Was macht er den ganzen Tag?

Auf dieser Insel lebt nur ein Mensch

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Enno Janßen ist bis Oktober einziger Insel-Bewohner

Memmert - Frühjahrsputz auf der Vogelinsel: Nach der Winterpause bezieht Enno Janßen wieder die einsame Insel Memmert. Bis zum Oktober bleibt er dort weitgehend allein.

Morgengrauen im Watt, ein schmaler Streifen Land taucht am Horizont aus dem Dunst auf. Dort liegt sie, die verbotene Insel Memmert im Niedersächsischen Nationalpark Wattenmeer. Menschen haben hier keinen Zutritt - bis auf Enno Janßen. Der Inselvogt bewacht von März bis Oktober das nur fünf Quadratkilometer große Eiland. Nach der Winterpause auf dem Festland ist er jetzt zum Frühjahrsputz an seinen windigen Arbeitsplatz zurückgekehrt. „Langeweile gibt's hier aber nicht“, sagt der bärtige Ostfriese lachend.

Enno Janßen

An diesem Tag bekommt Janßen seltenen Besuch. Ein Versorgungsschiff legt an, zwei schwere Traktoren mit Anhängern rollen vorsichtig von der ausgeklappten Rampe. Sie bringen Gasflaschen, damit Janßen kochen und heizen kann, Lebensmittel, Trinkwasser und Baumaterial zum Haus des Inselvogts. Das Schiff kommt nur wenige Male im Jahr vorbei und bringt dann Nachschub. Ansonsten holt Janßen mit seinem eigenen kleinen Motorboot frische Vorräte von der nahe gelegenen Insel Juist. „Bei schlechtem Wetter geht das nicht. Dann muss ich eben ein paar Tage warten.“

Seit zehn Jahren zieht der Inselvogt in jeder Saison nach Memmert. „Die Vegetation, die Vogelwelt, die Struktur der Dünen - alles ändert sich im Laufe der Zeit. Und in jedem Frühjahr wird es spannend: Welche Vögel kommen, und wie viele?“ Knapp 70 Vogelarten hat Janßen im Blick, er beobachtet und zählt, er erfasst Rast- und Brutvögel und kontrolliert das Strandgut. Immer wieder findet er auch Flaschenpost - häufig von Urlaubern auf der Nachbarinsel Borkum.

Mit den Traktoren rückt auch ein Bautrupp von Janßens Arbeitgeber an: der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Zwei Arbeiter befreien mit Motorsägen das Memmerthaus vom dichten Efeu. Es hat sich in Jahrzehnten vom Boden bis hoch hinauf ins reetgedeckte Dach gefressen. „So laut ist es sonst nie hier, aber für ein paar Stunden ist das in Ordnung“, sagt Janßen. „Wenn demnächst die Vögel kommen, ist hier längst alles wieder ruhig.“

Ein paar Vögel sind schon da: „Feldlerchen, Graugänse, Silbermöwen, Kiebitze und Wiesenpieper“, erklärt Bernd Oltmanns. Der Biologe verfolgt seit Jahren für die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer die Fauna und freut sich über den besonderen Schutzstatus der Insel: „In diesem beruhigten Bereich kann sich die Natur noch ungestört entwickeln. Das hat sicher auch positive Auswirkungen auf die benachbarte Sandbank Kachelotplate.“ In dieser strengsten Schutzzone des Nationalparks hat sich in den vergangenen Jahren eine der größten Kolonien und Kinderstuben der Kegelrobben im Wattenmeer etabliert.

Seit 1906 ist Memmert eine verbotene Insel. Bis dahin haben Insulaner immer wieder gejagt und massenhaft Vogeleier gesammelt. In dieser Zeit lieferte das geheimnisvolle Eiland dem irischen Schriftsteller Robert Erskine Childers auch Stoff für einen Bestseller: Mit dem Segel- und Spionagethriller „Rätsel der Sandbank“ setzte Childers der Insel ein literarisches Denkmal.

Auch Enno Janßen greift zu einem Buch, wenn er abends nach dem Essen allein auf Memmert sitzt. Oder er schaut Fernsehen. Strom liefern Solarzellen. Als moderner Robinson fühlt sich Janßen dabei jedoch nicht: „Robinson wurde ja als Schiffbrüchiger auf eine einsame Insel gespült. Ich bin freiwillig hier - und das schon seit zehn Jahren.“

dpa

Bilder: Die am stärksten bedrohten Arten

Internationale Experten haben eine Liste der hundert besonders bedrohten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten veröffentlicht. Auf dieser steht unter anderem die Baumratte Santamartamys rufodorsalis, die in den Bergen Kolumbiens lebt. © dapd
Auch das Sumatra-Nashorn (Diceros sumatrensis) gehört zu den hundert am stärksten bedrohten Arten. © dapd
Genau wie die Schildkrötenart Psammobates geometricus, die nur in der Kapprovinz Südafrikas vorkommt © dapd
Die Indische Riesentrappe (Ardeotis nigriceps) ist ebenfalls vom Aussterben bedroht. © dapd
Die Vogelart Araripe-Helmpipra (Antilophia bokermanni) auch. © dapd
Der Pilz Cryptomyces maximus, kommt nur noch in einem kleinen Gebiet im britischen Wales vor © dapd
Auch auf der Liste: Das Tarzanchamäleon © IUCN/Frank Gaw
Der Löffelstrandläufer (Eurynorhynchus pygmeus) © IUCN/Baz Scampion
Spinnenaffen (Brachyteles hypoxanthus) © IUCN/Andew Young
Nur noch selten anzutreffen: Madagaskarmoorenten © IUCN/Peter Cranswick

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