Kolumne "News vom Miami Harald"

News vom Miami Harald: Was heißt eigentlich Vokuhila auf Spanisch?

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In den 80er- und Anfang der 90er-Jahren modern: Steffen Heidrich vom damaligen Fußball-Bundesligisten VfB Leipzig im Jahr 1993 mit einem Vokuhila.

Ein deutscher Freund hatte mich noch gewarnt: „Ich lasse mir hier nicht die Haare schneiden, das sieht immer komisch aus.“ Hätte ich mal auf ihn gehört. Aber gut, der „Fiffi“ musste nach Wochen ohne Scherenkontakt geschnitten werden.

Der auserwählte Barbershop (Frisörsalon) machte von außen keinen schlechten Eindruck. Die Lage Miami Beach, der Preis auf der Tafel mit 17 Dollar nicht zu billig und nicht zu teuer und das Personal sah von außen auch (noch) vertrauenerweckend aus. Also rein.

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„Haben Sie Zeit mir die Haare zu schneiden?“, fragte ich. „Klar, wir haben Zeit“, sagte der Chef in gebrochenem Englisch und winkte einen Kollegen ran. „Ich möchte es nur ein wenig kürzer haben“, sagte ich ihm. „Como?“, schaute der herbeigerufene Frisör erst mich und dann seinen Boss fragend an. Der Mann verstand nur Spanisch – eigentlich nicht überraschend. In manchen Ecken in Miami wird nur Spanisch gesprochen. Nicht umsonst heißt hier eine Straße „Little Havana“. Trotzdem: Beim Haareschneiden ist es durchaus hilfreich, sich etwas in derselben Sprache verständigen zu können. Für einen Augenblick sah ich mich deshalb schon aus dem Laden rennen. Ein „Como ein anderes mal wieder“ auf den Lippen. Doch ich blieb, wahrscheinlich aus Höflichkeit. Und damit war es für eine Flucht zu spät.

Also erklärte ich dem Chef wie meine Frisur aussehen sollte. Der Chef wiederum berichtete dann meinem Frisör wie der „Gringo“ seine Haare haben wollte. Englisch, Spanisch, Spanisch, Englisch – Völkerverständigung in Miami.

Ich setzte mich und blickte auf den Nachbarstuhl - ein Mann bekam gerade seine kahl rasierten Kopf poliert. Etwa auch ein englischsprachiger „Gringo“, der sich in diesen Laden verirrt hatte? Dann legte mir der Frisör den Umhang des Schreckens um.

Max Holscher, 29, ist seit September 2011 HNA-Volontär und arbeitet derzeit als „Arthur F. Burns“-Stipendiat zwei Monate lang für den Miami Herald. Der gebürtige Witzenhäuser berichtet von dort auch für die HNA - zum Beispiel in seiner „Miami Harald“-Kolumne.

Nachdem er meine Haare schön nach vorne gekämmt hatte, machte er sich an die Arbeit. Mit der Hand zeigte er an, wie kurz er sie schneiden wollte. Ich nickte. In einer äußerst geraden Linie schnitt er die Spitzen ab. Ich blickte auf und schaute in den Spiegel. Woher kannte ich das Gesicht nur, das mich da entsetzt anschaute. „Hallo Prinz Eisenherz“, fiel es mir plötzlich ein. Ich hätte es mit einem Topf auf dem Kopf und gefesselten Händen selbst nicht besser schneiden können. „Vielleicht sollte ich doch zur Glatze wechseln“, sagte ich zu meinem Stuhlnachbarn. „Ja, das ist einfacher“, antwortete er auf Englisch.

Mit dem Rasierer fuhr der Frisör nun um die Ohren. Sollte sich die gerade Kontur, die vorne an meiner Stirn begonnen hatte, etwas um den ganzen Kopf fortsetzen? Langsam überkam mich Panik. Der Frisör hob fragend den Daumen. Ich versuchte Tipps zu geben, gab aber nach einigem Gemurmel auf. „Ja Ja, alles top“, sagte ich und hob ebenfalls den Daumen.

In Gedanken sah ich mich schon mit einer Wollmütze durch das sonnige Miami laufen.

Max Holscher

Zwischendurch schaffte ich es doch noch ein paar Hinweise unterzubringen, aber auch nur, weil der Boss mit seinen rudimentären Englischkenntnissen aushalf. Am Schluss ging es um die Koteletten. „Bitte etwas kürzen“, sagte ich. Der Frisör setzte an: Zack war eine weg. „Ich habe gesagt, kürzen, nicht abrasieren. „Ja, aber sie waren nicht gleichmäßig“, erklärte der Chef am Nachbarstuhl. Ja ,das stimmt, jetzt sind sie wirklich nicht mehr gleichmäßig. Schließlich fehlt ja nun eine, dachte ich mir.

Nach 15 Minuten war ich fertig. Fix und fertig. Im Spiegel sah ich nun das Resultat. Vokuhila – vorne kurz und hinten lang. Ein Schock. Ich zahlte die 17 Dollar und gab sogar Trinkgeld. Schließlich war nun eh alles vorbei. Neidisch blickte ich beim Verlassen des Ladens auf den Mann mit der Glatze, der sich gerade seinen Bart färben ließ.

Ich trat ins Freie – der Wind wehte durch meine Haare. Die Matte im Nacken hob sich durch den Windstoß. „Gut, dass die 80er gerade wiederkommen“, tröstete ich mich. Aber es half nicht.

Have a good one,

Euer Miami Harald

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