Lebenslang für Mörder von Tobias

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Der Angeklagte im Gerichtssaal in Stuttgart.

Stuttgart - Der Mörder von Tobias (11) muss lebenslang hinter Gitter. Zudem ordnete das Landgericht Stuttgart am Mittwoch die Sicherungsverwahrung des sexuell schwer gestörten Täters an.

Der psychiatrische Gutachter ringt nach Worten, der Verteidiger spricht von “entsetzlicher Verstümmelung“ und immer wieder fließen bei den Zuhörern die Tränen. Der Prozess um den Mord am elfjährigen Tobias ist für viele so erdrückend, wie nur wenige andere. “Ich denke, dass wir alle sowas noch nicht in diesem Raum gehört haben“, sagt Nebenklagevertreter Hans-Peter Schmitt. Das Verfahren endet am Mittwoch mit einem überraschenden Urteil: Der 48-jährige Täter aus dem Kreis Esslingen bekommt lebenslang - und zwar im Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung statt in der Psychiatrie, wie es alle Parteien gefordert hatten.

Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern

Die neunjährige Corinna wurde am 29.07.2009 tot in einem Seitenarm des Flusses Mulde unweit ihres Elternhauses in Eilenburg gefunden. Sie fiel vermutlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Die Ermittlungen dauern noch an. © ap
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Der neunjährige Dennis aus Scharmbeckstotel wurde am 05. September 2001 aus dem Schullandheim Wulsbüttel entführt. Am 19.09.2001 wurde die Leiche von Dennis in einem Waldstück bei Kirchtimke entdeckt. © dpa
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Die achtjährige Michelle aus Leipzig wurde am 17. August 2008 auf dem Heimweg entführt. Am 21. August wurde ihre Leiche in einem Teich gefunden. © dpa
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Der heute 73-Jährige Josef Fritzl hielt seine Tochter Elisabeth Jahrzehnte in einem Kellerverlies unter seinem Haus gefangen. Immer wieder vergewaltigte er sie und zeugte in der Zeit mit ihr sieben Kinder. © dpa
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In diesem Kellerverlies wurden die Opfer von Fritzl gefangen gehalten. © dpa
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Im Jahr 2006 gelang Natascha Kampusch die Flucht von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil. Er begann daraufhin Selbstmord. © dpa
Die 6-jaehrige Ayla aus Zwickau wurde 17. Mai 2005 in der Naehe ihrer Wohnung von einem Mann in ein Auto gezogen worden.
Die sechsjährige Ayla aus Zwickau wurde am 17. Mai 2005 in der Naehe ihrer Wohnung von einem Mann in ein Auto gezogen, sexuell missbraucht und ermordet.. © dpa
Der Mörder von Ayla, Michael L. hat die Tat wenig später gestanden.
Der Mörder von Ayla, Michael L. hat die Tat wenig später gestanden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der jüngste traurige Fall: Die achtjährige Kardelen aus Paderborn wurde seit 12. Januar 2009 vermisst. Vier Tage später die traurige Gewissheit. Kardelen wurde sexuell missbraucht und getötet. © dpa
Die zehnjährige Adelina aus Bremen verschwand am 26. Juni 2001 nach dem Besuch beim Ur-Großvater. Ihre Leiche wurde später in einem Wald gefunden.
Die zehnjährige Adelina aus Bremen verschwand am 26. Juni 2001 nach dem Besuch beim Ur-Großvater. Ihre Leiche wurde später in einem Wald gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die achtjährige Levke aus Cuxhaven wurde seit dem 6. Mai 2004 vermisst. Dreieinhalb Monate später wird ihre Leiche in einem Waldstück in Attendorn gefunden. © dpa
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Die vier Jahre alte Madeleine McCann war am 3. Mai 2007 spurlos aus einer Ferienwohnung in Südportugal verschwunden. Bis heute ist der Fall ungelöst. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Gestanden hat der Mörder des neunjährigen Mitja vor Gericht in Leipzig. Der damals 43-Jährige hat den neunjährigen Buben mit in seine Wohnung genommen, vergewaltigt und erdrosselt. © dpa
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Immer noch auf freiem Fuß sind die Täter, die das Leben des damals fünfjährigen Pascal auf dem Gewissen haben. Der Bub wurde 2001 in einer Kneipe in Saarbrücken vergewaltigt und erstickt. Seine Leiche wurde nie gefunden. © dpa
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In Riekofen im Landkreis Regensburg wird 2007 bekannt, dass der örtliche Pfarrer sich an einem Kind vergangen haben soll. Wie sich herausstellte war es nicht der erste Fall: Der Geistliche war bereits wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft. Das Ordinariat schweigt zu den Vorwürfen. © dpa
Am 15. September 1981 wird die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt.
Am 15. September 1981 wurde die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In dieser Kiste wurde sie von dem Täter gesteckt, in der sie qualvoll erstickte. © dpa

Schwer zu ertragen waren vor allem die Einzelheiten, die der Bäcker mehr als elf Jahre nach der Tat mit fast schon monotoner Stimme und gelegentlichem Grinsen vor Gericht geschildert hat. Er berichtet nicht nur, dass er den Jungen am 30. Oktober 2000 zufällig beim Angeln überraschte und missbrauchen wollte, dass das Kind schrie und er die Nerven verlor. Er beschreibt auch noch die grausigen Geräusche, die er hörte, während er mindestens 38 Mal auf den Jungen einstach.

Alles das hören auch die Eltern und der zwei Jahre ältere Bruder von Tobias. Als Nebenkläger stellen sie sich dem Prozess und ersparen sich nichts. Die Mutter bricht immer wieder haltlos in Tränen aus. Über den Vater berichtet eine Polizistin, die ihn nach Auffinden des Kindes auffangen wollte: “Es war, als ob ich einen toten Menschen in den Armen halte.“ Eigentlich wollte Tobias an dem Ferientag mit seinen Freunden angeln, doch die waren nicht daheim. Also ließ ihn seine Mutter schweren Herzens allein gehen. Als sie an sein letztes Winken denkt, brechen alle Dämme.

Schwer sexuell krank sei der 48-Jährige, berichtet der psychiatrische Gerichtsgutachter. Der Mann leide selbst unter seinen pädophilen und sadomasochistischen Neigungen. Sein Drang, sich selbst zu verletzen, hat den Angeklagten bereits einen Hoden gekostet. Mehrfach beteuert er, er würde sich den zweiten freiwillig abnehmen lassen, wenn es ihn von seinem Trieb befreien würde.

Zuerst hatte er mehrfach bei der Polizei ausgesagt, er wollte das Kind “nur“ anfassen und streicheln. Später sprach er davon, dass er den Jungen bei lebendigem Leib verstümmeln wollte. Die Kammer kauft es ihm unter anderem wegen des Tatablaufs nicht ab. Sie geht von einem heimtückischen Verdeckungsmord aus und sieht in der neuen Variante lediglich den Versuch des Angeklagten, in die Psychiatrie und nicht ins verhasste Gefängnis zu kommen.

Das Gericht erkennt auf besondere Schwere der Schuld und ordnet die Sicherungsverwahrung an. “Es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass noch ein Kind durch ihn zu Schaden kommt“, sagte die Vorsitzende Richterin Regina Rieker-Müller. Sie legt dem Verurteilten nahe, im Gefängnis eine Therapie zu machen. Der blasse, schmächtige Mann nimmt es wie so oft reglos und mit gesenktem Kopf hin.

Sein Verbrechen blieb über Jahre unaufgeklärt. Ein Jugendlicher wurde verdächtigt, dann entlastet. Die Polizei fahndete 2002 auch mit einem großangelegten Speicheltest nach dem Mörder. Erst 2011 stießen Ermittler bei Recherchen zur Kinderpornografie zufällig auf den Bäcker. Ein Abgleich seiner DNA mit Spuren vom Tatort war positiv.

Bis dahin quälte die Eltern die Frage nach dem Wer und dem Warum. Auf das Urteil regieren sie gefasst. Ihr Anwalt sagt: “Ihnen kam es nicht auf Rachegedanken an, sondern darauf, dass der Mann weg ist und keinem Kind mehr sowas tun kann.“ Die hohe Strafe und die Entschuldigung des Täters helfen vielleicht bei der Verarbeitung. Doch der Verlust wiegt schwer - so schwer, dass die Familie auch elf Jahre nach der Tat noch psychologisch betreut wird.

dpa

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