Kolumne Mädchentexte zum Weltfrauentag 

„Mädchen, du bist peinlich“: Wenn es cool ist, Frauen nervig zu finden

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„Ich bin ja selber ein Mädchen, ne? Aber es gibt Dinge, die regen mich an Mädchen so was von auf!“, schimpft Youtuberin Joyce Ilg. Auch Frauen bezeichnen Mädchen immer wieder als nervig.

Eine Soldatin findet ihre Arbeitskolleginnen zickig. Eine Youtuberin erklärt, warum Mädchen sie aufregen. Zum Weltfrauentag fragt sich unsere Kolumnistin: Warum gelten Frauen so oft als nervig?

Aktualisiert am 8. März 2018 um 10.35 Uhr - Ich sitze in einer Mitfahrgelegenheit neben einer jungen Frau mit glitzernden Fingernägeln, auf dem Schoß hält sie einen Hasenkäfig. Der Hase schweigt, die Frau redet: von ihrem Job und von Luftfahrzeugen der Bundeswehr. Auf ihrem iPhone zeigt sie mir Bilder vom Tornado IDS und dem Eurofighter Typhoon: Sie ist Soldatin – und ich bin fasziniert. „Gibt’s bei euch viele Frauen?“, frage ich. „Nein“, sagt sie. „Zum Glück! Ich arbeite viel lieber mit Männern zusammen.“ Sie lächelt, wirft lässig eine Haarsträhne zurück und wirkt dabei ziemlich cool. Kurz bin ich geblendet, dann frage ich sie, welches Problem sie mit Frauen hat. Ihre Antwort: Sie seien schwierig, hintenrum und zickig. Zumindest die meisten. Ich sehe aus dem Fenster. Gehöre ich dazu?

Laut Bundeswehr sind von knapp 180.000 Soldaten 20.000 weiblich (Stand November 2016).

Zu Hause erzähle ich meinen Freundinnen davon - eigentlich schätze ich sie als sehr frauenfreundlich ein, doch jetzt geben sie der Soldatin Recht. Als Begründung nennen sie Probleme mit einzelnen Kolleginnen und ein diffuses Gefühl. „Komisch, ich hab bisher mit hilfsbereiten und ehrlichen Frauen zusammengearbeitet“, sage ich, doch sie schütteln die Köpfe. „Männer sind einfach entspannter.“ Natürlich gebe es auch mal Kollegen, mit denen sie Probleme haben – anders als ihre Erfahrungen mit nervigen Frauen scheinen diese Geschichten aber nicht als Charakterisierungsgrundlage für ein ganzes Geschlecht zu taugen. Männer sind nicht per se anstrengend, Frauen schon. Warum?

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Ich frage Google. Wer „Warum sind Frauen…“ eingibt, erhält als ersten Vorschlag „zickig“. Bei den jüngeren Frauen sieht es nicht anders aus: „Mädchen, du“ wird an zweiter Stelle vervollständigt von „bist peinlich“. Für „Warum sind Mädchen…“ schlägt Google „so zickig“ vor. Mit diesen Fragen haben sich also noch mehr Menschen beschäftigt als ich.

Antworten finde ich dann bei Youtube. Der 24-jährige Youtuber LionT (1,7 Millionen Abonnenten) hat mit seinem Video „Mädchen du nervst!“ innerhalb eines halben Jahres mehr als 500.000 Klicks gesammelt. Knapp zehn Minuten lang zählt er auf, was an Mädchen alles nervt: Sie brauchen ewig im Bad, sie sagen nicht gleich, was sie auf dem Herzen haben, sie haben Minderwertigkeitskomplexe, sie gehen immer zu zweit aufs Klo, sie shoppen stundenlang. „Alter, das ist unglaublich!“, sagt LionT. Das alles werden nicht die Gründe sein, weswegen Kolleginnen laut der Soldatin und meiner Freundinnen schwieriger sind als Kollegen, die Äußerungen schlagen aber in die gleiche Kerbe: Angeblich sind Mädchen und Frauen irgendwie anstrengend.

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LionT hat auf Instagram gefragt: „Was nervt am meisten an Mädchen?“ Und verrät im Video: „Die meisten Kommentare kamen von Mädchen.“ Auch Schauspielerin und Youtuberin Joyce Ilg (33) hat 2014 ein Video zu diesem Thema veröffentlicht. Es heißt „10 Dinge, die an Mädchen nerven!“ und wurde fast 1,7 Millionen Mal aufgerufen. Sie sagt zu Anfang: „Ich bin ja selber ein Mädchen, ne? Aber es gibt Dinge, die regen mich an Mädchen so was von auf!“ Mädchen als nervig zu bezeichnen, ist für viele Mädchen - auch für 30-jährige - also völlig okay. Mehr noch, sie erscheinen dabei auch noch lässig, cool und besonders: Sie sind anders als die anderen (nervigen) Mädchen. Aus der Mädchen-Falle entkommt man also ganz wunderbar, wenn man sie selbst aufstellt.

Die Youtuber sind zwar auch von Jungs genervt – ihre Videos zu diesem Thema interessieren aber viel weniger Nutzer: Joyce' Pendant zum Mädchen-Video „Dinge, die an Jungs nerven“ hat nur 400.000 Klicks. Youtuber Jonas' „10 Dinge die an Jungs nerven“, das er 2014 mit 17 Jahren online gestellt hat, hat 550.000, sein Mädchen-Äquivalent fast doppelt so viele Aufrufe. Dabei sind die Vorwürfe an Jungs denen an Mädchen gar nicht so unähnlich: Männer seien so eitel mit ihren Haaren, manche wollten immer unbedingt mit dem Trend gehen, sie können mit Körben nicht umgehen. „Auch voll nervig sind Jungs, die immer im Mittelpunkt stehen wollen. Das ist vor allem bei Jungs so, aber wenn Mädchen das haben, muss ich ehrlich sagen, find ich das noch abfuckender“, erklärt Jonas. Einen weiteren Unterschied macht er gleich zu Anfang deutlich: Während Joyce in ihrem Video erzählt hat, dass Mädchen sie total aufregen, sagt Jonas: „Ich hab mir gedacht: Jetzt mach ich mir mal ein bisschen Gedanken darüber, was mich an Jungs nervt. Und dann hab ich gemerkt: Das ist gar nicht so leicht!“ Nervige Dinge an Mädchen kommen ihm hingegen sehr schnell über die Lippen.

Immer wieder wird, zum Beispiel von LionT, betont: „Am Ende des Tages ist jedes Mädchen anders. Nichtsdestotrotz gibt es so manche Sachen, die an Mädchen nerven, die viele Mädchen gemeinsam haben.“ Beim Anschauen hab ich mich kurz dabei ertappt, wie ich mich selbst mit diesen Punkten abgeglichen habe. Bin ich auch so? Sollte ich anders sein? Genau diese Wirkung der Videos ist gefährlich. Ähnlich gefährlich wie die Behauptung, Frauen seien schwierige Kolleginnen. In beiden Fällen bringt es das weibliche Gegenüber dazu, sich selbst zu hinterfragen und weniger wertzuschätzen. In beiden Fällen erscheint es okay und salonfähig, Menschen pauschal zu verurteilen und in ein eindimensionales Schema einzuordnen. Du bezeichnest dich als Frau? Also kannst du an der Arbeit ziemlich zickig sein, gib's ruhig zu. Du bist ein Mädchen? Sorry, aber dann kannst du ganz schön nerven.

"Am Ende des Tages ist jedes Mädchen anders", sagt LionT.

Dabei gibt es natürlich unzählige andere Geschichten: Von Mädchen und Frauen, die im Mittelpunkt stehen, weil sie genau da hingehören, die mit uns auf Klo gegangen sind, um uns nach einem bösen Kommentar wieder aufzubauen, die an der Arbeit extra länger geblieben sind, um uns zu helfen. Die ehrlich zu uns waren und mit denen wir super zusammengearbeitet haben. Sie sind nicht die Ausnahme einer Regel, diese Momente sind genauso real wie die nervigen Erlebnisse. Es darf nicht cool sein, Mädchen und Frauen pauschal nervig und zickig zu finden. Mädchen sind nur so anstrengend wie Jungs und Männer sind genauso gute Kollegen wie Frauen. „Was im Endeffekt zählt, ist euer Charakter“, sagt LionT - und zumindest mit diesem einen Satz hat er Recht.

Die Kolumne: Mädchentexte

Mädchenbier, Mädchenauto, Mädchenelektro – häufig wird der Zusatz „Mädchen“ dazu genutzt, etwas abzuwerten oder abzuschwächen. Diese Kolumne soll einen Gegenpol bilden: In den Mädchentexten steht der Zusatz „Mädchen“ für Stärke. Die Texte richten sich dabei an alle Menschen, ganz egal welchen Geschlechts. Mehr Informationen dazu gibt es im Auftakt der Kolumne: „Wenn Jungs Mädchenelektro hören und Mädchen zuschlagen“.

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