Eltern führen Internet-Tagebuch über Tochter

Mariam ist mit Zwei schon Bloggerin - Experten warnen vor Gefahren

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Hat eine eigene Web-Seite: Die zweijährige Mariam aus dem niedersächsichen Delmenhorst.

Delmenhorst/Kassel. Mariam aus Delmenhorst hat einen eigenen Blog: Auf Bildern sieht man sie beim Einkaufen, Spazierengehen und beim Essen. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches, wäre Mariam – genannt Mimi – nicht erst zwei Jahre alt.

Das Mädchen ist damit Deutschlands jüngste Bloggerin.

Natürlich stammen die Einträge nicht von Mariam selbst, sondern von ihren Eltern, dem 31-jährigen Hassan Mohsen und seiner 27-jährigen Frau Zehra. Sie betreiben den #Mimi-Blog als virtuelles Tagebuch, das sich die Familie überall gemeinsam anschauen kann.

Start am Tag der Geburt

Den ersten Eintrag machten die Eltern am Tag von Mariams Geburt: „Mein erstes Wort: Wäääää“„ ist dort zu lesen. Es folgen Fotos von Spielzeugen, von Bildern, die Mariam gemalt hat, von Spielplätzen und Figuren aus dem Überraschungsei. Und eben Fotos, auf denen Mariam zu sehen ist: beim Spielen, beim Einkaufen, mit ihrem Vater auf der Schaukel.

Mehr als 22 800 Mimi-Fans gibt es inzwischen. Doch der Kinder-Blog stößt nicht nur auf Zustimmung. Experten warnen davor, leichtfertig Kinder-Fotos ins Netz zu stellen. Der Rechtsanwalt Tobias Schäfer aus Wetter an der Ruhr etwa gibt zu bedenken, dass ein Online-Lebenslauf irreversibel ist. Der Jurist hatte bereits 2013 auf seiner Facebook-Seite kritisiert, dass Eltern zu unbedacht Fotos ihrerer Kinder ins Netz stellen und damit deren Persönlichkeitsrechte und Privatssphäre verletzen. Ein Blog wie der Mimi-Blog diene eher der Selbstdarstellung der Eltern, unterstellt der Jurist und warnt vor unabsehbaren Folgen. „Wenn jeder weiß, wie ich meine Kindheit verbracht habe, bin ich angreifbar“, sagt Schäfer.

Mariams Eltern ist die Kritik nicht fremd, aber sie reagieren darauf gelassen. „Wir wollen nicht ihr ganzes Leben veröffentlichen, sondern nur Bruchstücke“ betont Hassan Mohsen. Wenn Mariam älter sei, könne sie den Blog entweder selbst weiter betreiben oder ihn beenden. „Man kann ihn mit einem Knopfdruck löschen“, glaubt Mohsen. Mariams Mutter ist da skeptischer. „Das Internet vergisst nie“, sagt sie.

Das sagt ein Kasseler Medienexperte

Problematisch an Kinder-Blogs ist laut Michael Fingerling, Referent bei der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien in Kassel, dass sie eine Plattform für Pädophile sein können. „Manchen Eltern ist vielleicht gar nicht bewusst, dass ihr Kind in einer aufreizenden Pose gezeigt wird“, so Fingerling. Solche Bilder könnten bei ihrer Verbreitung im Netz in falsche Kreise geraten. „Das ist sicher nicht im Interesse des Kindes.“

Zudem könnten die Einträge das Persönlichkeitsrecht und die Würde des Kindes verletzen. .„Das hängt natürlich stark davon ab, wie so ein Blog gestaltet ist“, so Fingerling. Eltern haben aus seiner Sicht nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten: „Dazu gehört auch, sein Kind im öffentlichen Raum zu schützen“.

Nicht jedes Foto sollte öffentlich gemacht werden und allen zugänglich sein. Das Kind könne es sich schließlich nicht aussuchen, wie es gezeigt wird. „Eltern sollten also immer die Würde des Kindes in Betracht ziehen, wenn sie Fotos oder Videos von ihm im Netz veröffentlichen“, so der Medienexperte. So könnten auch vermeintlich lustige Bilder oder Clips für das Kind in der Nachbetrachtung nicht lustig sein.

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