Eines der größten Luftfahrt-Rätsel

MH370: Das tragische Schicksal der Familie Law

+
Bis heute fehlt von der Maschine und 239 Menschen jede Spur. Die Angehörigen quält die Frage: Was geschah am 8. März 2014?

Kuala Lumpur - Ein halbes Jahr ist vergangen, seit der Flug MH370 von den Radaren verschwand. Bis heute fehlt von der Maschine und 239 Menschen jede Spur. Die Angehörigen quält die Frage: Was geschah am 8. März 2014?

Irgendwie kämen sie zurecht, sagt Tan Chi Law über seine beiden Neffen. Die Jungs sind 11 und 15 Jahre alt - ihre Eltern waren an Bord des Malaysia-Airlines-Fluges MH370. Die Boeing mit 239 Menschen verschwand vor sechs Monaten, am 8. März, aus noch immer ungeklärter Ursache. Es ist eines der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Von dem Wrack fehlt bis heute jede Spur.

Tan (49) verlor seine 42 Jahre alte Schwester. Seine Neffen gehen wieder zur Schule - und alle zwei Wochen zur psychologischen Betreuung, um den Verlust ihrer Mutter und des Vaters zu verarbeiten. Zurzeit leben die Jungs am Stadtrand von Kuala Lumpur bei einer Tante. „Verwandte besuchen sie an den Wochenenden, um ihnen Gesellschaft zu leisten“, erzählt ihr Onkel. Der Jüngere frage immer wieder nach seinen Eltern. Der Ältere sei in sich gekehrt.

„Vielleicht versucht er, seine Gefühle zu verstecken, um für seinen kleinen Bruder stark zu sein“, sagt Tan. Die Familie hoffe nur eines: Dass das Flugzeug endlich gefunden wird. Damit sie abschließen können, wie Tan sagt. „Ich bin froh, dass sie die Suche fortsetzen.“

Wie er und seine Familie tragen viele Angehörige der Vermissten schwer daran, nicht zu wissen, was mit ihren Lieben passiert ist. Die Boeing 777 verschwand auf mysteriöse Weise auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking von den Radaren. Satellitenauswertungen zufolge drehte die Maschine in Richtung Süden ab, flog stundenlang weiter und stürzte vermutlich in den Indischen Ozean, als der Treibstoff ausging. Niemand weiß, was sich an Bord abgespielt hat. Großangelegte Suchaktionen unter Beteiligung mehrerer Länder blieben ergebnislos.

Flug MH370: Chronologie einer Suche

Kuala Lumpur - Flug MH370 der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord ist seit einer Woche verschollen. Was die Ermittlungen bisher ergaben. © AFP
8. März: Die Fluggesellschaft Malaysia Airlines teilt mit, der Kontakt der Boeing 777-200 zur Flugkontrolle sei kurz nach dem Start abgerissen. Das Flugzeug mit überwiegend chinesischen Passagieren war auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Der Funkkontakt brach kurz vor Erreichen des vietnamesischen Luftraums ab. Im Seegebiet vor Vietnam beginnt eine großangelegte multinationale Suche. © AFP
9. März: Trotz intensiver Suche mit Flugzeugen und Schiffen fehlt jede Spur von der verschwundenen Maschine. Wiederholt gibt es in den folgenden Tagen falschen Alarm. Es gebe Anzeichen auf den Radaraufzeichnungen, dass das Flugzeug vor dem Verschwinden umgekehrt sei, berichten Ermittler. Ein möglicher Terroranschlag gerät in den Blick, weil zwei Passagiere ihre Flugtickets mit gestohlenen europäischen Pässen kauften. © AFP
10. März: Malaysia weitet das Suchgebiet deutlich aus. Experten identifizieren einen der beiden verdächtigen Passagiere. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass auf die Boeing 777-200 ein Anschlag verübt wurde. © AFP
11. März: Die beiden verdächtigen Passagiere waren keine Terroristen. Ermittler identifizieren die Beiden als Iraner, die mit gestohlenen Pässen nach Europa gelangen wollten. Der malaysische Krisenstab weitet das Suchgebiet auch auf die Meerenge von Malakka vor der Westküste Malaysias aus. Die Gegend liegt fernab der eigentlichen Route nach Peking. © AFP
12. März: Das malaysische Militär hat über dem Andamanischen Meer vor der Westküste Malaysias 45 Minuten nach dem Verschwinden der Maschine ein Flugzeug auf seinem Radar gesehen. Ob es sich dabei um die vermisste Boeing handelte, sei aber unklar. © AFP
13. März: Das „Wall Street Journal“ meldet unter Berufung auf US-Luftfahrt- und Geheimdienstexperten, die Maschine sei noch Stunden nach dem letzten Radarkontakt weitergeflogen. Malaysias Verkehrsminister dementiert den Bericht. © AFP
14. März: Das indische Verteidigungsministerium veröffentlicht eine Karte, auf der die Flugroute an der Stelle des letzten Radarkontakts um etwa 90 Grad abknickt. Demnach könnte die Boeing entlang der Grenze von Malaysia und Thailand bis über den Indischen Ozean geflogen sein. © AFP
15. März: Das vermisste Flugzeug flog nach dem Verschwinden vom Radar noch mindestens sieben Stunden auf einem neuen Kurs Richtung Westen. Jemand an Bord habe „mit hoher Wahrscheinlichkeit absichtlich“ die Kommunikationsgeräte abgeschaltet, berichtet der malaysische Ministerpräsident Najib Razak. © AFP
16. März - Es werde nun offiziell wegen Sabotage, Entführung und Terrorismus ermittelt, sagt Malaysias Polizeichef. Besatzung und Passagiere stünden verstärkt im Fokus. © picture alliance / dpa
17. März - Es läuft eine neue Suche entlang zweier Routen an, die die verschollene Maschine geflogen sein könnte. © AFP
18. März - Die Richtungsänderung sei mit hoher Wahrscheinlichkeit im Cockpit programmiert worden, berichtet die „New York Times“. Nach Angaben des malaysischen Verkehrsministers ist unklar, wann genau das Kommunikationssystem der Boeing abgeschaltet wurde. Er widerruft damit frühere Aussagen. © AFP
19. März - Der US-Sender NBC berichtet, die Kursänderung sei bereits vor der verbalen Abmeldung der Piloten in den Bordcomputer eingegeben worden. Der Chef der malaysischen Zivilluftfahrt dementiert das. © picture alliance / dpa
20. März - Experten des australischen Geheimdienstes entdeckten auf Satellitenbildern mögliche Wrackteile der verschollenen Boeing im Indischen Ozean. © dpa
21. März - Trotz intensiver Suche in der abgelegenen Region des Indischen Ozeans bleibt die Boeing verschollen. © dpa
22. März - Es wird bekannt, dass ein chinesischer Satellit am 18. März im Suchgebiet mögliche Wrackteile erspäht hat. © AFP
23. März - Frankreich veröffentlicht ein Satellitenbild, das vielleicht Flugzeugteile im Meer zeigt. © AFP
24. März - Die Crew eines australischen Aufklärungsflugzeugs entdeckt zwei mögliche Wrackteile. © dpa

Maira Elizabeth Nari, Tochter eines Stewards an Bord von MH370, versucht auf pragmatische Weise, sich abzulenken: Die Schülerin bereitet sich auf ihre Abschlussprüfungen vor. „Das Leben hat seine Höhen und Tiefen“, sagte die 18-Jährige kürzlich bei einem Treffen von Angehörigen mit dem malaysischen Vize-Ministerpräsidenten Muhyiddin Yassin. Sie versuche, nicht über ihren Vater nachzudenken: „Ich will meine Trauer nicht meiner Mutter und meinem Bruder zeigen.“

Intan Maizura Othman (34), Ehefrau eines anderen Flugbegleiters und selbst Stewardess, verdrängt die Trauer, um für ihre Kinder da zu sein - die fünf Jahre alte Tochter und den erst drei Monate alten Sohn. Für das Mädchen habe sie sich schon nach einer Therapie umgesehen. Die Fünfjährige träume oft von ihrem Vater: „Wenn sie aufwacht, fängt sie an zu weinen, und ich weiß keinen Rat mehr, wie ich mit ihr umgehen soll“, sagte Intan dem Narichtenportal „Malaysian Insider“. Das Schlimmste sei, nicht zu wissen, was mit dem Flugzeug passiert ist. „Wir dachten, mit der Zeit würde es besser werden.“ Das sei aber nicht der Fall. „Bitte bringt MH370 nach Hause“, twitterte Intan vor kurzem als Bitte an die malaysische Regierung.

Lai Chien Mei (30) ist eine Cousine der Passagierin Chang Mei Ling. Deren Eltern, beide Ende 70, seien untröstlich über den Verlust ihrer Tochter. „Die anderen Kinder versuchen, sie mit regelmäßigen Besuchen und Ausflügen aufzuheitern, aber die Trauer ist weiter da“, sagt Lai.

Mei Ling arbeitete als Chemie-Ingenieurin in den USA. Regelmäßig schickte sie ihren Eltern Geld nach Malaysia, damit sie über die Runden kommen. Jetzt müssen ihre Geschwister einspringen und sich die Kosten teilen. Irgendwann kämen die schwierigen Fragen auf sie zu - zum Beispiel, was aus dem Haus werden soll, das Mei Ling in den USA gekauft hatte. „Diese Dinge lassen sich innerhalb der Familie bewältigen“, sagt Lai. „Im Moment aber ist unsere einzige Sorge, herauszufinden, was mit Mei Ling und den anderen an Bord von MH370 passiert ist.“ Von ihrer Regierung erwarteten sie, dass sie bei der Suche nach dem vermissten Flugzeug nichts unversucht lasse.

Viele Verwandte der Vermissten, insbesondere auch aus den anderen Ländern, werden selbst aktiv. Einige von ihnen sammeln Geld für eine unabhängige Untersuchung des Unglücks. Eine Spendenkampagne brachte mehr als 100 000 US-Dollar (umgerechnet etwa 76 000 Euro) dafür ein.

Jimmy Wang, ein Physikstudent, dessen Vater einer der 153 Chinesen an Bord war, leitet eine Gruppe chinesischer Angehöriger der Vermissten. Via Skype tauschen sie Informationen und die neuesten Theorien aus und planen gemeinsam die nächsten Schritte. Die Gruppe nennt sich „Voice370“ und hat rund 300 Mitglieder, wie das chinesische Nachrichtenportal „Ecns.cn“ schrieb.

Die Mitglieder erhalten und diskutieren Ratschläge aus der Luftfahrt, von Rechtsexperten und anderen Fachleuten. „Malaysia Airlines und andere machen nicht ihre Arbeit, also müssen wir uns organisieren“, wird Wang zitiert. Der junge Mann hat sein Studium in Schweden unterbrochen, um für seine trauernde Mutter in China da zu sein. „Ich kann nicht den Rest meines Lebens mit Fragen verbringen.“

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.