Missbrauch: Katholische Kirche sucht die Wahrheit

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Neben der Entschädigung von Opfern will die katholische Kirche auch gründliche Aufklärung über den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen.

Bonn - Die katholische Kirche will sexuellen Missbrauch von Minderjährigen auf Grundlage von Personalakten seit 1945 wissenschaftlich und unabhängig aufarbeiten lassen.

Sie ermöglicht erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Archiven. Die Bischöfe wollten eine “ehrliche Aufklärung“ und “der Wahrheit auf die Spur kommen“, sagte der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann am Mittwoch in Bonn. Erste Ergebnisse sollen in gut einem Jahr vorliegen.

Die Aufarbeitung erfolgt parallel zu den bereits angelaufenen konkreten Entschädigungen für Missbrauchsopfer, die sich in den Bistümern melden. Die Zahl solcher Opfermeldungen sei inzwischen “deutlich zurückgegangen“, sagte Ackermann. Konkrete Angaben dazu machte er nicht. Jedem Opfer will die katholische Kirche bis zu 5000 Euro Entschädigung zahlen, in Einzelfällen auch mehr.

In zwei wissenschaftlichen und von der Bischofskonferenz finanzierten Forschungsprojekten soll das “dunkle Kapitel“ von unabhängigen Experten beleuchtet werden. Dabei sollen neben dem Durchforsten von Akten auch Opfer und Täter befragt werden. Mit den Studien soll zudem ermittelt werden, unter welchen Umständen es zu sexuellen Übergriffen gekommen und wie die Kirche damit umgegangen ist. Daraus sollen Schlüsse gezogen werden. “Wir wollen noch mehr lernen für die Prävention“, sagte Ackermann.

Chronologie der Missbrauchsfälle

Chronologie der Missbrauchsfälle

Die Bischöfe wollten es nicht damit bewenden lassen, was Opfer gemeldet hätten, sagte Ackermann. “Wir wollen auch der Wahrheit, die möglicherweise noch unentdeckt in Akten vergangener Jahrzehnte liegt, auf die Spur kommen.“ Dabei solle auch Ursachenforschung betrieben werden, “um besser zu verstehen, wie es zu den Ungeheuerlichkeiten sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter kommen konnte.“

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) wurde unter Leitung von Professor Christian Pfeiffer mit einer breiten Untersuchung beauftragt. Die Auswertung umfasst in neun ausgewählten Bistümern die Auswertung aller relevanten Unterlagen von 1945 bis 2010, in den anderen 18 Bistümern die Akten von 2000 bis 2010. Die methodische Beschränkung auf jede dritte Diözese werde empfohlen, weil nicht zu erwarten sei, dass eine auf 65 Jahre erstreckende flächendeckende Datenerhebung im Vergleich dazu bessere Erkenntnisse bringen werde, erläuterte Pfeiffer.

Bei der Erhebung der Daten wird dem KFN aus daten- und personenschutzrechtlichen Gründen kein direkter Einblick in Personalakten gewährt. Die Daten sollen von Archivmitarbeitern und geschulten Juristen - damit werden laut Pfeiffer ehemalige Richter oder Staatsanwälte im Ruhestand beauftragt - erhoben und erst dann an das KFN zur Auswertung übermittelt werden.

Die zweite Studie wird vom Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Essen-Duisburg, Prof. Norbert Leygraf, geleitet. Dabei soll eine umfassende Gutachteranalyse von Täterpersönlichkeiten und bekanntgewordenen sexuellen Übergriffen durch katholische Geistliche von 2000 bis 2010 neue Aufschlüsse bringen. Dazu lägen den Bistümern und Orden bereits 75 solcher forensisch-psychiatrischer Gutachten vor. .

dpa

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