Brief aus der chinesischen Hauptstadt

Leben im Smog - Peking ist nur noch in Facetten zu erkennen

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Mit Atemschutz gegen Smog: Peking in diesen Tagen.

An und für sich hatten wir einen recht milden Winter. Wenig kalte Tage in Nordchina heißt: Es wird weniger geheizt und damit auch weniger Kohle verfeuert. Weniger Kohle in der Atmosphäre bedeutet weniger Feinstaub, der sich mit den Abgasen der Autos und Fabriken zu einer giftigen Brühe vermischen kann. Und das wiederum bedeutet weniger Smog.

Doch die Hoffnung auf einen verhältnismäßig smogarmen Winter in Peking haben sich je verflüchtigt. Seit nunmehr einer Woche hängt eine dicke, rußige Nebelschwade in der Luft, sodass ich von meinem Balkonfenster aus die vielleicht gerade einmal 200 Meter entfernten Hochhäuser nicht mal mehr in Facetten erkennen kann. Fenster und Balkontür habe ich seit fünf Tagen nicht mehr gewagt zu öffnen. Die nach Kohle und Schwefel riechende Luft drang dennoch durch die undichten Fensterritze in die Wohnung und ließ zwischendurch das Lämpchen des Luftreinigers rot aufleuchten. Rot signalisiert laut Gebrauchsanleitung eine „stark verschmutzte Umgebungsluft“. Inzwischen habe ich die Fensterrahmen mit Gafferband abgeklebt.

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Derzeit herrscht über Chinas gesamten Nordosten Inversionswetterlage. Die Meteorologen im Staatsfernsehen erklären: Auf dem Boden ist es relativ warm, oben in gut 50 bis 100 Meter Höhe sorgt Kälte dafür, dass die Luft nicht weichen kann und der Feinstaub auf den Boden drückt. 15 Prozent des gesamten chinesischen Staatsgebietes sollen derzeit von der dichten Smogdecke betroffen sein, rund eine Viertel Milliarde Menschen. Die Schadstoffe wehen sogar bis in die südkoreanische Hauptstadt Seoul, 1000 Kilometer von Peking entfernt.

Ich habe mir vor einiger Zeit eigene Grenzen gesetzt im Umgang mit dem Smog. Bei Feinstaubwerten unter 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gehe ich bedenkenlos außer Haus. Ab 200 trage ich draußen eine Atemschutzmaske. Ab 300 vermeide ich jeglichen Aufenthalt im Freien. Ab 400 schalte ich die Luftreiniger in der Wohnung auf volle Pulle - auch wenn der Geräuschpegel damit gefühlt ins Unermessliche steigt.

Dieser selbst aufgestellten Richtlinie zufolge dürfte ich nun seit fünf Tagen keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, denn der Luftwert liegt seit Tagen konstant bei über 400. Das geht natürlich auch nicht. Und so hülle ich mich mit Atemschutzmaske, Kapuze und Schal so sehr ein, dass von mir nur noch die Augen zu sehen sind. Obwohl selbst das meine Atemwege nicht vor den Kleinstpartikel schützt, so denke ich mir: Besser als gar nichts vor Nase und Mund.

Meine Pekinger Mitmenschen scheinen es ähnlich zu sehen. Auch sie wagen sich nur noch verhüllt vor die Tür. Am dritten Tag des dichten Smogs konnten sich die Pekinger Umweltbehörde durchringen, zumindest Alarmstufe orange auszurufen, der zweithöchsten Gefahrenstufe.

Seitdem ist die Zahl der Passanten auf den ansonsten sehr belebten Pekinger Straßen merklich zurück gegangen. Spielende Kinder auf den Schulhöfen sind nicht mehr zu sehen, auch die älteren Menschen nicht, die normalerweise morgens auf Plätzen und in Höfen Frühgymnastik und Taiji betreiben.

Ein Fahrverbot gibt es allerdings auch weiterhin nicht. Dazu bedarf es Alarmstufe Rot. Die haben die Behörden aber noch nie ausgerufen. Im Gegenteil: Der Verkehr ist dichter denn je. Um weniger der schlechten Luft ausgesetzt zu sein, setzen sich die Pekinger erst recht in ihre Autos.

Von Felix Lee

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