Elf Jahre gefangen bei Ariel Castro

Tagelang an Decke gehangen: Missbrauchsopfer berichtet

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Michelle Knight

New York. Michelle Knight, eines der Opfer von Ariel Castro, hat nun erstmals ein längeres Interview gegeben. Castro hatte Knight elf Jahre gefangen gehalten und sexuell missbraucht. In Ketten hat er sie tagelang an die Decke gehangen und gewaltsam ihre Schwangerschaft beendet.

Der Fernsehpsychologe Dr. Phil McGraw ist so etwas wie der Beichtvater der Nation in den USA. Seit Jahrzehnten vertrauen sich ihm Prominente und weniger Prominente vor laufender Kamera mit ihren tiefsten Bekümmernissen an. Er ist dann meist der Fels in der Brandung, die breite Schulter, an der sich die Gepeinigten ausweinen können. So auch das Entführungs- und Missbrauchsopfer Michelle Knight.

Psychologe kämpft mit Tränen

Bei dem Interview mit Knight, das „Dr.Phil“, wie er liebevoll genannt wird, in der vergangenen Woche an zwei Abenden im amerikanischen Fernsehen geführt hat, schienen die Rollen jedoch bisweilen vertauscht. Das, was Knight zu berichten hatte, war für Dr. Phil an manchen Stellen so schwer zu verdauen, dass der Psychologe mit den Tränen rang.

Ariel Castro

Die kleine Frau, die vor ihrer Befreiung im vergangenen Jahr elf Jahre lang in Cleveland gefangen gehalten und misshandelt worden war, wirkte hingegen unglaublich stoisch und ruhig. „Ich habe keine Ahnung, wo sie diese Kraft her nimmt“, gestand Phil im Anschluss. Wo Michelle Knight die Stärke her nahm, ihr Martyrium in jenem Horrorhaus in der Seymore Avenue durchzustehen, ist in der Tat ein Rätsel. Insbesondere jetzt, da man im Detail weiß, wie ihr Peiniger Ariel Castro mit Knight und ihren beiden Mitgefangenen Amanda Berry und Gina De Jesus umgegangen ist.

In Ketten an die Decke gehängt

Castro, der in diesem September in seiner Gefängniszelle Selbstmord beging, nannte die nur 1,50 Meter große Knight, die „Unzerbrechliche“ unter seinen Opfern. Gleich, wie sehr er Knight quälte und folterte, sie fügte sich ihm nie. Gleich, wie sehr sie dafür leiden musste, Knight leistete Castro Widerstand. Das ist angesichts der Grausamkeiten, die sie erdulden musste, schier unglaublich.

Knight berichtete in dem bewegenden Interview davon, wie Castro sie tagelang in Ketten von der Decke hat hängen lassen. Nachdem er sie sexuell missbraucht hatte, bewarf er sie mit Dollarscheinen, anscheinend einer Fantasie folgend, dass sie eine Prostituierte ist.

Als Bestrafung für Ungehorsam kettete Castro Knight im dunklen Keller eng an ein Heizungsrohr. Eine Kette erstickte sie beinahe, zusätzlich setzte er ihr einen Motorradhelm mit geschlossenem Visier auf. Tagelang ließ er sie so da liegen, ohne Nahrung, ohne die Möglichkeit, die Toilette zu besuchen. „Ich habe ständig zwischen Bewusstlosigkeit und Pein geschwebt“, erinnert sich Knight.

Dreimal gewaltsam abgetrieben

In einem Anflug von Empathie schenkte Castro Knight zu einem Zeitpunkt einen Hund, „das Einzige, was mich je dort getröstet hat“, so Knight. Als sie wieder in Ungnade fiel, brach Castro jedoch vor ihren Augen dem Hund das Genick. Drei Mal wurde Knight von Castro in den elf Jahren schwanger. Während ihre Mitgefangene Berry, die Castro anscheinend bevorzugte, ich Kind austragen durfte, erzwang Castro bei Knight jedes Mal Fehlgeburten.

„Er zwang mich dazu, mich auf den Rücken zu legen und er sprang mit seinem ganzen Gewicht auf meinem Bauch auf und ab.“ Beinahe noch schlimmer, als alle diese unfassbaren körperlichen Grausamkeiten war für Knight jedoch die seelische Qual. Anders als ihre Mitgefangenen hatte Knight keine sorgenden Angehörigen, die nach ihr suchten. Knight hatte sich bereits vor der Gefangenschaft mit ihren Eltern überworfen.

 Als im Fernsehen die Eltern von Berry und DeJesus die Öffentlichkeit um Hinweise baten, Knights Eltern jedoch nicht zu sehen waren, bläute Castro Knight wochenlang ein, dass sie ganz alleine sei und dass sich ohnehin niemand um sie sorge. „Es ist wie eine Erlösung, dass mir nun endlich jemand zuhört“, sagte sie jetzt. Man kann nur ahnen, wie groß diese Erlösung sein muss. (ce)

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