Tote Lena: Mörder nötigte schon Siebenjährige

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Der Parkhaus-Mörder hat bereits 2010 ein Kind missbraucht.

Emden - Die Pannen im Mordfall Lena aus Emden sind noch weitreichender als bislang angenommen. Der Täter zeigte sich 2011 selbst an, weil er eine Siebenjährige missbraucht hatte. Gegen zwei Beamte wird ermittelt.

Bei den Ermittlungen zum Mord an der elfjährigen Lena aus Emden hat es mehr gravierende Ermittlungspannen gegeben als bislang bekannt. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) räumte am Mittwoch schwere Fehler ein.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Aurich gegen zwei Beamte der Polizeiinspektion Aurich. Es bestehe der Anfangsverdacht der Strafvereitelung im Amt, teilte die Ermittlungsbehörde am Mittwoch mit. Es geht den Angaben zufolge um die Bearbeitung eines Verfahrens wegen Kinderpornografie gegen den 18 Jahre alten Tatverdächtigen. Nun müssten die Art der Aktenbearbeitung und die exakten Zeitabläufe geklärt werden.

Nach Angaben der “Welt“ hat die Polizeidirektion Osnabrück gegen insgesamt sechs Beamte der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Dabei geht es den Angaben zufolge um den Verdacht von Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen den Tatverdächtigen. Zu der genauen Zahl der betroffenen Beamten wollte sich eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft nicht äußern.

Unter anderem wurde bekannt, dass der 18-Jährige bereits im Oktober 2010 eine Siebenjährige sexuell nötigte. Verfolgt wurde dieser Missbrauch wegen unklarer Zuständigkeiten aber nicht. Gegen mehrere Polizisten aus Aurich wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Zudem hat die Staatsanwaltschaft Aurich ein Strafverfahren wegen Strafvereitelung eingeleitet.

Emden: Menschen trauern um Elfjärige

Emden: Menschen trauern um ermordete Elfjährige

Im November 2011 hatte sich der tatverdächtige 18-Jährige bei der Polizei selbst angezeigt, weil er ein Jahr zuvor eine Siebenjährige in seinem Elternhaus entkleidet und nackt fotografiert hatte. Die Polizei legte diesen schwerwiegenden Vorfall aber nur zu einer weiteren Anzeige wegen Besitzes von kinderpornografischem Material. Bereits im September 2011 hatte der Stiefvater des Jungen Anzeige erstattet, weil dieser kinderpornografisches Material auf seinen Computer geladen hatte.

Beide Verfahren gegen den Tatverdächtigen wurden unter dem Begriff “Kinderpornografie“ zusammengeführt. Dies sei ein Fehler gewesen, sagte Landespolizeidirektor Volker Kluwe am Mittwoch in Hannover. “Das hätte richtigerweise unter sexuellem Missbrauch geführt werden müssen“, betonte er. Dann hätten von dem Verdächtigen Fingerabdrücke und Speichelproben genommen werden müssen. Bei einem Abgleich dieser Spuren nach dem Mord an Lena vor knapp zwei Wochen wäre zudem der 18-Jährige schneller ins Visier der Ermittler geraten, wenn der Fall im Polizeiarchiv richtig geführt worden wäre.

Bei dem siebenjährigen Mädchen, das der 18-Jährige nackt fotografierte, handelte es sich um eine Freundin seiner kleinen Schwester. Die Tat passierte in dem Elternhaus des damals noch nicht Volljährigen. Seine Mutter erwischte den jungen Mann. Eine Anzeige bei der Polizei erstattete sie aber nicht. Allerdings schaltete die Mutter am nächsten Tag das Jugendamt ein. Auch dieses ging aber nicht zur Polizei. Nach Angaben von Kluwe gibt es dazu aber auch keine grundsätzliche Verpflichtung.

Tatverdächtiger war in Jugendpsychiatrie

Zur Selbstanzeige wegen des Vorfalls kam der 18-Jährige im vergangenen November mit einem Betreuer zur Polizei, da er sich zuvor in psychiatrischer Behandlung befunden hatte. Zwei Monate lang war er stationär in einer Jugendpsychiatrie in Aschendorf untergebracht gewesen.

Weitere Fragen ergeben sich auch wegen des nicht umgesetzten Durchsuchungsbeschlusses zu dem Vorwurf der Kinderpornografie. Mit der Durchsuchung hätte möglicherweise eine versuchte Vergewaltigung einer 27-jährigen Joggerin, die der Tatverdächtige einen Tag nach seiner Selbstanzeige begangen hat, schon damals nachgewiesen werden können und der mutmaßliche Mörder Lenas wäre schon damals in Haft gekommen. “Wenn eine versuchte Vergewaltigung begangen wird, ist mit einer Inhaftierung in der Regel zu rechnen“, sagte Schünemann am Mittwoch. Allerdings betonte Kluwe, dass mit dem damaligen Durchsuchungsbeschluss zur Kinderpornografie, der bis heute nicht umgesetzt wurde, nur Computer und Datenträger inspiziert hätten werden können.

Schünemann machte vor allem den Polizisten schwere Vorwürfe. Es sei nicht nachvollziehbar, warum nicht unmittelbar gehandelt worden sei, sagte er. Er sprach von einem “individuellen Versagen“. Ein strukturelles Problem bei der Polizei in Niedersachsen sehe er nicht, betonte er. “Es gibt klare gesetzliche Vorgaben, wie mit so einem Fall umgegangen wird“, sagte Schünemann, der deshalb auch einen Rücktritt ausschloss.

Die Opposition forderte unterdessen eine unverzügliche Unterrichtung im Innen- und Rechtsausschuss des Landtags. “Die Tragik und Dramatik im Emder Mordfall sind ohne Beispiel und kaum noch zu überbieten“, sagte die Grünen-Abgeordnete Meta Janssen-Kucz.

Am Mittwoch wurden die Disziplinarverfahren gegen mehrere Sachbearbeiter der Polizei Aurich sowie zwei Vorgesetzte eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft Aurich sehe einen Anfangsverdacht wegen Strafvereitelung gegeben und prüfe nun weiter, sagte ein Sprecher der Polizei Osnabrück auf dapd-Anfrage.

Unterdessen suchten Taucher am Mittwoch in Emden nach der Tatwaffe, mit der Lena umgebracht wurde. Die Elfjährige war am 24. März in einem Parkhaus in Emden tot aufgefunden worden. Sie wurde der Polizei zufolge Opfer einer Sexualstraftat.

dapd/dpa

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