Seit 68 Jahren verschollen

KZ-Überlebender sucht seinen Bruder übers Internet

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Aufruf in Facebook: In dem großen sozialen Internet-Netzwerk hat Menachem B. ein Foto aus Kindertagen seines verschollenen Zwillingsbruders Jenö und dessen KZ-Tätowierungsnummer platziert.

Mein ganzes Leben habe ich gewusst, dass er irgendwo am Leben ist, ich habe es gefühlt, dass er lebt“, sagt der Auschwitz-Überlebende Menachem B. Doch gesehen hat er seinen Bruder seit 68 Jahren nicht mehr.

Die beiden Ungarn aus dem südwestungarischen Dorf Strojno waren nach Auschwitz deportiert worden. Dort wurde Menachem von dem KZ-Arzt Josef Mengele an der Rampe aussortiert und ins Krankenhausabteil gebracht, wo man ihn für Experimente missbrauchte. Mengele hatte vor allem eineiige Zwillingskinder untersucht, um „rassenhygienische“ Erkenntnisse zu gewinnen.

Seinen Bruder Jenö (Spitzname: Jolli), mit dem er den Großteil seiner Zeit in der KZ-Baracke verbrachte, hatte er dann allerdings später bei der Befreiung des KZs aus den Augen verloren. Wie Spiegel-online berichtet, sucht der mittlerweile in Israel lebende Menachem seinen Zwillingsbruder nun auf der Internetseite des sozialen Netzwerks Facebook – fast 70 Jahre später und mit Hilfe von Jenös Häftlingstätowierung: „Suche Jolli - Kind-Überlebender A 7734, viereinhalb Jahre alt bei der Befreiung“.

Die Spur hatte sich verloren, als das polnische Rote Kreuz protokollierte, dass Jenö ins Krankenhaus gebracht wurde und gesund sei. Für Menachem der Beweis, dass sein Bruder den Holocaust überlebt hat.

Die Idee für die Internet-Aktion hatte die Ahnenforscherin Ayana Kim Ron, die vor einem Jahr in einem Genealogie-Forum den Aufruf mit dem Titel „Ich bin ein Mengele-Zwilling und suche meinen Bruder“ gelesen hatte. Den Beitrag hatte eine Cousine von Menachems Partnerin verfasst. Er lebte zu dieser Zeit bereits als pensionierter Steuerbeamter in Tel Aviv und glaubte nicht mehr daran, Jenö jemals zu finden.

Menachem B.

Kim Ron recherchierte fortan weltweit: Bei der Organisation CANDLES (Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiment Survivors) und auch beim Internationalen Suchdienst im nordhessischen Bad Arolsen, wo sie nähere Informationen zu Menachems leiblichen Eltern und dem heimatlichen Dorf in Ungarn fand. So konnte sie dem 72-Jährigen, der sich bei der KZ-Befreiung einen polnischen Juden als neuen Vater aussuchte und später in Israel den Namen Menachem erhielt, ein Stück seiner Identität wiedergeben. Schließlich suchte die israelische Wissenschaftlerin auch um Hilfe in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Dort fand Kim Ron eine Anfrage von Menachems Cousin, berichtet Spiegel-online. Seitdem hat Menachem über 70 Familienmitglieder finden können. Bis auf Jenö.

Zwar hat die Facebookseite unglaublich große Beachtung: Seitdem sie vor zwei Wochen online ging, haben sie über 1,4 Millionen Menschen aus 20 Ländern gelesen. Und die Ahnenforscherin glaubt auch an den Erfolg: „Es reicht, dass nur ein einziges Enkelkind von Jenö den Aufruf sieht, dann können wir die Brüder wieder vereinen.“ Denn die tätowierte Häftlingsnummer sei das Merkmal, an der Jenö erkannt werden könne. Doch bislang ist die Suche erfolglos geblieben – noch. Wie die Huffington Post im Internet berichtet, gibt es Hinweise, dass Jenö von einer Christen-Familie adoptiert worden war und nun in den USA lebt.

Die Facebook-Seite zur Suche des Bruders: http://zu.hna.de/zwilling1603

Von Ullrich Riedler

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