2002 spendeten unsere Leser 2,6 Millionen Euro

Nach der Flut im Osten Deutschlands: „Wir sind noch da“

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Bennewitz an der Mulde im Katastrophenjahr 2002: Die gesamte Stadt ist überflutet, viele Gebäude wurden zerstört. Mit Hilfe unserer Leser wurde eine Grundschule neu gebaut. Aktuell sinkt der Pegelstand der Mulde jetzt wieder.

Freital. Vor fast genau elf Jahren herrschte in den Überschwemmungsgebieten im Osten Deutschlands schon einmal Katastrophenalarm. Im Jahrhunderthochwasser von 2002 starben 21 Menschen, tausende wurden obdachlos. HNA-Leser spendeten damals 2,6 Millionen Euro. Heute kämpfen die Opfer von damals wieder gegen die Fluten.

Ines Locke vom Berufsbildungszentrum Freital ist zutiefst ergriffen, als wir uns am Telefon melden. „Mir kommen gleich die Tränen“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir sind noch da.“

Ines Locke hat nicht vergessen, dass die Leser unserer Zeitung für das sächsische Berufsbildungszentrum nach der Flutkatastrophe vor elf Jahren 115 000 Euro spendeten. Damit konnte man weitermachen, zurzeit werden 66 Berufsschüler ausgebildet. Doch nun sind die Fluten der Weißeritz wieder da. Nicht so schlimm wie 2002, aber doch gefährlich: „Vorgestern wurden wir evakuiert“, sagt Locke, aber es hätte schlimmer kommen können: „Der große Regen ging an uns vorbei.“

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Wirklich schlimm sieht es in Dessau-Waldersee aus. Hier wurde dank Leser-Spenden (131 000 Euro) die Grundschule nach der letzten Hochwasser-Katastrophe saniert. Nun herrscht Angst, dass es genauso kommen könnte wie damals: Zwar steht die Schule noch nicht unter Wasser, ist aber bedroht. Wer nicht in die Schule will, muss nicht kommen, sagt Schulleiterin Sabine Kus. Gestern waren von 222 Schülern nur 36 da. Die Schulbusse fahren nicht, zwei Ortsteile Dessaus wurden evakuiert. Den meisten Eltern scheint der Schulweg für die Kinder zu gefährlich zu sein.

Die Mulde, die nicht nur die Schule bedroht, sinkt inzwischen zwar ein wenig, aber die größte Gefahr könnte noch kommen: Niemand weiß zurzeit, welche Wassermassen die Elbe, die hier auch entlangfließt, noch bringen wird.

Mäuselöcher in Dämmen

Gerald Herbst, Chef des Bürger- und Heimatvereins in Dessau-Rosslau (Waldersee gehört zu Rosslau) ist von der staatlichen Hilfe enttäuscht: „Wir müssen hier viel, sehr viel in Eigeninitiative machen.“ Und Sabine Kus weist darauf hin, dass es mitunter mit dem Hochwasserschutz aus politischen Gründen auch nicht zum Besten steht: „Die Grünen waren dagegen, dass die Mauselöcher in den Dämmen verstopft werden. Die wollten die Tiere schützen.“

Aktuell wieder vom Hochwasser betroffen: Döbeln an der Mulde hatte 2002 von unseren Lesern 520 000 Euro erhalten. Unser Bild entstand gestern.

Katastrophenalarm herrscht auch in Bennewitz an der Mulde. Hier, im Stadtteil Deuben, haben die HNA-Spenden ermöglicht, dass eine Grundschule neu gebaut werden konnte. 250.000 Euro gab es dafür aus Nordhessen. Inzwischen ist aus der Schule ein Kindergarten geworden, der zurzeit trocken ist - und der Pegelstand der Mulde geht weiter zurück. Dennoch: Das Rathaus von Bennewitz wurde wie zwei Ortsteile evakuiert.

Bernd Laqua, Gemeinderat und Chef des Lagezentrums in Bennewitz, hofft, dass die Menschen bald zurück können in ihre Häuser: „Wir hatten schon einen Pegel von sieben Metern, jetzt sind wir bei sechs. Normal ist vier Meter.“

An der Müglitz, im Kindegarten Glashütte-Schlottwitz, ist die Lage entspannt. Vor elf Jahren war der Kindergarten zerstört worden. 150 000 Euro unserer Leser machten den Wiederaufbau möglich. Jetzt ist die Müglitz in ihrem Bett geblieben. Der Hochwasserschutz mit Regenrückhaltebecken hat gewirkt.

Von Frank Thonicke

Hintergrund: Die meisten Schutzprojekte sind noch in der Planung

Nach der Jahrhundertflut im Jahre 2002 wurden in Deutschland so viele Hochwasserschutz-Projekte gestartet wie noch nie. Nur: Die meisten sind noch lange nicht fertig.

So stellte zum Beispiel das Bundesland Sachsen nach 2002 für den Hochwasserschutz eine Milliarde Euro bereit. Bis zum Jahr 2020 sollten damit 351 einzelne Vorhaben verwirklicht werden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, dass von diesen 351 Projekten aber noch 216 im Planungs- und Genehmigungsverfahren stecken. Nur 80 seien bisher abgeschlossen worden, 55 seien im Bau.

Von insgesamt 450 Kilometer Deichen seien so erst 120 Kilometer ausgebaut und weitere 23 Kilometer neu errichtet worden.

Der Stauraum in den Talsperren sei allerdings unter anderem durch den Bau von vier neuen Regenrückhaltebecken um ein Drittel auf 160 Millionen Kubikmeter vergrößert worden.

Vielerorts ist der Bau von Schutzmaßnahmen auch kompliziert. Beispiel Grimma: Hohe Mauern gegen die Fluten der Mulde, Klappen zur Regulierung und Tore sollen sich hier nahtlos in das barocke Stadtbild einpassen. Die Folge: Die Schutzanlagen gegen das Hochwasser sind noch lange nicht fertig, Grimma wurde wieder überflutet.

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