der Mann nicht gut küssen kann.

Und die Männer?

Männer legen auf das Küssen weniger Wert. Die meisten Männer würden auch mit einer Frau ins Bett gehen, wenn der Kuss nicht gut war. 

Der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger steht vor einer weißen Wand.
Wolfgang Krüger arbeitet als Psychotherapeut in Berlin. © Gerald Wesolowski

Küssen und Filme: „Paare sollten sich diesen Film anschauen“

In unserer Kultur ist das Küssen völlig normal. Wie ist das anderswo? 

In 50 Prozent der Kulturen gibt es einen romantischen Kuss. In der anderen Hälfte ist der Kuss eher eine Form der Umarmung. Es kommt auch darauf an, wie toleriert Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit sind. Deutschland steht in Europa in der Mitte. Italiener und Franzosen sind viel kussfreudiger. Aber wir holen auf. Studien haben gezeigt, dass junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren sich viel häufiger freundschaftlich küssen. Küsschen links, Küsschen rechts – das hat sehr stark zugenommen. Auch unter Männern.

Welche Rolle spielen Filme?

Sie verzerren leider häufig die Realität. Wir kriegen immer nur den überwältigenden Moment mit. Aber Küssen ist zu Beginn eher suchend, tastend, langsam und still. Erst nach zwei oder drei Minuten wird es wilder. In einem Film lässt sich das schlecht darstellen.

Julia Roberts sagt in „Pretty Woman“ zu Richard Gere: Prostituierte küssen nicht auf den Mund, weil es viel intimer ist. 

Sie hat völlig recht. Manche französische Filme schaffen es auch, einen Kuss schön zu inszenieren, zum Beispiel „Die Spitzenklöpplerin“. Da geht es mit einer ganz kleinen Berührung los. An alle Paare: Schauen Sie sich diesen Film an.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion