"Sie können uns jederzeit töten"

Lebenszeichen von deutscher Geisel

Peshawar - Fast ein Jahr nach der Entführung eines deutschen Entwicklungshelfers in Pakistan ist erstmals ein Lebenszeichen der Geisel aufgetaucht.

Der TV-Sender Dunya News strahlte am Samstag ein 52 Sekunden langes Video aus. Darin bittet der Deutsche darum, sein Leben und das eines gemeinsam mit ihm entführten italienischen Kollegen zu retten.

„Bitte akzeptieren Sie die Forderungen der Mudschaheddin“, sagt der Entwicklungshelfer auf Englisch. „Sie können uns jederzeit töten.“ Die Deutsche Welthungerhilfe in Bonn, für die der Entführte in Pakistan tätig war, erklärte lediglich: „Wir kennen das Video.“ Ähnliche Zurückhaltung in Berlin: „Dem Auswärtigen Amt ist der Fall bekannt“, sagte eine AA-Sprecherin, ohne näher darauf einzugehen.

Aus dem Video selber geht nicht hervor, wann die Aufnahme gemacht wurde. Aus der Redaktion von Dunya News in Peshawar hieß es, man habe die Aufnahme über Quellen mit Verbindungen zum Terrornetz Al-Kaida erhalten. Diese Quellen hätten angegeben, dass das Video direkt nach der Aufnahme auf den Weg gebracht worden sei.

Der Deutsche und der Italiener waren am 19. Januar gemeinsam mit einem italienischen Kollegen aus ihrem Haus in der ostpakistanischen Stadt Multan in der Provinz Punjab verschleppt worden. Im Februar hatten die pakistanischen Taliban (TTP) mitgeteilt, die Europäer befänden sich in ihrer Gewalt. Nach früheren Medienberichten fordern die Entführer unter anderem die Freilassung von Taliban aus pakistanischen Gefängnissen.

Nach pakistanischen Angaben hatten die beiden Europäer sich um Opfer der Jahrhundertflut aus dem Sommer 2010 gekümmert. Der Deutsche nennt in dem Video seinen Namen. Weiter sagt er: „Ich bin 59 Jahre alt. Ich bin deutscher Staatsbürger. Ich habe als Projektverwalter für die Deutsche Welthungerhilfe in Multan, Pakistan, gearbeitet. Ich wurde von Mudschaheddin wegen der schlechten Politik der Bundesregierung gefangen genommen.“

Die Geisel warnt vor einer gewaltsamen Befreiung. „Machen sie keine unklugen Pläne, uns gewaltsam zu befreien. Ich würde gerne leben und meine Familie lebendig wiedersehen.“ Der Deutsche saß in dem Video auf einem Stuhl in einem Raum vor einem neutralen Hintergrund und wirkte ruhig. Der Italiener war nicht zu sehen.

Der Sprecher des pakistanischen Außenministeriums, Moazzam Ahmad Khan, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa zu dem Video: „Wir sind in Verbindung mit den deutschen Behörden.“ Da der Fall heikel sei, könne er ihn nicht weiter kommentieren.

Neben den beiden Europäern ist seit August 2011 auch ein US-amerikanischer Entwicklungshelfer in der Gewalt radikalislamischer Entführer. Zwei Schweizer waren im März nach fast neun Monaten Geiselhaft freigekommen. Im April war die Leiche eines britischen Mitarbeiters des Internationalen Roten Kreuzes entdeckt worden, der zu Jahresbeginn entführt worden war.

In den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes wird die Sicherheitslage in Pakistan als schwierig bezeichnet. Für bestimmte Gegenden gibt es eine „Teilreisewarnung“, die allerdings nicht für Punjab gilt. „Landesweit besteht eine Gefährdung durch politisch-religiös motivierte Gewalttaten“, heißt es. „Die Gefährdung durch terroristische Anschläge, insbesondere Sprengstoffanschläge und Selbstmordattentate bleibt in Pakistan hoch.“

Das sind die Taliban

Der Begriff Taliban (“Koranschüler“) hat sich als Bezeichnung für die islamistischen Aufständischen in Afghanistan eingebürgert. © dpa
Die “Gotteskrieger“ kämpfen für einen Abzug der ausländischen Soldaten und den Sturz der Regierung Karsai. © AP
Sie wollen wieder ihr Islamisches Emirat Afghanistan errichten. © AP
Bis 2001 hatten sie die Macht über das Land am Hindukusch. © AP
Maßstab aller Ordnung ist für die Taliban eine besonders strenge Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts. Foto: Afghanische Frau in einem Burka-Schleier. © dpa
Gegründet wurde die Bewegung von Absolventen pakistanischer und afghanischer Koranschulen. © AP
Die Taliban sind Sunniten, wie die Mitglieder aller derzeit international operierender islamistischer Terrorgruppen. © AP
Die Taliban konnten sich unter ihrem Anführer Mullah Omar nach dem Sturz ihres Regimes wieder zu einer schlagkräftigen Guerillatruppe formieren. © AP
Trotz mehr als 100 000 ausländischer Soldaten im Land sind sie seit einigen Monaten stark wie nie zuvor. © AP
Schätzungen über die Zahl ihrer Kämpfer reichen bis zu mehreren zehntausend. © AP
Anschläge und Angriffe werden oft vom benachbarten Pakistan aus gesteuert. © AP
Dabei nehmen die Taliban keine Rücksicht auf Unbeteiligte und sind für die meisten zivilen Opfer in dem Konflikt verantwortlich. © AP

dpa

Rubriklistenbild: © ap (Symbolbild)

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