Kritik von hessischen Landtagsfraktionen

Schutz vor dem Wolf: Tierhalter fordern Abschuss - Das sagen Politiker und Behörden

Im Wald: Wolf im Wildpark Knüll in Hessen.
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Ein Wolf im Wald (Wildpark Knüll, Hessen).

Schutz vor dem Wolf in Hessen: Die Stölzinger Wölfin hat bereits über 22 Weidetiere getötet. Tierhalter fordern den Abschuss. In der Politik herrscht Uneinigkeit.

  • Schutz vor dem Wolf: Wie sollen Weidetiere im Territorium der Stölzinger Wölfin geschützt werden?
  • Das Umweltministerium in Hessen sei völlig hilflos.
  • Das sagen die Behörden und Politiker in Hessen zum Schutz vor dem Wolf.

Bad Hersfeld - Wie sollen Schafe, Ziegen und andere Weidetiere im Territorium der Stölzinger Wölfin künftig vor Übergriffen geschützt werden? Dazu gibt es vom Hessischen Umweltministerium „keine pauschale Empfehlung“. Das antwortet die Behörde in Hessen auf eine HNA-Anfrage.

Bei acht genetisch nachgewiesenen Angriffen vom Wolf im Stölzinger Gebierge sind bislang 22 Schafe, Ziegen und Kälber getötet worden. Ein Abschuss, wie von Weidetierhaltern gefordert, kommt für das von Grünen-Politikerin Priska Hinz geführte Ministerium in Hessen aber bislang nicht infrage, obwohl die Tiere fast immer fachgerecht eingezäunt waren – wir berichteten.

Wolf in Hessen: Höhe der Zäune

Das Land Hessen empfiehlt Schaf- und Ziegenhaltern als „Grundschutz“ vor Wölfen 90 Zentimeter hohe Elektrozäune. Unsere Zeitung hat das Ministerium nun gefragt, wie die Tierhalter im Stölzinger Gebirge reagieren sollen, wo es trotz dieses Schutzes zu Angriffen kommt. Darauf antwortet Pressesprecherin Julia Stoye zunächst nur, dass „eine Verstärkung des Herdenschutzes“ oder die Abschreckung mit Flatterband (wird in der Regel rund 30 Zentimeter über den Elektrozäunen gespannt) „in Betracht komme“.

Auf konkrete Nachfrage nennt die Sprecherin keine Zentimeterangabe, wie es andere Bundesländer wie zum Beispiel Sachsen tun. Herdenschutz liege in der Verantwortung der Tierhalter. Die könnten auch „freiwillig mehr machen“ als den Grundschutz von 90 Zentimetern.

GebirgeStölzinger Gebirge
LageNordhessen
Höchster Gipfel Eisberg (583 Meter)
TypMittelgebierge

Wolf in Hessen: Abschreckung mit Gummigeschossen

Als eine mögliche Reaktion auf das Verhalten vom Stölzinger Wolf nennt Stoye zunächst auch die Abschreckung mit Gummigeschossen. Auf konkrete Nachfrage, ob dies geplant sei, sagt die Pressesprecherin, dass dies derzeit noch keine sinnvolle Option sei. Was zum Herdenschutz angemessen sei, berate man regelmäßig mit den weiteren zuständigen Behörden in Hessen: dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie und den Regierungspräsidien.

In einer Schrift des Bundesamtes für Naturschutz, auf die die Ministeriumssprecherin verweist, werden Vergrämungsmaßnahmen – also auch der Gebrauch von Gummigeschossen – als grundsätzlich nicht geeignet eingestuft, um einem Wolf das Fressen von Nutztieren abzugewöhnen. „Um eine langfristige Verhaltensänderung zu bewirken, müsste das Tier bei jedem Versuch, ein Nutztier zu töten, bestraft werden. Dies ist in der Praxis nicht durchführbar.“

Wolf in Hessen: Schutz von Rindern

In Hessen gibt es für den Schutz von Rindern bislang keinen definierten Grundschutz, wie es bei Schaf- und Ziegenhaltung der Fall ist. Das ist laut Stoye auch nach dem ersten nachgewiesenen Kälber-Riss der Stölzinger Wölfin (im Mai bei Sontra) nicht vorgesehen. „Es kommt oft auf die Umstände des Einzelfalls an“, sagt die Sprecherin.

Stromführende Litzen seien immer zu empfehlen. Die Lage sei bei Rindern komplexer als bei Schafen. Stoye nennt keine Beispiele für Zaunhöhen oder Anzahl der Zaunlitzen. Sie verweist darauf, dass Rinder ausgesprochen selten von Übergriffen von einem Wolf betroffen seien – wenn doch, seien meist junge Kälber die Opfer. Abhilfe könne ein vorübergehendes Aufstellen trächtiger Tiere schaffen.

Wolf in Hessen: Situation im Territorium

Spezielle Förderrichtlinien für anerkannte Wolfsterritorien hat das Umweltministerium bislang abgelehnt und darauf verwiesen, dass in Hessen überall dieselben Regularien gelten, weil überall mit einem Wolf gerechnet werden müsse. Nun sagt Stoye, dass eine Differenzierung von Fördermitteln erwogen werde mit dem Ziel, „in Gebieten mit sesshaften Wölfen weitergehende Herdenschutzmaßnahmen der Weidetierhalter fördern zu können“.

Erfahrungen aus anderen Bundesländern, die in Wolfsgebieten teilweise 100 Prozent der Anschaffungskosten für Zäune tragen, würden in die regelmäßige Anpassung des Wolfsmanagementplanes einfließen. Auf der Internetseite des Ministeriums ist allerdings derzeit lediglich eine Fassung dieses Plans von Juli 2015 zu finden.

Wolf in Hessen: Hilflosigkeit im Umweltministerium

Der Friedewälder Berufsschäfer Frieder Beyer, Sprecher der AG Herdenschutz beim Berufsschäferverband, nennt die Antworten aus Wiesbaden „im Grunde skandalös. Im Ministerium herrscht völlige Hilflosigkeit, die Hände werden in den Schoß gelegt.“ Die angedeutete Empfehlung, die Zäune nun zu verstärken, sei genau das, was Weidetierhalter schon im vergangenen Jahr befürchtet hätten. Er hält eine flächendeckende Einzäunung mit 90 Zentimeter hohen Elektrozäunen grundsätzlich für sinnvoll, „wo sie möglich ist“.

Damit verweist er insbesondere auf Weidetierhalter mit kleinen Herden, die häufig vom Aussterben bedrohte Schaf- und Ziegenarten haben, und damit einen großen Anteil am Artenschutz in Hessen haben. Sie beweiden häufig schwer einzuzäunende Wiesen – teilweise mit fest installierten Knotengitterzäunen, die vor der Rückkehr vom Wolf immer ausgereicht hätten und nach einmaligem sehr großen Aufwand 20 bis 30 Jahre halten. „Wenn die Kleinen nun noch aufrüsten sollen, wäre das Wahnsinn. Der Aufwand ist für viele nicht zu stemmen.“

Wolf in Hessen: Abschuss sei sinnvoll

Mit Zäunen sei der Stölzinger Wölfin nun nicht mehr beizukommen. Sinnvoll sei nur der Abschuss. Bisher sei in der Region in Hessen nur ein Wolf offiziell bestätigt. Da könne man sich ausrechnen, wie es weiter gehe, wenn sich ein Rudel etabliert. „Die Situation der Weidetierhalter eskaliert“, sagt Beyer.

Dass für Rinder überhaupt keine konkreten Angaben gemacht werden, nennt er ein Armutszeugnis. Erfahrungen aus anderen Bundesländern würden längst belegen, dass auch Rinder immer häufiger von Wölfen angegriffen werden. Schafhalter-Verbände sprechen sich klar für einen Abschuss der Stölzinger Wölfin aus. Unsere Zeitung hat dazu die landwirtschaftspolitischen Sprecher aller sechs hessischen Landtagsfraktionen befragt.

Wolf in Hessen: Ausgleichszahlungen nur schwacher Trost

Der Argumentation der Schafhalter folgt lediglich Wiebke Knell (FDP, Neukirchen). Sie verweist darauf, dass Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) erst im März gesagt hat, dass „Wölfe, die wiederholt empfohlene Herdenschutzmaßnahmen überwunden haben, sodass die Gefahr besteht, dass sie ernsthafte wirtschaftliche Schäden anrichten, erschossen werden dürfen“.

Damit habe sie recht. Man müsse aber auch den emotionalen Schaden aufseiten der Tierhalter berücksichtigen, die die Bilder von ihren „bis aufs Skelett abgefressenen Kälbern, Schafen und Ziegen nicht mehr loswerden“. Ausgleichszahlungen für getötete Tiere seien ein schwacher Trost.

Wolf in Hessen: „Abschuss dringend geboten“

„Es stellt sich die Frage, wann ein Wolf zum Problemwolf wird. Im Fall der Stölzinger Wölfin ist die Sache aus meiner Sicht sehr eindeutig“, sagt Knell. „Sie bedient sich seit fast einem Jahr wiederholt an Nutztierherden und scheint sich an Zäunen und weiteren Herdenschutzmaßnahmen nicht zu stören. Bevor die Wölfin sich vermehrt und dieses atypische Jagdverhalten an ihre Welpen weitergibt, halte ich einen Abschuss für dringend geboten.“

Heinz Lotz (SPD, Steinau an der Straße) sagt hingegen: „Ich halte Politiker für unseriös, die sich aus der Ferne für oder gegen den Abschuss von einem speziellen Wolf aussprechen.“ Dennoch mache der Fall der Stölzinger Wölfin deutlich, dass die „Entnahme“ von Wölfen dort erleichtert werden müsse, wo sie große Probleme bereiten.

Wolf in Hessen: Managementplan der Regierung „realitätsfern und ungeeignet“

Außerdem sei der Wolfsmanagementplan der Landesregierung „realitätsfern und ungeeignet, um die anstehenden Probleme zu lösen“. Ministerin Hinz habe bei den Planungen zum Wolf fünf wertvolle Jahre verschenkt und es damit geschafft, „Unfrieden und Verunsicherung bei allen Beteiligten zu schüren – bei den Weidetierhaltern, bei den Naturschützern und bei den Jägern. Und dem Wolf schadet die Untätigkeit des Ministeriums auch.“ Er habe das Gefühl, dass die Regierung Weidetierhalter nicht ernst nehme.

Kritik an der Landesregierung in Hessen kommt auch von Heidemarie Scheuch-Paschkewitz (Linke, Schwalmstadt). „Die Landesregierung unterstützt die Weidetierhalter schon im Hinblick auf den notwendigen Grundschutz viel zu wenig. Jetzt ist erst recht der volle Einsatz des Umweltministeriums gefragt: ein erweiterter Herdenschutz mit erhöhten Zäunen im Territorium der Wölfin, Flatterband, vielleicht Herdenschutzhunde.“

Wolf in Hessen: Abschuss nur als letztes Mittel

Mit Kreativität und voller finanzieller Erstattung durch das Umweltministerium gebe es gute Chancen, der Wölfin das Verhalten abzugewöhnen, bevor sie Nachwuchs hat und es an diesen weitergibt. Abschüsse dürften bei einer streng geschützten Art nur als allerletztes Mittel infrage kommen.

Letzteres sagt auch Lena Arnoldt (CDU, Meißner). „Bei Wölfen handelt es sich um eine gefährdete Art.“ Abschüssen seien enge Grenzen gesetzt – verantwortlich für den Umgang mit dem Wolf sei der Bund. „Wir setzen uns in Hessen für einen realistischen Umgang mit dem Wolf ein, der die unterschiedlichen Interessen in Einklang bringt und wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt. Entsprechend ist beständig zu prüfen, ob die Voraussetzungen für eine sogenannte Entnahme der Stölzinger Wölfin erfüllt sind.“

Grünen-Politiker: Brauchen Verfahren für Problemwölfe

Hans-Jürgen Müller (Grüne, Witzenhausen) weist darauf hin, dass im Bundesnaturschutzgesetz erst kürzlich die Hürden für die „Entnahme eines Problemwolfs“ gesenkt wurden, indem statt wie bisher von „erheblichen“ nur noch von „ernsten“ Schäden die Rede ist. Die EU-Kommission prüfe allerdings noch, ob das Gesetz mit dem europäischen Artenschutzrecht vereinbar sei. „Es ist jetzt wichtig, dass es eine schnelle Klärung durch die Behörden gibt, wie der Begriff „ernste Schäden“ auszulegen ist. Und dann sollte schnellstmöglich ein nachvollziehbares, rechtssicheres Verfahren zur Entnahme von Wölfen in Hessen etabliert werden.“

Aufgrund der noch unklaren Rechtsbegriffe könne man die konkrete Frage nach dem Stölzinger Wolf derzeit noch nicht beantworten. „Ich ganz persönlich bin aber der Meinung, dass ein Wolf sich dann in Richtung der Einstufung zum „Problemwolf“ bewegt, wenn er die nach „guter fachlicher Praxis“ empfohlenen Schutzmaßnahmen immer wieder überwindet. Die Messlatte für Präventionsmaßnahmen, vor einer Einstufung zum Problemwolf, lokal noch höher zu legen, etwa durch höhere Zäune, halte ich für keine gute Lösung.“

Wolf in Hessen: Eine Anfrage bleibt unbeantwortet

Müller betont außerdem, dass nach einem Wolfsriss nicht nur der finanzielle Schaden der Weidetierhalter betrachtet werden dürfe, sondern auch die starke Belastung und Verunsicherung der verbliebenen Herde. Gerhard Schenk (AfD, Bebra) ließ unsere Anfrage unbeantwortet. (Christopher Ziermann)

Im Stölzinger Gebirge in Hessen hat sich ein Wolf angesiedelt. Das hat vor allem für Schäfer Auswirkungen.

Nahe Rotenburg wurde ein seltenes Kalb gerissen. Ob das Kalb in Hessen wirklich von einem Wolf gerissen wurde, kann auch die DNA-Analyse nicht eindeutig klären. 

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