Lückenlose Polizei-Kontrollen sind nicht möglich

Wildwest auf der A7: Lkw-Fahrer missachten Überholverbot  – Chaos, Unfälle und Staus an der Baustelle

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Bislang 299 staubedingte Unfälle vor der A7-Baustelle: Ein besonders schwerer ereignete sich am 17. September, als kurz vor Kassel-Nord vier Lastwagen ineinander fuhren. Eine Person wurde dabei schwer verletzt.

Fast täglich bilden sich kilometerlange Lkw-Schlangen auf dem rechten Fahrstreifen der A7 in Richtung Süden zwischen Hann. Münden/Lutterberg und Kassel-Ost.

Selbst fünf Monate nach Einrichtung der Baustelle zum vierstreifigen Ausbau der A7 in Richtung Hannover hat sich an der Stausituation auf der Fahrbahn Richtung Süden zwischen Hann. Münden/Lutterberg und Kassel-Ost nichts geändert. 

Nahezu täglich bilden sich kilometerlange und dicht gedrängte Lkw-Schlangen auf dem rechten Fahrstreifen, die anderen Verkehrsteilnehmern das Auf- und Abfahren an den Anschlussstellen bei Kassel kaum mehr ermöglichen. 

A7 bei Kassel: 300 Unfälle seit Bestehen der Baustelle

Tatsächlich hat es seit Bestehen der Baustelle in diesem Bereich 299 Unfälle gegeben, 268 mit Sachschaden, 21 mit Leichtverletzten, neun mit Schwerverletzten und einen mit Getöteten. Erst Mitte September sind Unfall an der Baustelle im Stauende vier Lkw ineinander gefahren, es gab einen Schwer- und vier Leichtverletzte.

Pendler berichten "Hier ist der Wilde Westen ausgebrochen"

Doch nicht nur das: Pendler berichten inzwischen von geradezu chaotischen Zuständen auf der A7 – „Hier ist der Wilde Westen ausgebrochen“, sagt ein Kaufunger, der täglich nach Göttingen zur Arbeit fährt. Nicht wenige Lkw-Fahrer missachteten inzwischen regelmäßig das Überholverbot und das Lkw-Tempolimit. „Diese Lkw fahren einfach an der Schlange vorbei, um sich dann ganz vorne kurz vor der Baustelle wieder einzufädeln“. 

Das führe regelmäßig zu brenzlichen Situationen, weil Lkw plötzlich auf der Mittelspur stehen bleiben, weil sie wegen des Staus nicht schnell genug in die Schlange kommen. „Manche Lkw fahren sogar einfach weiter und merken erst in der Baustelle, dass der mittlere Fahrstreifen viel zu eng für sie ist. Dann nehmen sie einfach die mittlere und die rechte Spur gleichzeitig in Anspruch, womit wieder die Pkw behindert werden“.

Hessen Mobil gehen die Mittel aus

Tatsächlich gehen Hessen Mobil inzwischen die Mittel aus, um die Situation zu entschärfen. Schon vor Wochen waren vier Kilometer vor der Baustelle Stauwarnschilder aufgestellt sowie ein Überholverbot und Tempolimit für Lkw (60 km/h) eingerichtet worden. 

Erst seit Kurzem laufen zudem die Schilderbrücken mit elektronischen Anzeigentafeln, die Verkehrsteilnehmern noch einmal die Verkehrsführung auf die A49 als Umleitungsstrecke für die Bergshäuser Brücke verdeutlichen.

„Kfz-Fahrer in der Verantwortung“

Die komplette Baustelle wurde nach gängigen Richtlinien eingerichtet, hatte Hessen Mobil schon vor einigen Wochen der HNA mitgeteilt. „Unser Ziel ist es natürlich, dass der Verkehr auch trotz der Baustelle optimal fließen kann“, wiederholt Hessen-Mobil-Sprecher Marco Lingemann. Es liege aber auch in der Verantwortung der Verkehrsteilnehmer, sich an die Verkehrszeichen zu halten.

Doch gerade das tun viele Lkw-Fahrer nicht, was auch die Autobahnpolizei vor Probleme stellt – denn Kontrollen sind schwierig. So seien Standkontrollen wegen fehlender Kontrollplätze überhaupt nicht möglich. Allein Funkstreifen könnten Kontrollen durchführen. 

Bislang, so die Polizei, seien durch Funkstreifenkontrollen 43 Verfahren wegen Missachtung des Überholverbotes sowie sieben Ordnungswidrigkeitsverfahren (Abstandsverstöße) eingeleitet worden – also viel zu wenig angesichts der täglich beobachtbaren Verstöße. 

Standard-Situation an der Anschlussstelle Kassel-Nord: Bis weit den Sandershäuser Berg hinauf zieht sich die Lkw-Schlange.

Tatsächlich stehen der Autobahnpolizei viel zu wenig Ressourcen zur Verfügung, um auch nur ansatzweise lückenlos kontrollieren zu können. „Die Funkstreifen der Polizeiautobahnstation Baunatal haben derzeit eine Vielzahl von Großbaustellen auf der A7 und der A44 gleichzeitig zu betreuen“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz gegenüber der HNA.

Auch alternative Überwachungsverfahren wie der Einsatz von stationärer oder mobiler Video-Technik gestaltete sich mit Blick auf die Beweissicherung sehr schwierig und aufwendig. So plädiert letztlich auch die Polizei an die Verkehrsteilnehmer, „sich an vorhandene Ge- wie Verbotszeichen zu halten“.

Laut Hessen Mobil wird diese angespannte Situation voraussichtlich noch bis Ende 2020 andauern. Erst dann werde der Verkehr auf der A7 wieder ungehindert fließen können.

Das sagt Hessen Mobil: Zwei Lkw-Spuren sind nicht die Lösung

Laut Hessen Mobil macht es keinen Sinn, die A7 im Baustellenbereich in Südrichtung von aktuell drei Fahrstreifen auf zwei Fahrstreifen zu reduzieren, um dafür breitere Fahrspuren zu haben, die dann beide auch von Lkw genutzt werden können. Theoretisch hätte das den Vorteil, dass der Lkw-Verkehr zweistreifig abfließen könnte. 

Aktuell steht für Lkw nur die rechte Fahrspur zur Verfügung. „Würden wir das machen, würden wir eine Engstelle und damit eine Reduzierung der Leistungsfähigkeitder A7 von bis zu 1800 Kraftfahrzeugen pro Stunde produzieren“, sagt dazu Hessen-Mobil-Sprecher Marco Lingemann. Das wiederum hätte noch mehr Staus zur Folge. 

Selbst wenn in Südrichtung alle drei Fahrspuren erhalten blieben, und der mittlere Fahrstreifen für Lkw verbreitert würde, müsste dafür dann in Gegenrichtung ein Fahrstreifen weggenommen werden, was wiederum die Stausituation nur auf die andere Fahrbahn in Richtung Norden verlagern würde. Lingemann: „Wir müssen einfach mit dem knapp bemessenen Platz auskommen, den wir vor Ort haben“.

Von Boris Naumann

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Kommentare

KnuffimanAntwort
(1)(0)

Ich gebe auf, offensichtlich wollen Sie die Thematik nicht verstehen. Fahren Sie mal in Frankreich Autobahn. Wesentlich weniger LKW. Die z. B. haben ein recht gut ausgebautes Schienennetz.

NinetteAntwort
(0)(1)

Transporte von Wechselbrücken auf Waggons gibt es schon lange, auch von Italien nach Deutschland. Das löst nur leider gar kein Problem, denn Edeka hat keinen Gleisanschluss, und die Tankstelle auch nicht. Es gibt keine Alternative zum LKW! Und am besten weiß das die Bahn mit ihrem Tochterunternehmen Schenker selbst.
Und selbst wenn es eine Alternative gäbe, würde die nicht genutzt werden, denn die Maut-Melkkuh LKW sorgt für derart hohe Einnahmen im Staatssäckel, dass auf die gar nicht verzichtet werden kann. Die Einnahmen werden nämlich - entgegen allen Beteuerungen - nicht ausschließlich für den Erhalt der Straßen eingesetzt...
Ich träume auch manchmal von einer LKW-freien Woche und würde mich wirklich freuen, wenn sie mal käme! Dann würde sich in unserem Land nämlich kein Rad mehr drehen, weil es keinen Sprit mehr an den Tankstellen gäbe, die Supermärkte wären leer, Krankenhäusern fehlten die Medikamente....
Dann würde vielleicht als Folge der Eine oder die Andere mal etwas geduldiger sein, wenn ein LKW mal wieder über die Autobahn „schleicht“.

KnuffimanAntwort
(2)(0)

Es kann ja momentan keine Alternative sein, weil es diese nicht gibt. Die Politik hat Jahrzehnte diesbezüglich nichts unternommen. Fast alle EU Länder haben etwas getan, nur die Schlafmützen in Bonn/Berlin nicht. Bestes Beispiel am Brennerpass. Italien und Österreich sind mit dem Tunnel bald fertig und Deutschland ist zur Anbindung noch nicht mal in Planung. Nun raten Sie mal, wie das gemeint sein könnte?

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