Nachbarn verärgert über Waffennarr

Lasche Waffengesetze: Schießwut im eigenen Garten? In Florida kein Problem

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Schießwut im eigenen Garten: Doug Verrieur hat sich auf Key West eine eigene Schießbahn aufgebaut.

Key West. Regelmäßig hallen Pistolenschüsse durch die Nachbarschaft: Doug Varrieur hat den Hinterhof seines Hauses in einen privaten Schießstand umfunktioniert. Auf den Florida Keys, einer Inselkette und beliebtem Touristen-Ziel an der Südspitze des US-Bundesstaates, ist das ganz legal.

"Die gefährlichste Waffe ist die, die man 15 Jahre im Nachttisch aufbewahrt und dann im Ernstfall nicht einsetzen kann", sagt Varrieur. Seine erste Pistole habe er sich vor 27 Jahren zugelegt, nachdem ihn eine Frau auf offener Straße mit einer Waffe bedroht habe - im Streit um einen Parkplatz.

Im Staat North Carolina, seiner zweiten Heimat, fährt der 57-Jährige zum Training in die Wildnis. Auf den Florida Keys wäre die nächste Schießanlage aber über 60 Kilometer von seinem Wohnort entfernt, so Varrieur. Daher habe er einen Blick ins Gesetzbuch geworfen: "Ich war selbst überrascht, wie wenig Beschränkungen es gibt."

In den USA ist Schießtraining eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Waffen werden teilweise über Facebook verkauft und sogenannte Shooting Ranges werben mit Familienangeboten. Auf zahlreichen Außenanlagen und in Schießhallen können Hobbyschützen trainieren.

Laut Schätzungen des US-Kongresses waren in den USA im Jahr 2009 etwa 310 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz. Eine Studie mit Zahlen von 2007 zeigte sogar, dass weltweit gesehen fast die Hälfte aller privaten Waffen US-Bürgern gehörte. Dass jeder Amerikaner eine Waffe besitzen darf, steht in der US-Verfassung gleich nach Grundrechten wie der Meinungs- und Religionsfreiheit. Die mächtige Waffenlobby "National Rifle Association" bezeichnet sich selbst als "Amerikas älteste Bürgerrechtsorganisation" und wehrt sich gegen gesetzliche Waffenkontrolle.

Im republikanisch regierten Florida ist es laut Gesetz auf Privatgrundstücken lediglich verboten, in Richtung befestigter Straßen oder bewohnter Gebäude zu schießen. 2011 wurde dem Gesetz noch hinzugefügt, dass niemand auf privatem Gelände "rücksichtslos und fahrlässig" feuern darf. Was genau das bedeutet, ist unklar.

Die lokalen Behörden können in Florida keine Regeln zum Waffengebrauch aufstellen, im Gegenteil: 2011 unterzeichnete Gouverneur Rick Scott ein Gesetz, mit dem er Lokalpolitiker ihres Amtes entheben kann, sollten sie Waffen-Beschränkungen für ihre Gemeinde verfügen. Außerdem drohen ihnen in diesem Fall Geldstrafen von bis zu 5000 US-Dollar (etwa 3600 Euro).

Doug Varrieur hat seinen Schießstand gemeinsam mit einem Freund gebaut, Marke Eigenkonstruktion. Aus Holz, damit die Kugeln nicht abprallen. Als Zielscheibe nimmt er bevorzugt Blechbüchsen oder Zombie-Plakate. Bevor er schießt, informiert er eigener Aussage nach die örtliche Polizei, und seine Frau hält Ausschau, ob auf dem Kanal hinter dem Haus ein Boot vorbeikommt.

Die lokalen Behörden können nicht eingreifen: "Der Bundesstaat hat uns die Hände gebunden", sagt Heather Carruthers von der Lokalverwaltung im Monroe County, in deren Bezirk Varrieurs Heimatort fällt. Jetzt, da seine Freizeitaktivität bekanntgeworden ist, sei mit Nachahmern zu rechnen, so Carruthers. "Unsere größte Befürchtung ist, dass jemand verletzt werden könnte."

Diese Sorge ist nicht unbegründet. Am ersten Weihnachtsfeiertag vergangenen Jahres war ein Familienvater nahe Orlando, Florida, von einer verirrten Kugel getötet worden. Der 69-Jährige habe im Garten gearbeitet, als von einem Nachbargrundstück Schüsse abgefeuert wurden, berichtete das "Daytona Beach News-Journal" im Dezember. Ein Querschläger habe den Mann in die Brust getroffen.

Hobbyschütze Varrieur sagt selbst, dass die aktuellen Vorschriften nicht ausreichen: "Das Gesetz ist Irrsinn", so Varrieur, "ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen." Er will sich für strengere Sicherheitsvorschriften einsetzen und hat Vorschläge an eine Abgeordnete im Repräsentantenhaus von Florida geschickt.

Varrieurs 80-jähriger Vater, der im Haus nebenan wohnt, fühlt sich trotz Schießübungen seines Sohnes "absolut sicher". Für einige andere Nachbarn ist es aber mit dem Inselparadies nicht mehr weit her. "Wer will schon, dass wenige Meter vom eigenen Haus entfernt geschossen wird?", fragt eine Anwohnerin. "Ich finde das unverantwortlich und respektlos." (dpa)

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