Affen, Hunde, Schweine

Nach VW-Abgastests mit Affen: Hier gibt es in der Region Tierversuche

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Am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen werden unter anderem Social-Neuroscience-Experimente durchgeführt, hier mit einem Rhesusaffen und einem Menschen.

Göttingen/Melsungen. Die Empörung über Abgastests mit Affen bei VW ist groß. Wir haben uns stichprobenartig in der Region umgeschaut: Unter anderem hier kommen Firmen mit Tierversuchen in Berührung.

Aktualisiert um 11.50 Uhr - In Göttingen werden für die Infektionsforschung Affen eingesetzt, in Melsungen gab B. Braun unter anderem den Auftrag, an Schweinen Medikamente zu testen, und in Neustadt bei Schwalmstadt sucht ein Verein ein neues Zuhause für ehemalige Laborhunde. Jüngst sorgten Tierversuche mit Affen in VW-Abgastests für Empörung. Experten streiten immer wieder über Sinn und Unsinn von Tierversuchen. Wir haben uns in der Region umgeschaut: Auch bei uns sind Tests mit Tieren – in ganz unterschiedlicher Ausprägung – Realität. Allein in Niedersachsen wurden 2015 (neuere Daten liegen noch nicht vor) laut des Vereins Ärzte gegen Tierversuche etwa 339.000 und in Hessen 281.000 Tiere für Versuche eingesetzt. Insgesamt waren es 2016 in ganz Deutschland knapp 2,9 Millionen Tiere.

Dr. Corina Gericke

Wo welche Versuche durchgeführt werden, sammelt der Verein seit 30 Jahren in einer Tierversuchsdatenbank. „Da es dazu keine offiziellen Angaben gibt, ist die Liste unvollständig“, erklärt Dr. Corina Gericke, stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Die Informationen werden vor allem mithilfe von Artikeln aus Fachzeitschriften gesammelt. Wer in der Datenbank nach Kassel sucht, findet keinerlei Ergebnisse. „Sie können sich glücklich schätzen, in einer Stadt zu wohnen, wo nicht so viele Tierversuche durchgeführt werden“, sagt Gericke. Anders sieht es in Göttingen aus: 305 Einträge liegen hier vor.

Das Deutsche Primatenzentrum

Göttingen gilt laut des Vereins als Hochburg für Tierversuche. „Das liegt hauptsächlich am Deutschen Primatenzentrum“, sagt Gericke. Hier werden Affen in der Infektionsforschung eingesetzt. „In manchen Tests werden die Tiere an einen Primatenstuhl angeschnallt“, sagt sie. Damit sie die gewünschten Reaktionen zeigten – beispielsweise bei einem Signal einen Hebel betätigten –, würde man ihnen Wasser vorenthalten. Nur wenn sie sich wie gewünscht verhielten, werde ihnen dann ein Tropfen in den Mund geträufelt. „Das ist eine Qual, die sich über Jahre erstreckt“, sagt Gericke.

Prof. Dr. Stefan Treue, der Direktor des Deutschen Primatenzentrums, widerspricht dieser Darstellung vehement, sie sei schlichtweg falsch. Die Affen säßen stattdessen in einer Plexiglas-Box, aus der sie herausgreifen könnten. Sie litten nicht unter Durst und würden während des Versuchs mit genügend Flüssigkeit versorgt – je nach Vorliebe des Affen mit Saft oder Tee. „Wir belohnen die Tiere lediglich für ihr Verhalten, das nennt man positive Verstärkung“, sagt er.

Prof. Dr. Stefan Treue

Pro Jahr stellt das Deutsche Primatenzentrum laut Treue etwa 10 Tierversuchsanträge. Die Anzahl der Tiere könne dabei zwischen sehr wenigen Affen und 40 Tieren variieren. „Zum Vergleich: Bei Nagetieren sind es schnell mal 100 oder 1000 Tiere pro Versuch“, sagt er. Im Jahr 2017 kamen im Deutschen Primatenzentrum etwa 100 Affen zum Einsatz. Schon eine Blutentnahme gelte als Tierversuch. Beispielsweise wurden einzelnen Affen aber auch Bioreaktoren unter die Haut gesetzt, die Insulin produzieren und die Bauchspeicheldrüse unterstützen. "Das sind Implantate, die für die Tiere keine Belastung darstellen", sagt Treue.

Die Universität Göttingen

Laut der Tierrechtsorganisation Peta fanden 2016 auch an der Universität Göttingen Tierversuche statt. Die Universität habe darüber zwar keine Auskünfte gegeben, von Studenten habe man aber erfahren, dass im Fachbereich Medizin und im Studienfach Biologie Sektionen an Schweineherzen durchgeführt worden seien. Außerdem müssten für das Bestehen des Moduls Zoologie verpflichtend Tiersektionen an Regenwürmern, Heuschrecken, Seesternen, Fischen, Agar-Kröten sowie Schnecken durchführen. 

Laut Auskunft der Universität leben auf dem Versuchsgut für Tierproduktion der Universität Göttingen in Relliehausen 55 Göttinger Minipigs, 155 Sauen, rund 120 Kühe, außerdem Schafe, etwa 20 Lamas und eine Forellenaufzuchtanlage. "Alle Tiere stehen der Forschung zur Verfügung, aber die wenigsten sind in ihrem Leben tatsächlich in ein Forschungsvorhaben eingebunden", heißt es in einer Stellungnahme der Universität.

Aktuelle Projekte drehen sich demnach vor allem um verhaltensbiologische Untersuchungen oder den Einfluss der Tiere auf Pflanzengesellschaften. So werden die Tiere beispielsweise gefilmt und regelmäßig gewogen, außerdem gibt es Blutentnahmen. 

Das Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie arbeitet unter anderem mit Insekten, Fröschen, Krebsen oder Regenwürmern, eine Abteilung auch mit Mäusen. Während experimenteller Eingriffe werden sie anästhesiert. "Alle an der Fakultät in der Lehre eingesetzten Tierversuche sind auch gleichzeitig in Forschungsvorhaben eingebunden", wird in der Stellungnahme betont. Außerdem würden Tiersektionen "vertiefte Einblicke in die Organisation, Baupläne, Physiologie und Evolution von Tieren" ermöglichen.

Insgesamt sinke die Anzahl von Tierversuchen deutlich. Ganz ohne Tierversuche gehe es aber auch nicht: Nicht für alle Versuche gebe es aktuell Alternativen.

B. Braun in Melsungen (Schwalm-Eder-Kreis)

Zwei Einträge aus Melsungen sind in der Tierversuchsdatenbank zu finden, beide stehen im Zusammenhang mit dem Pharmaunternehmen B. Braun: Demnach wurden etwa 99 Schweine 2016 eingesetzt, um ein Medikament für Patienten mit verdickten, zugesetzten Blutgefäßen zu testen. B. Braun war an den Versuchen beteiligt, genehmigt wurden sie allerdings in Sachsen-Anhalt. Ein Ballonkatheter, also ein langer Plastikschlauch mit aufblasbarem Ballon am Ende, wurde den Schweinen in jeweils eine Arterie eingeführt und bis zum Herzen vorgeschoben. Hier wurde der Ballon aufgeblasen, damit die Blutgefäße das Medikament aufnahmen. Nach zehn Minuten, einer Woche und einem Monat wurden jeweils einige Schweine getötet.

2002 kamen außerdem 26 Mischlingshunde bei einem Versuch zum Einsatz, den B. Braun laut der Tierversuchsdatenbank finanziell unterstützt hat. Unter Narkose wurde den Hunden der Bauch aufgeschnitten, ein Teil der Aorta wurde herausgenommen und durch eine Kunststoffröhre ersetzt. Auf das Transplantat wurden Eiterbaktieren geträufelt. Zwei Hunde starben später an einer Blutvergiftung, ein Tier bekam einen Abszess, außerdem entwickelten sich bei manchen Hunden verschiedene Krankheitszustände.

Weitere Informationen beziehungsweise eine Bestätigung dieser Versuche konnte B. Braun noch nicht liefern. Das Unternehmen weist allerdings darauf hin, dass der Schutz und die Verbesserung der Gesundheit der Menschen oberstes Ziel des Unternehmens sei. „Tierversuche stellen bei wenigen Produkten die absolute Ausnahme dar und werden in Einzelfällen nur dann durchgeführt, wenn alternative Verfahren nicht möglich sind“, sagt Dr. Ute Brauer, Leiterin Medizin und Wissenschaft für die Sparten Hospital Care und Out Patient Market bei B. Braun.

Solupharm in Melsungen

Das Pharmaunternehmen Solupharm in Melsungen führt laut eigener Auskunft keinerlei Tierversuche durch, das sagt Geschäftsführer Friedemann Seitz auf Anfrage unserer Zeitung. „Als Hersteller steriler Arzneimittel sind Tiere in keinem Kontakt mit unseren Herstellungsverfahren oder Prüfverfahren.“ In früheren Jahren – und „teilweise in seltenen Ausnahmen noch heute“ – habe es allerdings Pyrogentests an Kaninchen gegeben. Dabei wird dem Kaninchen ein Arzneimittel injiziert, das für den Menschen bestimmt ist, um zu beweisen, dass es kein Fieber auslöst. „Dieses noch immer allgemeingültige Verfahren spielt aber im Alltag nahezu keine Rolle mehr“, sagt Seitz.

Der Laborbeagleverein in Neustadt bei Schwalmstadt

Der Laborbeagleverein in Neustadt, in der Nähe von Schwalmstadt, sucht jährlich für etwa 20 bis 25 ehemalige Laborhunde ein neues Zuhause. „Darüber, woher die Tiere kommen, haben wir Stillschweigen vereinbart“, sagt die erste Vorsitzende Anja Schmellenkamp. Sie darf weder sagen, ob die Hunde aus der Region kommen, noch in welche Tests sie involviert waren.

Das Ziel des Vereins Ärzte gegen Tierversuche

Laut Tierschützerin Gericke sind Tierversuche jeder Art unsinnig, da Tiere und Menschen sehr unterschiedlich seien. „Die ersten Menschen, die ein mit Tierversuchen getestetes Medikament einnehmen, werden einem unkalkulierbarem Risiko ausgesetzt“, sagt sie. Die Gesetzeslage müsste geändert werden, außerdem fordert sie, dass mehr Geld in tierversuchsfreie Methoden wie Zellkulturen und Biochips investiert werde. 

Primatenforscher Treue widerspricht Gericke: „Jede ernsthafte Kommission stellt klar, dass Tierversuche notwendig und vorgeschrieben sind“, betont er.

Was kann der Einzelne gegen Tierversuche tun?

Für Kosmetika sind Tierversuche mittlerweile verboten, beispielsweise die Firma Klapp Cosmetics in Hessisch Lichtenau versichert, ihre Fertigprodukte nicht an Tieren zu testen und solche Tests auch nicht in Auftrag zu geben. 

Laut Gericke könnten Firmen das Verbot lediglich umgehen, indem sie Stoffe nutzen, die auch in Medikamenten verwendet werden. Allen, die sich über tierversuchsfreie Produkte informieren möchten, empfiehlt Gericke die Liste Leaping Bunny

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