Umsetzung an australischer Schule

Neues Konzept: Schüler dürfen ausschlafen, dafür putzen sie die Schule 

Sydney. Eine neue australische Schule will anerkannte Traditionen revolutionieren: Die Kreativ-Schule im Bundesstaat Victoria lässt ihre Schüler morgens ausschlafen. Dafür putzen sie am Nachmittag die Schule.

Eine Gruppe junger Schüler steht um ein Schachbrett herum, andere diskutieren mit einem Lehrer über die Nachrichten in der aktuellen Tageszeitung. Lautes Stimmengewirr herrscht in der Kantine der neuen Alice Miller Schule in Australien, eine Oberschule, die im Februar mit 85 Schülern an den Start gegangen ist.

„Es gibt keinen Grund dafür, eine neue Schule zu eröffnen, wenn man nur die existierenden Normen repliziert“, heißt es schon auf der Webseite der Schule. Die meisten Schulen würden sich nur in ihrem Maß an Konservatismus unterscheiden.

Hergebrachte Normen werden in der neuen Alice Miller Schule in Australien deswegen kaum eine Rolle spielen. Die Schule, die nach der berühmten Schweizer Kindheitsforscherin und Erfolgsautorin Alice Miller benannt ist, ist das geistige Kind eines anderen Erfolgsautors, des Australiers John Marsden.

Schuldirektor ist Bestseller-Autor

Marsden, der mit seiner Tomorrow-Serie Weltbestseller geschrieben hat, hat seine Liebe zum Unterrichten mit 28 Jahren entdeckt. Seine eigene Jugend war problembehaftet. Nach einer militärisch strengen Oberschule brach er ein Jurastudium ab und kämpfte mit inneren Dämonen. Depressionen und Selbstmordgedanken quälten ihn.

Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie arbeitete der heute 65-Jährige in insgesamt 32 unterschiedlichen Berufen: Als Schlachter, Pizzalieferant, Motorradkurier, Nachtwächter und sogar in einem Leichenhaus. Erst als er 1978 ein Lehrerstudium begann, fiel sein Leben wieder in seine Fugen.

Mehr Universität als klassische Schule

Mit seiner neuen Schule im australischen Bundesstaat Victoria will Marsden mehr den Ideen einer Universität nacheifern, als einer traditionellen Schule. Es wird neben dem Unterricht auch Online-Angebote geben, sodass Schüler auch mal von zu Hause aus arbeiten können.

Die Gebäude stehen auf einem 32 Hektar großen Stück Buschland umgeben von Kängurus, Koalas, Wombats und Schnabeltieren. Neben einem Fünf-Loch-Golfplatz und einem zehn Meter langen, beheizten Hallenbad gibt es Labore, ein Fitnessstudio, Tennis- und Basketballplätze. Der Unterricht findet von 10.30 Uhr am Morgen bis um 17 Uhr nachmittags statt, um besser in den Schlafrhythmus von Teenagern zu passen. Die Stunden und Fächer soll flexibel bleiben und sind nicht unbedingt an Jahrgangsstufen gebunden. Kunst und Kultur werden ein großes Gewicht erhalten und die Lehrer, die an der Schule unterrichten, sind wie Marsden inspirierende Persönlichkeiten. Unter ihnen sind Dichter, Musiker, Künstler und Schauspieler. Eine Lehrerin ist über die Anden gewandert, ein weiterer hat in Afrika geforscht.

Schüler putzen die Schule

Die Schule, die jährlich 12.000 australische Dollar (knapp 8000 Euro) kostet, verköstigt ihre Schüler, die ihre Pausenbrote in der Kantine selbst machen und danach auch selbst wieder aufräumen. Reinigungspersonal wird es überhaupt nicht geben in der Alice Miller Schule – die Schüler helfen am Ende des Tages zusammen und putzen Klassenzimmer und Toiletten gemeinsam. „Die Schule glaubt nicht daran, dass es im Interesse der Schüler ist, Erwachsene dafür zu bezahlen, den Schmutz, den sie verursacht haben, für sie aufzuräumen“, heißt es auf der Webseite.

Das hat auch etwas mit dem gegenseitigen Respekt zu tun, der Schuldirektor Marsden wichtig ist. Viel werde darüber gesprochen, wie sehr wir Kinder schätzten, sagte er einst in einem Interview mit dem Sender ABC. „Aber, wenn man die Realität anschaut, ist sie oft ganz anders, da sie degradierend behandelt werden.“

Viele Jugendliche zeigten große Fähigkeiten, doch wenn sie zur Schule kämen, dürften sie nicht mal alleine die Straße überqueren, ohne dass ein Lehrer dabei sei. „Es ist, als würden wir eine ganze Generation zurückhalten und das stört mich.“ (yeu)

Rubriklistenbild: © dpa

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