Crew und Passagiere unter der Lupe

MH370: Kurswechsel stützt Entführungsthese

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Ein SAR-Mitarbeiter (Search And Rescue) betrachtet eine Karte des Indischen Ozeans.

Kuala Lumpur - Die Ermittler glauben an Sabotage. Sie prüfen erneut Piloten, Passagiere und Techniker. Richtig Aufschluss könnte nur die Black Box liefern. Die ist mit der Maschine weiter verschwunden. 15 Länder sollen jetzt suchen helfen.

Das ungeklärte Schicksal des verschollenen Malaysia-Airlines-Passagierflugzeugs entwickelt sich zu einem der rätselhaftesten Dramen der Luftfahrtgeschichte. Neue Ermittlungen rückten am Wochenende die beiden Piloten der Maschine ins Visier, deren offenbar gezielter Kursschwenk und stundenlanger Irrflug mit unbekanntem Ziel weiterhin viele Fragen aufwirft. Die Ermittler schickten gar eine zweite Boeing 777-2000 in den Himmel, um die vermutete Unglücksroute nochmals abzufliegen.

Kurswechsel scheint Entführungsthese zu stützen

"Wer? Wie? Wo?", fragte die malaysische Zeitung "New Straits Times" auf ihrer Titelseite - und Antworten darauf erhoffen sich neben den verzweifelten Angehörigen der 239 Flugzeuginsassen auch die unter Erfolgsdruck stehenden Ermittlungsbehörden. Malaysias Regierung erklärte am Samstag, der offenkundige Kurswechsel der Maschine deute stark auf "gezieltes Handeln von jemandem an Bord" hin, zumal die Kommunikationssysteme zuvor höchstwahrscheinlich manuell nacheinander abgeschaltet worden seien.

Eine Flugzeugentführung ist demnach weder auszuschließen noch erwiesen. Das letzte Funksignal der Boeing 777 sei jedenfalls knapp acht Stunden nach ihrem Start in Kuala Lumpur empfangen worden - was ungefähr dem Zeitpunkt entspräche, zu dem normalerweise der Treibstoff ausgegangen sein müsste.

Inzwischen wurden auch die Wohnungen der beiden Piloten durchsucht, wie die malaysische Regierung bestätigte. Ermittler hätten mit der Familie des Flugkapitäns gesprochen und dessen selbstkonstruierten Flugsimulator beschlagnahmt, allerdings gebe es keinen Grund zu "voreiligen Schlüssen". Die Hintergründe aller Passagiere und Besatzungsmitglieder seien ebenso überprüft worden wie die von Ingenieuren mit Zugang zur Maschine.

Selbst spektakuläre Untersuchungsmethoden vermochten das Mysterium bislang nicht aufzulösen. In einem Flugsimulator entsprechend der Boeing 777-200 wurde die angenommene Flugroute nachgestellt.

Flug MH370: Chronologie einer Suche

Kuala Lumpur - Flug MH370 der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord ist seit einer Woche verschollen. Was die Ermittlungen bisher ergaben. © AFP
8. März: Die Fluggesellschaft Malaysia Airlines teilt mit, der Kontakt der Boeing 777-200 zur Flugkontrolle sei kurz nach dem Start abgerissen. Das Flugzeug mit überwiegend chinesischen Passagieren war auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Der Funkkontakt brach kurz vor Erreichen des vietnamesischen Luftraums ab. Im Seegebiet vor Vietnam beginnt eine großangelegte multinationale Suche. © AFP
9. März: Trotz intensiver Suche mit Flugzeugen und Schiffen fehlt jede Spur von der verschwundenen Maschine. Wiederholt gibt es in den folgenden Tagen falschen Alarm. Es gebe Anzeichen auf den Radaraufzeichnungen, dass das Flugzeug vor dem Verschwinden umgekehrt sei, berichten Ermittler. Ein möglicher Terroranschlag gerät in den Blick, weil zwei Passagiere ihre Flugtickets mit gestohlenen europäischen Pässen kauften. © AFP
10. März: Malaysia weitet das Suchgebiet deutlich aus. Experten identifizieren einen der beiden verdächtigen Passagiere. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass auf die Boeing 777-200 ein Anschlag verübt wurde. © AFP
11. März: Die beiden verdächtigen Passagiere waren keine Terroristen. Ermittler identifizieren die Beiden als Iraner, die mit gestohlenen Pässen nach Europa gelangen wollten. Der malaysische Krisenstab weitet das Suchgebiet auch auf die Meerenge von Malakka vor der Westküste Malaysias aus. Die Gegend liegt fernab der eigentlichen Route nach Peking. © AFP
12. März: Das malaysische Militär hat über dem Andamanischen Meer vor der Westküste Malaysias 45 Minuten nach dem Verschwinden der Maschine ein Flugzeug auf seinem Radar gesehen. Ob es sich dabei um die vermisste Boeing handelte, sei aber unklar. © AFP
13. März: Das „Wall Street Journal“ meldet unter Berufung auf US-Luftfahrt- und Geheimdienstexperten, die Maschine sei noch Stunden nach dem letzten Radarkontakt weitergeflogen. Malaysias Verkehrsminister dementiert den Bericht. © AFP
14. März: Das indische Verteidigungsministerium veröffentlicht eine Karte, auf der die Flugroute an der Stelle des letzten Radarkontakts um etwa 90 Grad abknickt. Demnach könnte die Boeing entlang der Grenze von Malaysia und Thailand bis über den Indischen Ozean geflogen sein. © AFP
15. März: Das vermisste Flugzeug flog nach dem Verschwinden vom Radar noch mindestens sieben Stunden auf einem neuen Kurs Richtung Westen. Jemand an Bord habe „mit hoher Wahrscheinlichkeit absichtlich“ die Kommunikationsgeräte abgeschaltet, berichtet der malaysische Ministerpräsident Najib Razak. © AFP
16. März - Es werde nun offiziell wegen Sabotage, Entführung und Terrorismus ermittelt, sagt Malaysias Polizeichef. Besatzung und Passagiere stünden verstärkt im Fokus. © picture alliance / dpa
17. März - Es läuft eine neue Suche entlang zweier Routen an, die die verschollene Maschine geflogen sein könnte. © AFP
18. März - Die Richtungsänderung sei mit hoher Wahrscheinlichkeit im Cockpit programmiert worden, berichtet die „New York Times“. Nach Angaben des malaysischen Verkehrsministers ist unklar, wann genau das Kommunikationssystem der Boeing abgeschaltet wurde. Er widerruft damit frühere Aussagen. © AFP
19. März - Der US-Sender NBC berichtet, die Kursänderung sei bereits vor der verbalen Abmeldung der Piloten in den Bordcomputer eingegeben worden. Der Chef der malaysischen Zivilluftfahrt dementiert das. © picture alliance / dpa
20. März - Experten des australischen Geheimdienstes entdeckten auf Satellitenbildern mögliche Wrackteile der verschollenen Boeing im Indischen Ozean. © dpa
21. März - Trotz intensiver Suche in der abgelegenen Region des Indischen Ozeans bleibt die Boeing verschollen. © dpa
22. März - Es wird bekannt, dass ein chinesischer Satellit am 18. März im Suchgebiet mögliche Wrackteile erspäht hat. © AFP
23. März - Frankreich veröffentlicht ein Satellitenbild, das vielleicht Flugzeugteile im Meer zeigt. © AFP
24. März - Die Crew eines australischen Aufklärungsflugzeugs entdeckt zwei mögliche Wrackteile. © dpa

Die Ergebnisse stützen demnach die Annahme, dass Flug MH370 von seinem planmäßigen Kurs über das Südchinesische Meer abgewichen, über die Malaysische Halbinsel geflogen und weiter in nordwestlicher Richtung auf die Andamanensee zugesteuert sei. Laut dem Informanten lässt sich nun auch "abschließend sagen, in welche beiden möglichen Richtungen die Maschine geflogen ist".

Die malaysische Regierung hatte zuvor zwei mögliche Flugkorridore des verschollenen Passagierjets beschrieben, die sich von Kasachstan bis zum südlichen Indischen Ozean erstrecken. Nach Angaben des Verkehrsministeriums werden beide Möglichkeiten "gleichrangig" geprüft, Experten halten die südliche Route über das offene Meer aber für wahrscheinlicher - denn auf dem Nordkurs hätte die Maschine mehrere nationale Lufträume in einer strategisch sensiblen Region unbemerkt passieren müssen.

Indien setzt Suche aus

Indien ließ die Suchaktivitäten rund um die Andamanen und Nikobaren sowie im Golf von Bengalen aussetzen, bis neue Anweisungen der malaysischen Regierung vorliegen. Nach deren Angaben helfen inzwischen mehr als 25 Länder bei der Suche nach möglichen Trümmern, die - zumindest im Meer - mit fortschreitender Zeit aber immer schwerer aufzufinden sein dürften.

In Militärkreisen wird davon ausgegangen, dass ein erfahrener und kompetenter Pilot die Boeing 777 stundenlang geflogen und dabei offenbar bewusst zivile Radargeräte umgangen haben muss, Dieses Profil würde auf den 53-jährigen Kapitän Zaharie Ahmad Shah passen. Denkbar ist aber auch, dass er und sein 27 Jahre alter Ko-Pilot Fariq Abdul Hamid von unbekannten Tätern überwältigt oder zum Gehorsam gezwungen wurden. Dafür käme eine Vielfalt möglicher Hintermänner und Motive in Betracht.

Auch in drei der vier Flugzeuge, die für die Terroranschläge vom 11. September 2001 gekapert wurden, war seinerzeit die automatische Transponder-Datenübertragung an die Flugkontrolle ausgeschaltet worden. Für höchst unwahrscheinlich halten Experten die These, dass Flug MH370 mitsamt der 239 Insassen irgendwo gelandet und anschließend versteckt worden sein könnte.

Papst betet für Passagiere und Besatzung

Papst Franziskus betet für die Passagiere und die Besatzung des verschwundenen Flugzeuges aus Malaysia sowie für ihre Familienangehörigen. „Wir sind ihnen in dieser schweren Zeit nahe“, sagte Franziskus am Sonntagmittag in Rom nach dem Angelus-Gebet. Er forderte dabei auch die zahlreichen Gläubigen auf dem Petersplatz auf, für die 239 Menschen in der verschollenen Maschine des Fluges MH370 zu beten.

AFP/dpa

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