Das Leben und der Tod: Kasselerin will ihren Körper ausstellen lassen

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Faszination menschlicher Körper: Sabine Kuhnt – hier in ihrer Wohnung – setzt sich mit dem auseinander, was nach dem Leben geschieht.

Kassel. Sabine Kuhnt redet über den Tod wie vom letzten Urlaub: locker, leicht, unbeschwert. „Wenn ich tot bin, bin ich tot“, sagt sie, die mit ihren 50 Jahren mitten im Leben steht.

Serie:

In unserer Serie stellen wir Menschen aus unserer Region und ihr Leben vor – Lebenswelten. Heute: Sabine Kuhnt aus Kassel. Die 50-Jährige hat sich entschieden, Körperspenderin zu werden. Sie erlaubt, dass nach ihrem Tod ihr Körper plastiniert und in der Ausstellung Körperwelten gezeigt werden darf.

Sie arbeitet als Finanzbuchhalterin bei einem Energiekonzern. Mit ihrer Mutter hat sie kürzlich eine neue Wohnung bezogen, ein Penthouse im angesagten Kasseler Stadtteil Vorderer Westen. Wenn das Wetter schön ist, wird das Obergeschoss lichtdurchflutet, die Katzen Conny und Desti räkeln sich in der Sonne - und der Blick fällt auf Kinder, die unten vor der Haustür Fußball spielen.

Diese neue Wohnung ist ein Plädoyer für das Leben - und doch hat Sabine Kuhnt eine Geschichte zu erzählen, die mit dem zu tun hat, was nach dem Leben kommt. Die 50-Jährige ist Körperspenderin. Das heißt, sie will ihren Körper nach ihrem Tod der Ausstellung Körperwelten zur Verfügung stellen.

Ein Schachspieler als Plastinat: Die Ausstellung Körperwelten wollten bisher 33 Millionen Menschen weltweit sehen.

Als Sabine Kuhnt diese vor zehn Jahren in Heidelberg besuchte und die plastinierten Leichen sah, war ihr sofort klar: „Das ist es, das willst du auch.“ Prompt schloss sie einen Vertrag mit dem Institut für Plastination, das der umstrittene Wissenschaftler Gunther von Hagens gegründet hat und das die anatomischen Präparate herstellt - teilweise für Körperwelten, teilweise für die Forschung.

Bis heute hat Sabine Kuhnt ihre Entscheidung nicht bereut. Im Gegenteil. Sie spricht immer noch mit reichlich Faszination über die möglichen Folgen ihrer Entscheidung: „Es wäre doch cool, wenn ich da mal stehen würde.“ Und dann erzählt sie noch von der Reaktion einer Freundin, die gesagt habe: „Wenn ich eines Tages die Ausstellung besuche, werde ich Dich gleich erkennen - an den Armen.“

Mit zehn Jahren ins Internat

Sabine Kuhnt ist contergan-geschädigt: Ihre Arme sind extrem verkürzt; wenn sie Kaffee trinkt, dann hält sie die Tasse mit den Zehen ihres linken Fußes. Mit zehn Jahren kam sie aus ihrer Heimatstadt Hannover ins Internat für Körperbehinderte nach Hessisch Lichtenau, weil es ihr nur da möglich war, Abitur zu machen. Früh wurde sie hier mit dem Tod konfrontiert: „Eine Freundin dort litt an Muskelschwund, sie starb mit zehn Jahren.“

Womöglich ist das der Grund, warum sie einerseits das Leben lebt und sich andererseits intensiv mit dem Danach auseinandersetzt. „Ich weiß halt, dass der Tod auch in frühen Jahren kommen kann und nicht erst mit 80 oder 90.“ Früher hat sie das Kasseler Nachtleben ausgiebig genossen, wie sie sagt. Heute ist sie zwar ein bisschen ruhiger geworden, aber sie macht immer noch das, worauf sie gerade Lust hat: Ihren Körper zieren ein Dutzend Tattoos, auf ihrem Rücken ist ein Katzengesicht zu sehen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite engagiert sich Sabine Kuhnt im Hospizverein, sie begleitet Menschen beim Sterben - oder sie begleitet die Angehörigen der Sterbenden.

Das Leben und der Tod. Sabine Kuhnt ist die einzige in ihrer Gruppe des Vereins, die nicht an Gott glaubt. Sie ist da sehr pragmatisch: „Ich denke nicht, dass ich als Bundeskanzlerin wiedergeboren werde. Wenn ich tot bin, ist alles weg - nur eben der Körper nicht.“ Daher soll es für ihren Körper eine Verwendung geben. Die Kritik der Kirche und von Interessengruppen, die Plastinationen von Menschen würdelos finden, prallt an ihr ab. In ihrem Umfeld wird sie eher bewundert als verachtet für ihren Entschluss. „Die finden das alle klasse. Nur selber machen würde es keiner.“

Nur ihre Mutter ist weiter skeptisch, obwohl sie vor gar nicht langer Zeit ihre Tochter zu einem Treffen der Körperspender im brandenburgischen Guben begleitet hat und durchaus angetan war von diesem Treffen. Aber: „Ich gehöre eben noch einer Generation an, die mitbekommen hat: So etwas macht man nicht“, sagt Ursula Frixen.

Sie ist 86 und weiß, dass sie eines Tages auf einem Friedhof in Hannover beigesetzt wird. Da wäre auch noch Platz für ihre Tochter. Sabine Kuhnt aber sagt: „Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder. Es wird keiner scharf drauf sein, meine sterblichen Überreste zu pflegen.“ Und überhaupt: „Mein Vater und mein Bruder sind auch auf dem Friedhof. Aber ich brauche keinen Friedhof, damit sie bei mir sind. Sie sind hier“, sagt sie und blickt in die Weite der Wohnung. „Sie leben in den Gesprächen weiter.“

„Bin relativ einmalig“

Als Sabine Kuhnt sich 2002 dafür entschied, Körperspenderin zu werden, begründete sie das damals schriftlich. In dem Aufnahmebogen steht: „Ich würde gern nach meinem Tod noch etwas Sinnvolles bewirken. Wenn angehende Ärzte die Möglichkeit haben, durch mich an Erfahrung reicher zu werden, habe ich etwas hinterlassen, das eventuell mehreren Menschen nützlich sein kann. Sollte ich als Ganzkörperplastinat enden, denke ich, dass das interessant für die Nachwelt ist. Durch meine Behinderung (Contergan-Schaden) bin ich relativ einmalig, da es so etwas nicht mehr geben wird.“

Die Körperspender können dann noch angeben, was auf keinen Fall nach ihrem Tod mit ihnen geschehen soll. Viele wollen nicht, dass die Augen plastiniert werden, viele wollen anonym bleiben, sollte ihr Körper zum Plastinat werden. Sabine Kuhnt hat keine Einschränkungen gemacht.

Von Florian Hagemann

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