Jagen liegt im Trend

Natur genießen und schützen: Immer mehr gehen auf die Jagd

Sie sind zu jeder Jahreszeit in der Natur, erhalten das Gleichgewicht der Tier - und Pflanzenwelt – und liegen damit voll im Trend. Immer mehr Deutsche pauken für das grüne Abitur. Bundesweit haben inzwischen 350.000 Menschen einen Jagdschein.

Eugen Jung ist gut gelaunt. „Jetzt geht’s raus“, sagt der 65-jährige Rentner und steigt fröhlich ins Auto. Jung ist leidenschaftlicher Jäger und fährt so oft es geht in sein 250 Hektar großes Revier an der Kasseler Stadtgrenze. Für ein paar Stunden dem Alltag entfliehen, raus in die Natur – „das ist für mich Wellness“, sagt er. Vorbei an Heidelbeersträuchern, jungen Eichen und wilder Arnika steuert Jung, der seit 50 Jahren einen Jagdschein besitzt, seinen Lieblingshochsitz an, den er wegen der herrlichen Aussicht über das Kasseler Becken „Herkulesblick“ nennt.

Die Aufgaben eines Jägers sind vielfältig: Eugen Jung überwacht sein Revier.

Einen eigenen Hochsitz hat Heiko Pflüger noch nicht. Der 42-Jährige aus Kassel hat im Juni mit 14 anderen Naturfreunden die Ausbildung zum Jungjäger beim Jagdverein Hessenjäger Kassel begonnen. Bis zur Abschlussprüfung im kommenden Frühjahr wird er in bis zu 400 Unterrichtsstunden alles lernen, was ein Jäger können muss. „Und das ist richtig viel“, sagt er. Auf dem Stundenplan stehen etwa Biologie, das fachgerechte Aufbrechen des erlegten Wildes, Rechtskunde, Waffentechnik, Wildbrethygiene – und das Erkennen von Jagdsignalen. „Wenn ich die lernen muss, wird bei mir im Auto wohl den ganzen Tag eine Jagdhorn-CD laufen“, sagt Pflüger mit einem Grinsen. Hinzu kommen unter anderem verschiedene Lehrgänge sowie Training am Schießstand.

Galerie: Eindrücke von der Pirsch

Faszination Jagd: Auf der Pirsch mit Eugen Jung und Heiko Pflüger

„Schießen gehört bei der Jagd natürlich dazu“, sagt Eugen Jung, „sonst hätte ich ja auch Pilzsammler werden können.“ Er steigt aus dem Auto, hängt sich Fernglas und Gewehr über die Schulter und pirscht sich durchs hohe Gras. Auf dem Weg zum Hochsitz entdeckt Jung einen aufgewühlten Erdhaufen. „Ein Jäger muss sämtliche Spuren lesen können“, sagt er und erklärt, dass Abdrücke im Waldboden, Biss-Spuren an Sträuchern und Kratzer an Bäumen Hinweise auf die im Revier lebenden Tierarten seien.

Da hierzulande fast kein Raubwild mehr lebt, gehört es zu den Aufgaben von Jägern und Förstern, die Wildbestände zu regulieren. „Ich muss wissen, was in meinem Revier los ist und zur Not eingreifen“, sagt Jung. Wildschweinpopulationen, die oft nicht nur für aufgewühlte Erdhaufen, Krankheiten und Forstschäden verantwortlich seien, sondern nachts mitunter halbe Maisfelder leer fressen, hat er deshalb besonders im Auge.

„Wenn man in seinem Bezirk 50 Wildsauen hat und nichts macht, hat man in drei Jahren 3000 Stück“, erklärt Wolfgang Schmidt die enorme Vermehrungsrate der Schwarzkittel. Auch wenn die Keiler oft als Plage betrachtet werden, lehrt Schmidt, seit elf Jahren Ausbildungsleiter bei den Hessenjägern und Revierleiter der Försterei Habichtswald, seinen Schülern, dass Tiere generell nicht als Pappscheiben betrachtet werden dürften. „Wer das grüne Abitur hat, hat gleichzeitig eine große Verantwortung.“

Um ihr gerecht werden zu können, treffen sich Heiko Pflüger und seine Mitschüler zweimal die Woche mit dem erfahrenen Waidmann zum Unterricht. „Wenn wir mit ihm im Wald sind, kennen wir zwei Stunden später beispielsweise sämtliche Baumarten“, sagt Pflüger nicht ohne Bewunderung. Er genießt die Ausbildung und freut sich schon auf die Zeit nach der Prüfung. „Im Morgengrauen einen prächtigen 18-Ender bei der Brunft zu beobachten, das ist schon ein tolles Naturschauspiel und der perfekte Ausgleich zum Berufsalltag.“

Eugen Jung hat inzwischen in seinem gepachteten Bezirk nach dem Rechten gesehen und kehrt zwei Stunden später zufrieden zurück. Über die durch sein Revier verlaufende B 83 fährt er wieder stadteinwärts. „Die Bundesstraße ist meine größte Sorge“, sagt er. Allein im vergangenen Jahr habe er durch Autofahrer sechs Rehe verloren. Doch der aufmerksame Jäger macht auch erfreuliche Entdeckungen. „Ich habe letztens einen Luchs gesehen“, erzählt er. Die streng geschützte Raubkatze sei aus Sicht eines Jägers zwar auch ein Konkurrent im Wald, „andererseits ist seine Anwesenheit aber auch ein sicheres Zeichen dafür, dass die Umwelt hier in Ordnung ist“. Und das sei doch das Wichtigste.

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