Stressabbau kann zu Zwangsstörung führen

Nägelkauen: So macht man Schluss mit dem Dauerknabbern

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Wer zu viel Stress hat, kaut gern: Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt ihren Frust gern an ihren Fingernägeln aus.

Angela Merkel macht es, und auch Star-DJ Avicii litt darunter: Nägelkauen kann eine lästige Angewohnheit mit gesundheitlichen Folgen sein. So bekommt man es in den Griff.

Dass es dem schwedischen Star-DJ Avicii nicht gut ging, konnte man bereits voriges Jahr in einer Doku bei Netflix sehen. In "Avicii – True Stories“ spricht der Schwede über den Leistungsdruck im Musikgeschäft, an dem er zu zerbrechen drohe. Dabei zeigt ihn die Kamera in jeder freien Minute beim Nägelkauen.

Am 20. April ist Avicii alias Tim Bergmann im Oman mit nur 28 Jahren gestorben. Die genaue Todesursache ist nicht bekannt. Muss man sich nun auch um andere Sorgen machen, die ständig an den Nägel kauen? Um den Sänger Robbie Williams etwa? Oder um Angela Merkel, von deren abgekauten Fingernägeln es unzählige Bilder gibt? Oder um die eigenen Kinder, die nicht nur bei den Hausaufgaben knabbern? Wir haben darüber mit Stefan Klenk, Facharzt für Psychiatrie an der Kasseler Vitos Klinik, gesprochen.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Warum kauen manche Menschen so oft an ihren Nägeln?

Das kann viele Ursachen haben. "Oft ist das Nägelkauen eine Ablenkung bei Stress, Langeweile oder Frust", sagt Oberarzt Klenk. Ein Gefühl der Anspannung kann so kurzfristig gemildert werden, weil man durch das Kauen abgelenkt wird. Lang hält es jedoch nicht an, da oft ein Gefühl der Scham folgt. Denn abgekaute Fingernägel sehen nicht schön aus. Sie sind zudem anfällig für Pilze und Entzündungen. Auch kieferorthopädisch kann es zu gesundheitlichen Folgen kommen. "Der Zahnschmelz kann angegriffen werden", sagt Klenk, der Patienten kennt, die sich "aus Scham nicht einmal trauen, dem anderen die Hand zu geben". 

Das heißt jedoch nicht, dass diese Menschen psychisch krank sind: "Die Zeiten, in denen behauptet wurde, das seien charakterschwache Leute, sind vorbei." Vielmehr trifft es häufig Menschen, die einfach unter einem großen Druck stehen - wie Bundeskanzlerin Merkel. Manche Studien behaupten, dass bis zu 45 Prozent der Menschen an ständigem Nägelkauen leiden. Für Klenk ist das jedoch viel zu hoch gegriffen. Auch die Theorie nach Sigmund Freud, nach der unerfüllte sexuelle Fantasien beim Nägelkauen eine Rolle spielen, hält er für längst überholt. 

Ist Nägelkauen eine Zwangshandlung?

Darüber sind sich die Experten nicht einig. "Bei einer Zwangsstörung spielt die Angst eine große Rolle", sagt Klenk. Menschen, die sich etwa ständig die Hände waschen, haben Angst, krank zu werden. Eine Onychophagie, wie der Fachbegriff für das Nägelkauen heißt, kann jedoch auch eine Störung der Impulskontrolle sein: "Die Betroffenen machen es einfach, ohne darüber nachzudenken." Das ist auch bei der Trichotillomanie so, wie Mediziner es nennen, wenn sich Menschen einzelne Haare oder ganze Haarbüschel rausreißen.

#nägelkauen #ups

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Wie kann man sich Nägelkauen abgewöhnen?

Stefan Klenk

Das Wichtigste ist laut Klenk die Einsicht: "Man muss sich seines Verhaltens bewusst sein." Die meisten Menschen kauen nicht 24 Stunden am Tag an den Nägeln, sondern nur in besonderen Situationen, um Stress zu kompensieren oder (bei ADHS-Patienten) Langeweile auszuhalten. Hat man diese Situationen ausgemacht, kann man sich Alternativen überlegen. "Wenn die Hand zum Mund geht, lenke ich sie um und fasse mich ans Ohr", empfiehlt Klenk. Auch das Ballen einer Faust kann helfen.

Früher wurden häufiger auch unangenehm schmeckende Tinkturen verschrieben. Viele Patienten gewöhnten sich jedoch an den Geschmack und knabberten weiter. Trotzdem berichten Frauen, dass ihnen Nagellack geholfen habe, das Kauen sein zu lassen. Auch ein Kaugummi kann unter Umständen hilfreich sein, denn wer schon auf etwas anderem kaut, will nicht noch Reste von seinen Nägeln im Mund haben.

Was ist, wenn mein Kind ständig an den Nägeln kaut?

Dann sollte man auf keinen Fall schimpfen. "Eltern sollten sich vielmehr dafür interessieren, warum Kinder das machen", empfiehlt Klenk, denn "Nägelkauen ist ein Versuch, ein Problem zu lösen". Das kann Stress in der Schule sein oder auch eine komplett durchgetaktete Freizeit mit Reitunterricht, Klavierstunde und Fußballtraining. Manchmal ist Nägelkauen nicht ein Zeichen für zu viel, sondern für zu wenig. "Auch eine Unterforderung kann ein Auslöser sein", sagt Klenk. Oder auch ein Hang zum Perfektionismus, wie Forscher der Universität von Montreal herausgefunden haben. Wer vom Nägelkauen loskommen will, sollte übrigens auch nicht zu perfektionistisch sein. Wer etwa beim Lernen für eine Prüfung hin und wieder knabbert, bewältigt meist einfach nur erfolgreich Stress.

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