Schüsse und Brandstiftung

Libyen: Mehr als 40 Tote bei Demo gegen Milizen

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Milizionäre in Libyen (Archivbild).

Tripolis - Nach den gewaltsamen Zusammenstößen in der libyschen Hauptstadt Tripolis ist die Zahl der Todesopfer auf mehr als 40 gestiegen.

Mehr als 400 Menschen seien bei Ausschreitungen am Freitagabend und in der Nacht verletzt worden, teilte Justizminister Salah al-Marghani am Samstag mit. Die Opferzahl könne noch steigen. In einem östlichen Vorort von Tripolis gab es am Samstag neue Kämpfe zwischen bewaffneten Milizen.

Am Freitag war eine friedliche Demonstration hunderter Libyer gegen die Präsenz von Milizen in der Stadt in blutige Gewalt umgeschlagen. Nach Angaben des Stadtrates wurde aus dem Hauptquartier einer Miliz auf unbewaffnete Demonstranten geschossen. Stadtrats-Präsident Sadat Al-Badri kündigte einen Streik und eine Kampagne des zivilen Ungehorsams an, "bis diese Milizen abziehen".

Imame und der Mufti von Tripolis hatten sich zuvor in den Freitagsgebeten hinter die Stadtregierung gestellt und zu den Demonstrationen gegen alle Milizen aufgerufen. Viele hundert Menschen beteiligten sich. Sie zogen mit weißen Flaggen als Zeichen ihrer Friedfertigkeit sowie mit Landesflaggen auf die Straße und sangen gemeinsam die Nationalhymne. Vom Meliana-Platz zogen die Demonstranten zum Hauptquartier der als besonders brutal geltenden Misrata-Miliz im südlichen Stadtteil Gharghur.

Die Demonstranten belagerten die Gebäude der Milizionäre, aus denen schließlich Schüsse abgefeuert wurden. Mitglieder von in Tripolis beheimateten Milizen stürmten schließlich das Areal und setzten Häuser in Brand, in denen sich die Misrata-Milizionäre verschanzt hatten.

Am Samstag erhielten die Misrata-Milizionäre Verstärkung aus ihrer 200 Kilometer entfernten Heimatstadt Misrata und eroberten ihr Hauptquartier in Gharghur zurück. Als Kämpfer aus Misrata in einer Fahrzeugkolonne nach Tripolis unterwegs waren, kam es im östlichen Vorort Tadschura zu neuen Kämpfen.

Ministerpräsident Seidan rief zur Einstellung der Kämpfe auf. Die Ankunft weiterer Milizen in der Hauptstadt würde die dortige Lage nur noch schwieriger machen. Die "nächsten Stunden und Tage" würden über "die Geschichte Libyens und den Erfolg der Revolution entscheiden", sagte er.

Nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 hatten viele Menschen die Milizionäre zunächst als Helden gefeiert. Diese weigern sich jedoch seitdem, ihre Waffen abzugeben oder sich in die neuen Sicherheitskräfte einzugliedern. Die Milizen bekämpfen sich auch gegenseitig und widersetzen sich der Aufforderung der schwachen Zentralregierung, die Hauptstadt Tripolis zu verlassen. Im Oktober hatten Milizionäre sogar Regierungschef Seidan entführt und stundenlang festgehalten, bevor sie ihn freiließen.

AFP

Terror-Akte: Gaddafis Liste des Schreckens

Dem libyschen Machthaber Muammar al Gaddafi wird die Verwicklung in eine ganze Reihe von blutigen Anschlägen vorgeworfen. Mit den folgenden Terroraktionen wird Gaddafi und sein Regime in Zusammenhang gebracht: © ap
Dezember 1985: Palästinenser greifen die El-Al-Schalter auf den Flughäfen Wien-Schwechat und Rom-Fiumincino mit Schusswaffen und Handgranaten an. Dabei werden 18 Menschen getötet. Das libysche Regime soll mindestens aus Sicht der US-Regierung daran mitgewirkt haben. © dpa
April 1986: Eine Bombenexplosion in der Diskothek La Belle in Berlin-Friedenau reißt drei Menschen in den Tod. 230 der rund 500 Gäste, meist Angehörige der US-Armee, erleiden zum Teil schwere Verletzungen mit bleibenden Folgen. Nach der Wiedervereinigung ergeben sich aus Akten der DDR-Staatssicherheit Hinweise, die zu den Tätern führen und auf Libyen als Drahtzieher schließen lassen. © dpa
Dezember 1988: Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. © dpa
September 1989: Über der Wüste in Niger explodiert ein Verkehrsflugzeug der französischen Gesellschaft UTA. Der Bombenanschlag kostet 170 Menschen das Leben. Unter den sechs libyschen Attentätern ist auch der Schwager Gaddafis. © dpa
Darüber hinaus soll Gaddafi weltweit Terrorgruppen, Befreiungsbewegungen und linke Gruppierungen unterstützt haben. Unter anderem die Polisario in der Westsahara, die Sandinisten in Nicaragua, radikale palästinensische PLO-Gruppen im Libanon, aber auch die Irisch-Republikanische Armee (IRA) in Nordirland erhielten Hilfe aus Libyen. © dpa
Zudem wird Gaddafi mit dem Attentat auf die Olympischen Spiele von München 1972 in Verbindung gebracht. Damals starben elf Mitglieder des israelischen Olympia-Teams bei einem Anschlag palästinensischer Terroristen. Ebenso soll es eine Verbindung bei der Entführung der OPEC-Minister 1975 in Wien sowie bei Attentaten auf den marokkanischen König Hassan II. (1972) und 1976 auf die Präsidenten Ägyptens (Anwar al Sadat) und des Sudans (Jaafar Mohammed al-Numeiri) geben. © dpa

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