Kasseler Mediziner

Experte über Jolies Brustamputation: "Dann muss man was tun"

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Schauspielerin Angelina Jolie: Sie hat sich vor Kurzem einer Brustamputation unterzogen, um sich vor Brustkrebs zu schützen.

Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich die Brüste abnehmen lassen, nachdem ein Gentest ein Brustkrebsrisiko von 87 Prozent für sie ergeben hatte. Der Leiter des Brustzentrums am Klinikum Kassel, Prof. Dr. Thomas Dimpfl, erläutert im Interview diese rigorose Art der Vorsorge.

Was halten Sie von dem Schritt Angelinas Jolies, sich vorsorglich den Busen amputieren zu lassen?

Prof. Dr. Thomas Dimpfl: Bei einer Risikokonstellation von 70, 75 oder über 80 Prozent muss man handeln. Eine Option ist, die Brüste zu entfernen - das ist der drastische Weg. Die zweite Option ist ein engmaschiges, intensiviertes Früherkennungsprogramm: halbjährlich Ultraschall, ein Mal pro Jahr Kernspintomographie, Mammographie. Damit gibt es eine vergleichbare Überlebenswahrscheinlichkeit wie bei der Amputation.

Machen Sie im Brustzentrum des Klinikums Kassel auch diesen Gentest?

Dimpfl: Ja. Er ist aber nur ein Teil des Programms, das bei einer bestimmten familiären Konstellation zum Tragen kommt, wenn zum Beispiel die Mutter oder eine Schwester Brustkrebs hat. Voraus gehen Untersuchungen, eine ausführliche Beratung, dann der Test und die Interpretation der Ergebnisse. Grundsätzlich sollte man wissen, dass das Grundrisiko einer Brustkrebserkrankung bei zehn Prozent liegt, das heißt, jede zehnte Frau in Europa erkrankt daran. Besagtes Gen erhöht dieses Risiko.

Wie zuverlässig ist der Test?

Dimpfl: Er ist sehr zuverlässig. Der Test zeigt an, ob ein bestimmtes Gen sich so verändert hat, dass man das erhöhte Brustkrebsrisiko in sich trägt. Er zeigt das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an. Eine Einschränkung gibt es: Wir kennen heute die beiden Gene BRCA1 und BRCA2, die für 80 Prozent aller familiären Brustkrebserkrankungen verantwortlich sind. Es gibt noch andere Gene, die wir aber noch nicht alle kennen.

Der Test kostet über 2000 Euro. Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Dimpfl: Das ist eine Einzelfall-Entscheidung. In der Regel kommen die Kassen dafür auf, wenn eine Risikokonstellation vorliegt.

Eine Frau kann also nicht einfach zu Ihnen kommen und sagen: Ich will den Test machen lassen.

Dimpfl: Definitiv nein.

Sie behandeln 200 bis 250 Patientinnen pro Jahr im Kasseler Brustzentrum. Wie oft nehmen Sie den Gentest vor?

Dimpfl: Fünf bis zehn Mal pro Jahr.

Hatten Sie Patientinnen, die sich wie Angelina Jolie für eine vorsorgliche radikale Entfernung der Brüste entschieden haben?

Dimpfl: Ja. In den vergangenen drei bis vier Jahren haben wir das drei Mal durchgeführt.

Wissen Sie, wie diese Patientinnen sich später - sagen wir ein Jahr nach dem Eingriff - gefühlt haben?

Dimpfl: Ja, das sind natürlich besondere Konstellationen, da gibt es auch später noch Kontakt. Die Frauen sind in der Regel mit ihrer Entscheidung gut zurecht gekommen. Sie hatten das Gefühl, eine große Angst, ein Horrorszenario für sich gelöst zu haben. Sie erkranken mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht an Brustkrebs.

Man kann nach einer Amputation die Brüste rekonstruieren lassen. Bezahlen das die Krankenkassen?

Dimpfl: Darüber entscheiden die Kassen im Einzelfall. Das muss man besprechen, das hängt übrigens auch von der Kasse ab. Wenn eine Risikokonstellation vorlag, war dies in der Vergangenheit in der Regel kein Problem

Gibt es Frauen, die nach einer Amputation beider Brüste keine Rekonstruktion wünschen?

Dimpfl: Ja, auch das hatten wir schon. Dies ist die Entscheidung der Patientin.

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Zur Person Prof. Dr. Dimpfl

Prof. Dr. Thomas Dimpfl (51) ist Direktor der Frauenklinik und Leiter des Interdisziplinären Brustzentrums am Klinikum Kassel. Der gebürtige Würzburger studierte in München Medizin. Nach Stationen an der Harvard Medical School Boston und der Universitäts-Frauenklinik in München ist er seit 2001 Direktor der Frauenklinik im Klinikum Kassel. Seit Oktober 2012 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Dimpfl ist verheiratet und hat drei Söhne. (mkx)

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