Forscher über die Frauenrolle in Grimms Hausmärchen

"Leute, springt nicht mit jedem gleich ins Bett"

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Kassel. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder meint, dass Märchen der Brüder Grimm oft sexistisch seien. Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Hans-Heino Ewers, Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt.

Herr Prof. Ewers, sind die Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm sexistisch?

Prof. Hans-Heino Ewers: Wenn man unter sexistisch eine traditionelle, unemanzipierte Frauenrolle versteht, dann trifft das teilweise zu. Das liegt aber auch daran, in welcher Zeit die Märchen der Grimms aufgeschrieben wurden, nämlich im 19. Jahrhundert. Aus diesem bürgerlichen Zeitalter kennt man eine untergeordnete Rolle der Frau. Das ist aber in der gesamten Literatur so, zum Beispiel auch bei Schiller.

Gab es vor den Grimms emanzipatorische Märchen?

Ewers: Im 18. Jahrhundert wurden die literarischen Märchen von Frauen geschrieben. 80 Prozent der französischen Feenmärchen stammen von Frauen. Die sollte die Ministerin mal lesen.

Denken Sie, dass die Märchen der Grimms Kindern schaden?

Ewers: Nein. Kinder lesen selektiv und wählen immer aus. Und diese Auswahl wird von einem Rollenmuster aus dem Umfeld der Kinder bestimmt. Wenn sie ein gleichwertiges Bild von Frauen und Männern vermittelt bekommen, dann werden sie sich auch über die Frauenrolle in den Märchen wundern und nachfragen. Die Angst der Ministerin ist völlig unbegründet.

Glauben Sie, dass Mädchen zur Unselbstständigkeit erzogen werden, wenn sie Schneewittchen lesen?

Ewers: Wenn in den Märchen Rollenmuster dargestellt werden, die wir heute nicht mehr akzeptieren, dann können wir mit den Kindern darüber reden. Es wäre gar nicht schlecht, wenn die Ministerin ihrer Tochter die Märchen der Grimms vorliest und ihr anschließend die Gelegenheit für Fragen gibt. Die Behütungspädagogik haben wir mittlerweile alle überwunden, selbst in der CDU ist sie nicht mehr en vogue. Ich bin der Ansicht, dass wir Kindern einen wichtigen Teil unserer Kultur nicht vorenthalten sollen, nur weil sich die Rolle der Frau geändert hat.

Worum geht es in den meisten Märchen?

Ewers: Das Gros der Märchen sind Liebes- und Heiratsgeschichten. Wie die Rolle von Frauen und Männern ausgefüllt wird, richtet sich nach der Epoche.

Was ist von dem Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ zu halten? Da wird eine starke Frau und Mutter dargestellt. Die alte Geiß schneidet dem Wolf den Bauch auf und rettet ihre Kinder.

Ewers: Das ist eine verkappte Warngeschichte. Der Wolf verkörpert den Mann. Und die Mutter muss auf ihre sieben Töchter aufpassen, damit sie nicht vorzeitig entjungfert werden. Rotkäppchen ist auch eine Warnung an junge Mädchen: Leute, springt nicht mit jedem gleich ins Bett.

Dieser Appell hat ja auch heute noch Gültigkeit.

Ewers: Ja, das ist absolut zeitgemäß. Dornröschen sagt uns, dass man nicht den Erstbesten heiraten sollte. Einige Anwärter müssen im Dornenwald verkommen. Allerdings muss man ja auch nicht 100 Jahre auf den Richtigen warten.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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