Minikleid aus Leiterplatten - zweites Leben für Elektroschrott

+
Muharrem Batman in seinem Geschäft in Berlin: Der Besitzer des Neuköllner Computer-Laden baut aus Elektroschrott Kunstwerke und Bekleidungsgegenstände.

Kiloweise Elektroschrott fällt jährlich in deutschen Haushalten an. Der Inhaber eines Computer-Geschäfts in Berlin-Neukölln verhilft dem Schrott zu neuem Glanz.

Unzählige Quadrate aus elektrischen Leiterplatten bedecken die Hüften der Schaufensterpuppe. Von der Taille aufwärts werden die mit Drähten verbundenen Teile immer kleiner. Die Träger und Körbchen am Oberteil bestehen aus Kupferdrähten und bunten Elektrokabeln. Das Minikleid aus Elektroschrott zieht immer wieder neugierige Blicke von Passantinnen auf sich. „Einige Frauen haben es auch schon anprobiert“, sagt Muharrem Batman. Doch er träumt vor allem von einer: Lady Gaga. „Wenn sie es tragen würde, wäre ich berühmt“. In Berlin-Neukölln ist Batman - der nur rein zufällig den gleichen Namen hat wie der Comic-Fledermausmann - schon eine kleine Berühmtheit. Der Besitzer eines Computer-Ladens zeigt seit Jahren, was sich alles aus Elektroschrott machen lässt: Köpfe mit Irokesenfrisuren aus bunten Elektrokabeln oder Leuchtdioden, mit Nasen aus Steckdosen und Augen aus elektronischen Anzeigetafeln. Kondensatoren und Prozessoren verzieren die aufwendig gestalteten Kunstobjekte ebenso wie Widerstände. Am 20. und 21. Juli bleibt das Schaufenster in der Herrmannstraße leer. Dann zeigt er seine Objekte in einer Sonderausstellung im Industriesalon Schöneweide.

Er sei der Ideengeber, sagt Batman. Die feine Handarbeit übernehmen seine Schwester Ayse und die Studentin Judith Brun, eine passionierte Bastlerin. Batman verwertet vieles wieder, was ihm seine Kunden oder Kollegen bringen. Die Regale sind randvoll gefüllt mit Kabeln, Platinen und anderen Bauteilen. „Ich will auch ein bisschen Aufklärung über Elektronik betreiben und zeigen, dass man die wertvollen Rohstoffe nicht achtlos wegwerfen soll“, sagt der 48-Jährige.

Weltweit haben auch andere Künstler und Designer das Thema Recycling für sich entdeckt. In Chile hat zum Beispiel Rodrigo Alonso kubische Hocker aus durchsichtigem Kunstharz entwickelt. Das Innere der Möbel ist aufgefüllt mit Computerschrott. Wer seinen Rechner nicht mehr nutzt, kann immerhin noch darauf sitzen. Die Idee hinter dem Hocker war laut Alonso das Problem, dass es in Südamerika beinahe unmöglich war, Elektroschrott zu recyceln.

In Deutschland könnten Verbraucher ausgediente Computer bei den in den Kommunen eingerichteten Sammelstellen, aber auch bei spezialisierten Entsorgungsfachbetrieb abgeben, erklärt der Sprecher des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung, Andreas Habel. Seinen Angaben zufolge landen in Deutschland jährlich etwa 150 000 Tonnen Telefone, Computer, Bildschirme und Faxgeräte auf dem Müll. „Das ist aber nur die statistisch erfasste Menge“, betont er.

Umweltschützer kritisieren seit Jahren nicht nur die Abfallmengen, sondern auch, dass die Produktion der Technik vielerorts zu Umweltproblemen führt. Das UN-Umweltprogramm hat deshalb kürzlich dazu aufgerufen, die wertvollen Metalle aus Handys, Computern und Co effizienter zu recyceln. In Berlin kämpft der Verein „Reuse-Computer“ seit Jahren gegen Müllberge. „Unsere Mitglieder versuchen, gebrauchte IT-Technik wieder in Umlauf zu bringen“, erklärt der Vereinsvorsitzende Frank Ebelt. Unter anderem verkauften Mitgliedsunternehmen gebrauchte und hochwertige Computer, die in Unternehmen ausgemustert werden. Ziel sei es, Computer deutlich länger zu nutzen als nur wenige Jahre. Die Kunst von Vereinsmitglied Batman sei eine schöne Sache, sagt Ebelt. „Aber mit Kunst allein kriegen wir die Probleme leider nicht gelöst“.

Batman hat unterdessen schon wieder neue Ideen. Der Sohn einer Istanbuler Uhrmacherfamilie will die gute alte Analoguhr wieder salonfähig machen - als Kunstwerke für die Wohnung, natürlich aus gebrauchten Materialien. Auch an Recycling-Mode arbeitet er weiter. „Bei der nächsten Fashion Week will ich fünf, sechs Kleider zeigen“, kündigt er an. Vielleicht klappt es ja dann auch mit Lady Gaga. (dpa)

Von Anja Sokolow

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.