Kind wurde aus Gebärmutter geholt und wieder zurückgelegt

Ärzte holten Baby zweimal auf die Welt: Die Geschichte der kleinen Lynlee

Houston. Lynlee Hope Boemer aus Longview im US-Bundesstaat Texas kann nicht nur einen, sondern gleich zwei Geburtstage feiern: Am 7. März und am 6. Juni.

Denn das kleine Mädchen kam zweimal zur Welt: Ärzte hatten das Baby nach 23 Wochen und fünf Tagen Schwangerschaft aus der Gebärmutter geholt, einen Tumor am Steißbein entfernt und den Fötus zurück in den Mutterleib gelegt.

Wie die Familie gegenüber dem US-Sender CNN sagte, war der Tumor – ein Steißbeinteratom (s. Hintergrund) – nach 16 Wochen Schwangerschaft entdeckt worden. Manchmal könne der Tumor auch noch nach der Geburt des Kindes entfernt werden, sagte der behandelnde Arzt Darrell Cass vom Texas Children’s Fetal Center. Im Fall von Lynlee saugte die Geschwulst aber so viel Blut ab, dass der Fötus nicht überlebt hätte – eine Operation war die letzte Chance.

In einem mehr als fünfstündigen Eingriff öffneten die Mediziner die Gebärmutter von Mutter Margaret Boemer und entfernten über 90 Prozent von Lynlees Tumor, der schon fast größer war als das Baby selbst. Während der OP war das Baby auch außerhalb des Mutterleibs. Die Operation verlief nicht komplikationslos: Lynlees Herzschlag sank dramatisch, die Mutter verlor viel Fruchtwasser. Doch die Ärzte bekamen die Komplikationen in den Griff.

Zwölf Wochen später, am 6. Juni 2016, kam das Mädchen gesund per Kaiserschnitt zur Welt – in einer weiteren Operation wurde acht Tage später der Rest des Tumors entfernt. 24 Tage musste die Kleine im Krankenhaus bleiben, bevor sie zu ihrer Familie nach Hause durfte. Lynlee ist inzwischen fast fünf Monate alt.

Für den behandelnden Arzt Darell Cass war es der zweite Eingriff dieser Art. „Das ist etwas ganz Ungewöhnliches, eine außergewöhnliche Leistung“, beurteilt Christof Sohn, Ärztlicher Direktor der Universitätsfrauenklinik in Heidelberg, den Eingriff. Der Heidelberger Arzt hatte mit seinem Team im Mai einen ähnlichen Fall: Er hat ein Ungeborenes mit offenem Rücken operiert.

Lynlees Mutter war nach der Geburt des Mädchens überglücklich. „Es war jeden Schmerz wert“, sagte sie. Lynlee sollte eigentlich ein Zwilling sein – das zweite Kind verlor die Mutter jedoch während der Schwangerschaft. Das Mädchen habe zwar eine große Narbe auf dem unteren Rücken, entwickele sich sonst aber prächtig, schreibt Margaret Boemer auf ihrer Facebookseite. Der Grund, Lynlees Geschichte jetzt mit der Öffentlichkeit zu teilen, sei, anderen Eltern, die diese Diagnose erhalten, Hoffnung zu machen und zu zeigen, dass es noch andere Optionen gibt als einen Schwangerschaftsabbruch. (mit dpa)

Hier geht es zur Facebookseite von Lynlees Mutter Margaret Boemer.

Hintergrund: Steißbeinteratom bei Kleinkindern

Nach Angaben des Universitätsklinikums Heidelberg zählt ein Steißbeinteratom zu den häufigsten Keimzelltumoren im Kleinkindalter, dennoch sind sie selten: Der Tumor am Steißbein tritt bei einem von etwa 35 000 Babys auf. Große Teratome werden oft schon während der Schwangerschaft im Ultraschall festgestellt. Kleinere Teratome hingegen fallen bei Kleinkindern durch Probleme beim Stuhlgang auf oder werden als Zufallsbefund bei einer Schwellung des Steißbeines beobachtet. Sie werden meist frühstmöglich nach der Geburt entfernt, wobei mitunter auch das Steißbein entfernt werden muss.

Weitere Informationen über Steißbeinteratome gibt es hier.

Rubriklistenbild: © picture alliance / ZB

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