Island unter extremem Tiefdruck

Der Monstersturm bleibt zahm: Abgedeckte Dächer, aber keine Katastrophen

Im Zentrum des Tiefdruckgebiets: Island unter der Sturmkarte, gestern gegen 14 Uhr - von grün über gelb, lila bis violett steigt das Windtempo auf 120 Stundenkilometer und mehr. Screenshot: www.windyty.com

Reykjavik. Den schlimmsten Schneesturm seit 25 Jahren hat Island schon vor drei Wochen überstanden. Im Nordmeer ist man immer vorbereitet: Lokale Medien meldeten zwei gesunkene Boote im Hafen von Reykjavik, abgedeckte Dächer, Glasbruch und ein kaputtes Bushäuschen.

Am Mittwoch flogen in Islands Ostfjorden wieder Wellblechdächer, Strandhütten und Bootsanleger durch die Luft. Die Vulkaninsel lag im stürmischen Zentrum des extremen Tiefdruckgebiets, das an seiner Ostflanke ungewöhnlich warme Luft in die Polarregion saugt. An seiner Westflanke hingegen – verrückte Wetterwelt – fließt kalte arktische Luft mit Frost und Schnee bis in den Süden der USA. Im Warmluftstrom bekamen England, Schottland und Irland gestern zu den jüngsten Überschwemmungen weitere schwere Regenfälle ab. Tausende Häuser waren ohne Strom, Straßen und Bahnstrecken wurden gesperrt.

In Island hatten Handy-Videos aus den Sturmböen Hochsaison. Touristen war schon am Dienstag geraten worden, beim Windgeschwindigkeiten von bis zu 30 Metern pro Sekunde und eisigen Temperaturen lieber nicht rauszugehen. Die meisten Straßen der rauen Insel waren sowieso als unpassierbar oder gesperrt gemeldet. Vorhersage: Der Wind flaut ab.

Aufregendste Meldung auf Islands News-Portalen war gestern die Hilfe aus der Luft für vier Briten. Die wollten die Insel auf Skiern durchqueren. Einer wurde krank, der zweite bekam Frostbeulen am Fuß, dann Angst vor dem Sturm: Zum dritten Mal seit 3. Dezember alarmierte der Trupp am Dienstag die Küstenwache.

Gefahr auch für Schiffe im Nordatlantik? Weder dem Verband Deutscher Reeder (VDR) noch der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) waren über ihre internationalen Kanäle Alarmmeldungen bekannt.

Im Nordmeer lägen für deutsche Handelsschiffe keine Routen von Bedeutung, sagte VDR-Sprecher Christof Schwaner. Was immer auf den Weltmeeren unterwegs sei, werde von Reedereien zentral mit Wetterdaten versorgt und so früh wie möglich aus Risikozonen gesteuert. Satellitenortung und Online-Vernetzung machen’s möglich: Im Internet finden sogar Laien Schiffe in Echtzeit. „Okay - Island!“, sagte Schwaner gestern im Gespräch mit unserer Zeitung und klickte sich vom Schreibtisch ins Nordmeer. Gegen Mittag waren rund um Island 300 Wasserfahrzeuge auszumachen, meist Fischereikutter, überwiegend im Hafen.

Was sich über dem Atlantik zusammenbraut und weiter nördlich zieht, könnte laut US-Wetterdienst NOAA der Arktis Temperaturen bescheren, die bis zu 50 Grad über den normalen Werten liegen. Am Nordpol wäre es dann wärmer als in Südkalifornien.

Eigentlich heißt Winter am Nordpol minus 30 bis minus 40 Grad. Tatsächlich ist es dort derzeit aber zwei bis vier Grad warm. Auch wenn es sich so anfühlt: Mit Klimawandel haben die Wetterkapriolen im Norden nach Ansicht von Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst nichts zu tun. „Es ist Ausdruck des chaotischen Systems Atmosphäre.“

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Mehr Infos:  http://zu.hna.de/islandnews http://zu.hna.de/polarroute

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