Vertuschte Missbrauchsfälle: Papst entlastet?

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Der Regierungschef des Vatikan, Tarcisio Bertone, küsst 2008 während einer Messe den Ring von Papst Benedict XVI. 

Vatikan - Der Sekretär der Glaubenskongregation des Jahres 1998, Tarcisio Bertone, soll in dem Missbrauchsskandal um den US-Priester Lawrence Murphy die Aufklärung des Falls gebremst haben.

“Anders als bisher angenommen, hat nicht der heutige Papst, sondern Bertone den Fall offenbar vertuscht“, sagte Patrick Schwarz, Stellvertretender Ressortleiter Politik der Wochenzeitung “Die Zeit“, am Ostermontag der Deutschen Presse-Agentur bei der Vorstellung mehrerer Vatikan-Dokumente.

Unter den Dokumenten, die als Faksimile vorliegen, befindet sich auch ein geheimes Sitzungsprotokoll - laut "Zeit online" Teil eines Briefwechsels zwischen dem Vatikan und dem damals für die Ermittlungen zuständigen Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland. Der Briefwechsel wurde der "Zeit“ nach deren Angaben von Anwälten früherer Opfer Murphys zur Verfügung gestellt.

Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

In einem vertraulichen Brief vom 6. April 1998 an den zuständigen Erzbischof der Diözese von Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin hat laut “Zeit“ Bertone deutlich gemacht, dass der Vatikan von einem Kirchenprozess gegen den geständigen Täter abrate. Vorausgegangen war, wie aus den faksimilierten Dokumenten hervorgeht, eine Eingabe des beschuldigten Priesters beim Vatikan, ihn aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes, seines hohen Alters sowie seiner “friedlichen“ Lebensführung im Priesterstand zu belassen. Diese Argumente habe Bertone sich in seinem Schreiben zu eigen gemacht, schreibt “Die Zeit“.

Als der amerikanische Erzbischof auf der Entlassung Murphys aus dem Priesterstand beharrte ­- auch unter Hinweis auf anhaltende Empörung bei den Vertretern katholischer Gehörloser -­ kam es den Angaben zufolge am 30. Mai 1998 zu einem Krisengipfel in Rom. In dem von der Glaubenskongregation verfertigten Protokolls des Treffens, bei dem Bertone den Vorsitz führte, heiße es: “Bezüglich der Möglichkeit eines kanonischen Prozesses wegen des Verbrechens der Belästigung in der Beichte lenkt der Sekretär die Aufmerksamkeit auf einige Probleme, die ein Verfahren aufwerfe“. Bertone habe seine nach Rom gereisten Bischofskollegen aus den Vereinigten Staaten gewarnt vor der “immanenten Schwierigkeit, ein solches Verbrechen in einem Verfahren zu ahnden, dessen Durchführung in strengster Geheimhaltung erfolgen muss“. Der spätere Kardinal habe überdies darauf verwiesen, “die Schwierigkeit, Beweise und Zeugen beizubringen, ohne den Skandal zu vergrößern“. Zusammenfassend habe Bertone auf die Schwierigkeiten hingewiesen, “die durch eine Verfolgung dieses Falles entstehen würden“.

In einem internen Vermerk der Erzdiözese Milwaukee nach dem Krisengipfel heißt es: “Es wurde deutlich, dass die Kongregation uns nicht ermutigte mit irgendeiner förmlichen Entlassung (dpa: Murphys) fortzufahren.“ Unter dem Druck aus Rom teilte US-Erzbischof Weakland seinem vatikanischen Kollegen Bertone in einem ebenfalls als Faksimile dokumentierten Schreiben am 19. August 1998 mit: “Ich habe meinen Justiziarvikar angewiesen, das Verfahren förmlich zu beenden, das gegen Pater Murphy begonnen worden war.“

Murphy, der eine katholische Gehörlosenschule leitete, soll zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 Kinder sexuell missbraucht haben, unter anderem auch während der Beichte.  Am 21. August 1998 starb Murphy im Alter von 72 Jahren. Aus dem Vatikan war jüngst darauf verwiesen worden, dass ein Kirchenprozess gegen den Sterbenskranken keinen Sinn mehr gemacht hätte und auch die US-Justiz kein Verfahren gegen Murphy eröffnet hatte.

Die “New York Times“ hatte im März den Fall aufgebracht und Joseph Ratzinger, den heutigen Papst, als Verantwortlichen genannt - Ratzinger leitete 1998 als Präfekt die Glaubenskongregation. “Dagegen zeigt das vertrauliche Sitzungsprotokoll der Glaubenskongregation, dass Bertone hier die Federführung hatte“, sagte Schwarz.

Bertone ist heute Kardinalstaatssekretär und damit praktisch Regierungschef im Vatikan.

Fall aus dem Jahr 2004: Absetzung eines Priesters gefordert

Unterdessen fordern Missbrauchsopfer in den USA die Suspendierung eines katholischen Priesters in Indien, der 2004 im US-Staat Minnesota eine 14-Jährige zum Oralsex gezwungen haben soll. Der Vatikan wurde 2006 über die Vorwürfe informiert, ergriff aber keinerlei Schritte gegen den Beschuldigten. Das geht aus Dokumenten hervor, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen.

Bekannt wurden die Vorwürfe erst 2005, als sich der betroffene Priester namens Joseph Palanivel Jeyapaul zu einem Familienbesuch in Indien aufhielt. Seine damaligen Kollegen in den USA hätten ihm geraten, nicht nach Minnesota zurückzukehren, sagte Jeyapaul der AP in einem Telefoninterview. In Indien wurde er für ein Jahr in ein Kloster geschickt, derzeit arbeitet er im Büro der Diözese von Ootacamund in Südindien.

Die Glaubenskongregation der katholischen Kirche in Rom wurde Ende 2006 vom damaligen Bischof von Crookston in Minnesota, Victor Balke, über den Fall informiert. “Ich hoffe, Sie finden zum Wohle der Kirche schnell eine Lösung für diesen Fall“, schrieb Balke an den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada. Balke bekam aber nie eine Antwort.

Der betroffene Priester, Joseph Palanivel Jeyapaul, wies die Vorwürfe am Montag zurück. “Ich kenne das Mädchen nicht einmal“, sagte Jeyapaul über die Jugendliche, die er im Herbst 2004 missbraucht haben soll.

apn/dpa

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