Riesenwellen im Nordatlantik möglich

Heftig wie nie: Monstersturm heizt Nordpol ein

Das ruhige Winterwetter in Deutschland täuscht: Im Norden unserer Erde tut sich zurzeit Dramatisches. Der Übeltäter heißt Eckard.

Diesen Namen trägt ein Tief, in dessen Folge ein viele hundert Kilometer langes, gewaltiges Sturmsystem über den Norden braust. Es wurde in dieser Heftigkeit noch nie registriert. Es schaufelt ausgehend vom Nordatlantik subtropische, äquatoriale Warmluft aus den spanischen Breiten bis an den Nordpol.

Wie ein Heißluftgebläse

Aktualisiert um 11 Uhr

Das ganze gleicht nach Einschätzung von Meteorologen einem gigantischen Heißluftgebläse. Die Folgen sind kaum vorstellbar. Im ewigen Eis des Nordpols wird es zu einer Art Frühlingserwachen kommen, nach Vorhersagen des Internetportals wetter.de können die Temperaturen kurzfristig um bis zu 50 Grad steigen. In der Arktis klettert das Thermometer damit für die restlichen Tage des Jahres über den Gefrierpunkt. Zum Vergleich: Würde es in Deutschland einen derartigen Temperaturanstieg geben, hätten wir zum Jahreswechsel Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad.

Grund für das Wetterphänomen ist ein drastisch abfallender Luftdruck auf nur noch 925 Hektopascal, in dessen Folge der extreme Sturm entsteht (siehe Artikel unten). Es wird mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern in der Stunde gerechnet. Meteorologe Dominik Jung vom Online-Portal wetter.net gegenüber der Zeitung Die Welt: „So etwas habe ich über Europa noch nicht gesehen“.

Auch im Norden Kanadas, in Sibirien und über dem Arktischen Ozean werden die Temperaturen um bis zu 20 Grad über den üblichen Werten für diese Jahreszeit liegen.

Der Monstersturm hat gravierende Folgen für die Schifffahrt im Nordatlantik. Wellen von 15 Meter Höhe werden auf der offenen See toben, Frachter müssen umgeleitet werden, weil sie dem Orkan nicht trotzen können. Die Extremwogen bauen sich doppelt so hoch auf wie der normale Seegang, der in diesen Breiten ohnehin schon heftig ist.

Klimawandel ist mitverantwortlich

Meteorologen und Klimaforscher machen den Klimawandel für den phänomenalen Sturm mitverantwortlich. Auch wenn es noch keine in Zahlen fassbaren Informationen gibt, ist es wahrscheinlich, dass die mittlerweile stark aufgeheizten Ozeane mehr warme Luft nach Norden transportieren könnten. Im Polarmeer bilden sich bereits regelrechte Warmwasserpools, die eine Brutstätte für Wetterextreme wie das momentane am Nordpol sein könnten. Außerdem könnte auch langfristig die Wetterstabilität von starken Luftströmungen beeinträchtigt werden.

Ein kleiner Trost bleibt: Deutschland wird vom Wüten Eckards nicht betroffen sein, es gibt keine Sturmflutwarnungen für unsere Küsten. Ganz Mitteleuropa ist durch ein stabiles Hoch geschützt. Meteorologe Gunter Tiersch vom ZDF rechnet damit, dass auch im hohen Norden der Sturm bereits heute im Laufe des Abends deutlich abschwächen wird.

Erst sinkt Luftdruck, dann kommt Sturm

Auch Luft hat Gewicht. In Gegenden auf Meereshöhe lastet sie mit einem Druck von 1013 Hektopascal (hPa) auf uns, das entspricht ziemlich genau einem bar und ist etwa halb so viel wie in einem Autoreifen. Ganz konstant ist er nicht, er schwankt vielmehr nach Tageszeit.

Doch Luft bewegt sich, und ihr Druck verändert sich. Wenn die Sonne sie erwärmt, steigt sie auf – ein Tiefdruckgebiet entsteht. Am Boden nimmt der Druck ab und gleichzeitig strömt kühle Luft in die Lücke, die die warme hinterlassen hat – Wind kommt auf. Dieser weht immer von kühleren zu wärmeren Orten. Je größer der Temperaturunterschied ist und je schneller der Luftdruck abfällt, desto heftiger bläst es.

Zurzeit stützt ein Tief über Mitteleuropa ein Hochdruckgebiet über Skandinavien, erklärt der Meteorologe Gunther Tiersch das Wetterchaos am Nordpol. Zudem treffe vor Grönland eisige Luft auf warme. Die Folge: Gestern wurde in der Arktis ein Luftdruck von weniger als 930 Hektopascal gemessen. Zum Vergleich: Normale Sturmtiefs haben einen Druck von 980 Hektopascal. Der tiefste Wert, der in Deutschland je gemessen wurde, lag bei knapp 955 hPa, aufgezeichnet in Emden im Jahr 1983.

Beim Orkan Kyrill, der 2007 über weite Teile Europas fegte und auch in der Region große Schäden anrichtete, wurde ein Luftdruck von nur noch 960 hPa gemessen. Kyrill fegte mit einer Geschwindigkeit von über 150 Stundenkilometern über das Land, entwurzelte Bäume und deckte Dächer ab. Ähnlich verheerend war Lothar, der am zweiten Weihnachtstag 1999 vor allem über den Süden Hessens wütete. Luftdruck damals: 962 hPa.

Wie warm es gerade am Nordpol ist und wie krass die Werte von den üblichen Temperaturen abweichen, sehen Sie hier.

Hintergrund: Milde Luftmassen dominieren bei uns

Bislang sieht es nicht danach aus, als könne sich die sibirische Frostluft in ganz Deutschland durchsetzen, erläutert Diplom-Meteorologe Dominik Jung vom Wetterportal wetter.net. Kurzfristige Vorhersage für Silvester: 1 bis 9 Grad, Neujahr: minus 2 bis plus 8 Grad. Nur im Norden und Osten wird es nach Silvester dauerfrostig. Im Westen und Süden hält die milde Luft vom Atlantik dagegen. Aussichten: Es gibt kein flächendeckendes Winterwetter. Jung rechnet mit einer Grenzwetterlage, an deren Ende milde Luftmassen dominieren werden.

Rubriklistenbild: © dpa

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