Nazi-Kriegsverbrechen: Freispruch für Kepiro

+
Sandor Kepiro (97) wird nach der Urteilsverkündung von seiner Anwältin Anna Szoor umarmt.

Budapest - Der wegen Nazi-Kriegsverbrechen in Budapest angeklagte Ungar Sandor Kepiro ist am Montag in erster Instanz freigesprochen worden.

Der heute 97-Jährige soll 1942 an einem Massaker an 1246 Juden, Roma und Serben im serbischen Novi Sad beteiligt gewesen sein. Die Region stand damals unter ungarischer Besatzung. Das Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem bezeichnete das Urteil als “Beleidigung“ der Opfer sowie als “Fehlschlag“ der Justiz und kündigte Berufung an.

Als Begründung führte das Gericht an, es sei nicht nachweisbar, dass der Angeklagte von dem Massaker gewusst habe. Kepiro hatte als Gendarm in Novi Sad an Festnahmen von Zivilisten teilgenommen. Von der anschließenden Ermordung der Verhafteten soll er aber nichts gewusst haben. Es handelte sich um eine Säuberungsaktion der ungarischen Armee, nachdem in Novi Sad Partisanenaktivitäten vermutet worden waren.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

Kepiro wurde im Prozess nicht vorgeworfen, Häftlinge getötet zu haben. Der politisch unabhängige ungarische Historiker Krisztian Ungvary sagte, Kepiro sei juristisch kaum eine Schuld nachzuweisen, er trage aber wohl eine “moralische“ Verantwortung.

Die Urteilsverkündung soll an diesem Dienstag fortgesetzt werden. Sie wurde auf zwei Tage aufgeteilt, weil sich der Angeklagte aus Gesundheitsgründen täglich nur kurz konzentrieren kann. Während der Urteilsverkündung hing er an einem Infusionstropf und wurde nach 15 Minuten wieder in die Klinik zurückgebracht, berichtete die ungarische Nachrichtenagentur MTI. Sanitäter hatten ihn aus einem Krankenhaus in den Gerichtssaal gebracht.

Das Gerichtsverfahren gegen Kepiro dürfte einer der letzten Nazi-Kriegsverbrecherprozesse sein. Der Angeklagte hatte alle Beschuldigungen zurückgewiesen und als “Lügen“ bezeichnet. Er war nach dem Krieg nach Argentinien geflohen und in den 1990er Jahren nach Budapest zurückgekehrt. Dort hatte ihn das Wiesenthal-Zentrum 2006 aufgespürt.

Das “fehlerhafte“ Urteil des Gerichts markiere einen “traurigen Tag“ für Ungarn, sagte Efraim Zuroff, Leiter des Wiesenthal-Zentrums. Gegen Kepiro gebe es “schwerwiegendes Beweismaterial“.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.